
Pendeln Hunderttausende Menschen in der Schweiz, weil es in den Städten zwar Arbeitsplätze, aber zu wenige Wohnungen gibt? Würden sie näher an ihrer Arbeitsstelle wohnen, wenn in Zürich, Bern oder Basel mehr Wohnraum entstünde? Diese Frage und jene nach dem idealen Verhältnis von Beschäftigten zu Einwohnern werden in der Politik kontrovers diskutiert. In Zürich und Basel haben die Parlamente die Regierungen vor kurzem aufgefordert, Konzepte zu entwickeln, wie ein sinnvolles Verhältnis von Arbeitsplätzen zu Einwohnern erzielt werden könnte.
Die Befürchtung dahinter: Wenn eine Stadt zu wenige Wohnungen im Verhältnis zu ihrer Arbeitsplatz-Zahl aufweist, werden Mieterinnen und Mieter verdrängt. Und je ausgeglichener das Verhältnis ist, so die Hoffnung, desto eher könnte auch das Pendeln reduziert werden.
Die Basler Regierung nennt in ihrer Antwort ein «ideales Verhältnis» von 0,5 Beschäftigten pro Einwohnerin und Einwohner. Von einem solchen Verhältnis sind Schweizer Städte weit entfernt, wie eine Studie des Planungsbüros Metron im Auftrag der Stadt Zürich zeigt.
Pendeldauer ist unabhängig vom Wohnort
In der Stadt Bern beträgt diese Quote 1,47, in Zürich 1,26, in St. Gallen 1,12. In der Stadt Basel liegt dieser Wert bei 1,10 und in Luzern bei 0,99. In Vollzeitäquivalenten gerechnet liegt dieser Wert jeweils um etwa 0,3 bis 0,4 Punkte tiefer, ist aber immer noch weit entfernt von der als ideal angesehenen Grössenordnung. Dafür bräuchte es deutlich mehr Einwohner und damit Wohnungen.
Die Rolle der Städte als Arbeitsplatzmagnete führt dazu, dass Hunderttausende jeden Tag mit dem Auto oder mit dem öffentlichen Verkehr aus ihrem Zuhause in der Agglomeration oder auf dem Land dorthin pendeln. In die Stadt Zürich pendeln derzeit 214'000 Menschen für die Arbeit, nach Basel 93'000, nach Bern 91'000. Das ist aus vielen Gründen problematisch: Etwa wegen der dafür benötigten Infrastruktur, den Emissionen und dem Lärm des Verkehrs, aber auch, weil es wenige Dinge gibt, die Menschen unglücklicher machen als das Pendeln. Zudem steht die Frage im Raum, ob viele dieser Menschen lieber in der Stadt und näher am Arbeitsplatz wohnen würden, es aber mangels Wohnung nicht können.
Nur: Würden die Pendlerinnen und Pendler tatsächlich eine Wohnung in der Stadt mieten, wenn es diese nur gäbe, und dadurch ihren Pendelwege verkürzen? Die Studie von Metron kommt zu einem gegenteiligen Schluss.
Warum ziehen Menschen nicht in die Stadt?
Die Autoren haben Daten des Bundes zum Pendeln analysiert. Dabei zeigte sich, dass das Verhältnis von Beschäftigten zu Einwohnenden auf das Pendeln nur einen sehr kleinen Einfluss hat. Bei weniger als 0,4 Beschäftigten pro Einwohner beträgt der durchschnittliche Pendelweg 10,8 Kilometer, bei einer als ideal angesehenen Quote von 0,4 bis 0,8 sind es 10,4 Kilometer. Bei einem deutlich höheren Verhältnis von 1,2 bis 1,6 Beschäftigten pro Einwohner sind es 10,1 Kilometer. Erst danach steigt dieser Wert an. Allerdings gibt es kaum Schweizer Städte, die so hohe Werte überhaupt erreichen. Mit anderen Worten: Ob es genug Wohnungen für alle Jobs in einer Stadt gibt, ist fürs Pendeln wenig relevant.

Ähnlich sieht es bei der Dauer des Pendelweges aus. Beim Verhältnis von weniger als 0,4 Beschäftigte pro Einwohnerin und Einwohner beträgt diese durchschnittlich 22,9 Minuten, bei 0,4 bis 0,8 Beschäftigten pro Einwohnerin und Einwohner sind es 22,5 Minuten, bei 1,2 bis 1,6 Beschäftigten pro Einwohnende 22,1 Minuten.
«Für den Grossteil der Arbeitnehmenden in der Schweiz ist es heute Realität, nicht am Wohnort zu arbeiten», schreiben die Autoren. «Das Verhältnis von Beschäftigten zu Einwohnenden am Arbeitsort hat nur geringfügige Auswirkungen auf die Länge und Dauer der Arbeitswege der Zu- und Binnenpendelnden.» Die Vermutung, dass die Wohnbevölkerung häufiger direkt vor Ort arbeite, wo das Verhältnis ausgeglichener sei, lasse sich nicht bestätigen. Städte mit vielen Arbeitsplätzen würden hingegen viele Pendler aus grösseren Entfernungen anziehen.
Das Reisezeitbudget bleibt konstant
Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Beispielsweise wollen einige Menschen per se nicht in einer Stadt wohnen und würden dies auch nicht tun, wenn sie eine Wohnung gleich neben ihrem Arbeitsplatz haben könnten. Andere wählen ihren Wohnort nicht nach dem Arbeitsplatz aus, weil sie oft die Stelle wechseln, weil die Familie in einem Ort verwurzelt ist oder die Partnerin oder der Partner an einem anderen Ort arbeitet.
Die Ergebnisse der Metron-Studie passen zur Theorie des «konstanten Reisezeitbudget». Die Mobilitätsforschung zeigt, dass Menschen weltweit über Jahrzehnte hinweg in etwa die gleiche Zeitdauer pro Tag für Reisen aufwenden, wozu auch das Pendeln gehört. Das ist unabhängig vom Angebot von Wohnungen, dem Zustand der Strasse oder der Attraktivität des öffentlichen Verkehrs. Denn Menschen messen Mobilität eher in Zeit als in Distanzen.
In der Schweiz investieren die Menschen täglich etwa 80 bis 90 Minuten für ihre Wege. Wenn der öffentliche Verkehr ausgebaut und schneller wird oder neue Strassen eröffnet werden, senkt sich dieser Wert in der Regel nicht. Die neu gewonnene Zeit wird stattdessen in längere Distanzen investiert – etwa, indem ein Wohnort gewählt wird, der weiter vom Arbeitsort entfernt ist.



