Sie eröffnen Buchhandlung um Buchhandlung in einer Zeit, in der Konkurrenten schliessen. Wissen Sie etwas, was die anderen nicht wissen?
Simona Schmidt-Flammer: Nein. Wir haben einfach tolle Teams, die ihren Job gut machen – im Verkauf und im Hintergrund, vom Marketing bis hin zu den Finanzen und dem Filialbau. Zudem organisieren wir über 1000 Veranstaltungen für unsere Kundschaft pro Jahr.
Dieses Erfolgskonzept klingt relativ simpel.
Ich will nicht sagen, dass wir die einzigen sind, die es so machen. Aber wir legen nun mal extrem viel Wert auf diese Kundenbindung und verfügen über viel Erfahrung im Schweizer Buchhandel. Obwohl der Buchmarkt in der Deutschschweiz seit Jahren stagniert, können wir uns erfreulich entwickeln.
Fürs erste Halbjahr 2026 weisen Sie ein Plus von 2,7 Prozent aus. Darin stecken allerdings auch Übernahmen und neue Neueröffnungen. Legen Sie auch flächenbereinigt zu?
Ja. Und grundsätzlich legen wir grossen Wert darauf, dass alle unsere Filialen wirtschaftlich erfolgreich arbeiten. Ich erinnere mich gut an die Eröffnung im thurgauischen Weinfelden im Sommer 2023. Ich wohne in dieser Region, und viele haben mir gesagt: «Simona, jetzt spinnst du komplett. In einer Stadt mit 20'000 Einwohnern, eine halbe Stunde von Konstanz entfernt – warum eröffnet ihr dort eine Buchhandlung?»
Warum?
Weil wir sahen, dass es eine Nachfrage gibt. Es ist ein Wirtschaftsgebiet mit einer grossen Berufsschule. Die Schülerinnen und Schüler sowie das Lehrpersonal schätzen es, spontan vorbeikommen zu können und sich beraten zu lassen. Je näher wir bei den Kundinnen und Kunden sind, desto besser funktioniert es, auch in kleineren Regionen.
Sie haben gesagt, dass jede Filiale profitabel sei....
Wirtschaftlichkeit ist für uns bei jedem Standort ein wichtiges Kriterium. Wir versuchen unsere Strukturen laufend zu optimieren und probieren auch Neues aus. So haben wir vor kurzem eine Filiale im Fressbalken eröffnet.
In der Autobahnraststätte im aargauischen Würenlos?
Ja. Dort gibt es über eine Million Besucher pro Jahr, am Wochenende ist es ein Treffpunkt mit Delikatessengeschäft und einem sehr unterschiedlichen Publikum. Solche Konzepte testen wir bewusst. Es kann natürlich auch sein, dass etwas einmal nicht funktioniert. Das gehört zum Detailhandel dazu.
Wie oft mussten Sie schon Filialen schliessen?
Teilweise mussten wir Standorte aufgeben, weil wir den Mietvertrag nicht verlängern konnten. Im Kanton Bern, in Lyss und in Bern selbst, kam beispielsweise ein Grossverteiler auf die Fläche. Da hatten wir keine Chance. Auch unsere Buchhandlung Meissen in Aarau mussten wir schliessen.
Sie haben nun 60 Filialen. Wie viele sollen es einmal werden?
Bald sind es mehr! Wir haben soeben den Vertrag für eine neue, rund 200 Quadratmeter grosse Orell-Füssli-Filiale im Bahnhof Zürich unterschrieben. Es handelt sich um die Fläche im Südtrakt des Bahnhofs, in der aktuell Soeder drin ist. Die Eröffnung ist für Frühling oder Sommer 2027 vorgesehen. Für die kommenden zwei Jahre sind zudem weitere Standorte konkret in Planung.
Wie viele Filialen werden es in 5 Jahren sein?
Wir haben uns keine konkrete Zahl zum Ziel gesetzt. Entscheidend ist immer, dass Lage, Konzept und wirtschaftliche Voraussetzungen stimmen. Wenn sich passende Möglichkeiten ergeben, werden wir unser Filialnetz auch in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Aber es ist sicher realistisch, dass in den nächsten drei bis fünf Jahren bis zu 10 Buchhandlungen dazukommen.
Sie haben im Februar zusätzlich die Papeterie-Kette Köhler mit 13 Filialen übernommen. Werden das bald Buchhandlungen?
Nein. Das ist eine traditionsreiche Marke und ein Lebenswerk der Familie Köhler. Die Köhler-Papeterien werden unverändert unter der Marke Köhler weitergeführt. Mit der Übernahme haben wir unsere Präsenz im Papeteriebereich gestärkt. Da wir Papeterie bereits seit Jahren erfolgreich in vielen unserer eigenen Filialen führen, bringen wir die entsprechende Erfahrung und Kompetenz mit, um dieses traditionsreiche Unternehmen langfristig und nachhaltig weiterzuentwickeln. Wir sind und bleiben jedoch in erster Linie Buchhändler.
Gleich beim Geschäftseingang in der Zürcher Hauptfiliale stehen elektronische Ventilatoren, made in China.
Natürlich führen wir auch Geschenke und ergänzende Sortimente. Wir sind da flexibel. In der Hitzewelle sind Ventilatoren nun mal sehr gefragt. In Basel und Aarau verkaufen wir die Aare-Bags fürs Schwimmen. Aber über 80 Prozent unseres Umsatzes stammen aus dem klassischen Buchgeschäft.
