Die Bevölkerung im Donbass hat sich seit der ersten russischen Invasion im Jahr 2014 fast halbiert. Damals flüchtete ein grosser Teil der pro-ukrainischen Bewohner. Nach Beginn des russischen Grossangriffs 2022 suchten aber auch viele pro-russische Ukrainer das Weite. Die meisten von ihnen liessen sich in Russland nieder.
Der Kreml herrscht im Donbass, also in den Oblasten Donezk und Luhansk, über teilweise entvölkerte Gebiete. Die zweitgrösste Stadt im Donbass ist Mariupol, die während der russischen Eroberung ganz zu Beginn der Grossinvasion teilweise zerstört wurde.
Schon bald nach der Einnahme und der Vertreibung von mehreren Hunderttausend Ukrainern aus der Region zeigten Bilder aus der Hafenstadt Händler und Marktverkäufer mit asiatischen Gesichtszügen. Moskau liess diese Leute in Mariupol ansiedeln, nicht zuletzt auch, um die ukrainische Identität und Sprache im «Neurussland» genannten Osten und Süden der Ukraine zu zerstören.
Selbstverständlich wird die ukrainische Sprache in den Schulen der besetzten Gebiete nicht mehr unterrichtet, und wer als Ukrainer dort noch leben möchte, muss sich russische Papiere besorgen. Laut dem ukrainischen Militärgeheimdienst wurden inzwischen mehr als 200’000 ethnische Russen und rund 100’000 Arbeitsmigranten aus Zentralasien und dem Kaukasus in den besetzen Gebieten angesiedelt.
Anreize für russische Beamte und Militärs
Für Beamte locken hohe Löhne, zum Teil das Doppelte von dem, was man im «alten» Russland verdienen kann. Ausserdem gibt es Mietzuschüsse. Lehrer oder Ärzte, die einen Arbeitsvertrag über fünf Jahre in «Neurussland» unterschreiben wollen, müssen russische Bürger sein. Häufig erhalten sie Land oder Wohnungen, die zuvor Ukrainern gehörten. Landparzellen werden auch an russische Militärs verteilt.
Wer sich zum Beispiel in Mariupol eine Wohnung kaufen möchte, kann einen Hypothekarkredit zum für Russland sagenhaft tiefen Zinssatz von zwei Prozent beantragen. Um die Spuren des Kriegs und die unzähligen behelfsmässigen Gräber von Zivilisten zum Verschwinden zu bringen, wird in Mariupol viel gebaut. Wenn russische Fernsehteams die neuen Wohnhäuser besichtigen, wird jeweils so gefilmt, dass man die zerstörten Gebäude in der Nachbarschaft nicht erkennen kann.
Russland und die Sowjetunion haben eine lange Tradition ethnischer Vertreibungen und Ansiedlung ethnischer Russen in neu eroberten Landesteilen. Als sich das russische Zarenreich die Krim Ende des 18. Jahrhunderts gewaltsam einverleibte, floh ein Teil der indigenen Krimtataren – ein muslimisches Turkvolk – ins damalige osmanische Reich. Unter Stalin wurden 1944 dann praktisch alle Krimtataren deportiert.
Ethnisch gesäubert und neu besiedelt
Die «Russifizierung» von Regionen, die nicht zum Siedlungsgebiet der ethnischen Russen gehören, hat in der Sowjetunion und in Russland meist ähnlich funktioniert. Mit ökonomischen Anreizen lockt man russische Bürger in die Gebiete, die man zuvor von der eingesessenen Bevölkerung «ethnisch gesäubert» hat.
Um für ethnische Russen attraktiv zu sein, braucht es in dem vom Krieg zerstörten Mariupol natürlich ein entsprechendes Wohnungsangebot. So meldete die russische Nachrichtenagentur Tass kürzlich ganz stolz, wie stark das Angebot an Neuwohnungen zugenommen habe. Mariupol liege dabei an der Spitze aller südrussischen Regionen.
So sei die Zahl der zum Verkauf stehenden Objekte innerhalb eines Jahres um 219 Prozent auf mehr als 3500 in die Höhe geschossen. Kein anderer Standort in Südrussland weise eine derart explosive Dynamik auf. Nach den russischen Bombardierungen Mariupols wirken solche Aussagen mehr als zynisch.