Wie wichtig sind die Legami-Stifte mit den Tierfiguren, die bei Kindern derzeit sehr beliebt sind?
Das ist unglaublich. Ich sehe das bei meinen Nichten und Neffen. Wenn ich mit ihnen in eine Buchhandlung gehe, wollen sie sofort zu diesen Produkten. Das ist ein Fluch...
...beziehungsweise ein Segen für Ihre Umsätze.
Klar. Aber man muss auch sehen: Solche Hypes gab es schon immer. Und sie enden auch mal wieder.
Ist die Suche nach neuen Standorten eigentlich schwieriger geworden?
In den vergangenen Jahren war sie sehr schwierig. Momentan erhalten wir wieder mehr Angebote.
Wer sind Ihre grössten Konkurrenten? Die deutschen Drogerie-Riesen Müller und Rossmann?
Natürlich verfügen internationale Grosskonzerne wie Rossmann oder Müller über ganz andere finanzielle Möglichkeiten als wir. Wir haben aber das Glück, dass viele Eigentümer grossen Wert auf einen ausgewogenen Mietermix legen. Dadurch erhalten wir immer wieder attraktive Flächen, die für uns wirtschaftlich sinnvoll sind.
Wie an den Bahnhöfen, wo Sie Filialen betreiben. Werden Sie von den SBB bevorzugt behandelt?
Nein, natürlich nicht. Wir müssen ganz normal an den Ausschreibungen teilnehmen. Ein fünfköpfiges Team arbeitet bei uns an den Bewerbungsunterlagen.
Gewinnt am Ende nicht einfach derjenige, der am meisten bezahlt?
Der Preis ist eine Komponente. Genauso wichtig ist das Konzept. Im Bahnhof Zürich haben wir einen Zug als Abholstation gestaltet. In Luzern steht eine Zugfront, die aus einem Tunnel herauszufahren scheint. Wir wollen besondere Elemente schaffen und nicht einfach Regale aufstellen.
Unterscheidet sich das Sortiment je nach Standort stark?
Ja. Jeder Standort funktioniert aber etwas anders. Das Sortiment wird jeweils individuell zusammengestellt. An Standorten wie etwa am Bahnhof Basel oder in der Autobahnraststätte Würenlos gibt es ein grösseres Angebot für Kinder. Viele Familien fahren in die Ferien oder sitzen lange im Auto. Deshalb laufen etwa Rätselbücher sehr gut. Dazu kommen Geschenke und Bestseller.
In den Bahnhofsfilialen in Aarau und Bern gibt es sogar Spielecken. Verkaufen Sie dank Rutschbahnen mehr Bücher, oder kosten sie vor allem viel Mietfläche?
Am Bahnhof Bern führten wir einst ein Pilotprojekt dazu durch mit einem Drittel der Ladenfläche als Spielbereich. Auch da meinten einige, ich sei verrückt. Aber Kinder sind für uns wichtig. Wenn wir Menschen mit 40, 50 oder 60 Jahren als Leserinnen und Leser haben wollen, müssen wir sie bereits als Kinder fürs Lesen begeistern, sei es mit Globi-Büchern, Comics, Mangas oder klassischen Kinderbüchern.
Hat Globi den Anschluss an die Manga-Manie verloren?
Nein, das sind unterschiedliche Zielgruppen. Globi hat nach wie vor seine Berechtigung. Der grosse Manga-Boom hat sich bei uns etwas abgeschwächt, allerdings auf hohem Niveau. Die Genres Young Adult oder Fantasy Romance sind viel wichtiger. Das sieht man auch auf Tiktok, wo diese Bücher von vielen Fans besprochen werden. Da gibt es eine sehr grosse Anzahl an Büchern, die auf den Markt kommt.
Ist die Kundschaft insgesamt also jünger geworden?
Das erheben wir nicht. Aber es ist offensichtlich, dass durch Booktok, also das Thema Buch auf Tiktok, das Lesen für die jüngere Generation wieder an Bedeutung gewonnen hat. Man inszeniert es, ein Buch gelesen zu haben, und man spricht darüber. Manchmal stehen ganze Schulklassen zwischen den Regalen und diskutieren über diese neuen Young-Adult- oder Fantasy-Romane.
Einst musste man in der Schule Max Frisch und Ingeborg Bachmann lesen. Heute geht es um Drachen und Soft-Erotik.
Wohl kaum in der Schule… Aber wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, gab es so manche Bücher, die ich ziemlich dröge fand. Umgekehrt war ich ein riesiger Fan der Jugendbuchautorin Federica de Cesco. Jüngst habe ich wieder eines ihrer Bücher aus dem Regal genommen und gemerkt: Das ist heute nicht mehr meine Welt. Grundsätzlich geht es darum, dass die Jungen überhaupt lesen.
Na ja, viele dieser Young-Adult- und Fantasy-Romane vermitteln äusserst konservative Geschlechterrollen...
Ja, das ist sicher ein Thema, für das man sensibilisiert sein muss. Als Buchhändler ist es aber nicht unsere Aufgabe, Literatur inhaltlich zu bewerten oder unseren Kundinnen und Kunden vorzuschreiben, was sie lesen sollen.
Viele dieser Titel wirken auch austauschbar. Wie viele KI-generierte Bücher stehen bei Ihnen inzwischen im Regal?
Das kann ich so pauschal nicht beantworten. Die Verantwortung für Inhalte, Gestaltung und Produktion eines Buches liegt grundsätzlich bei den jeweiligen Verlagen beziehungsweise Herausgebern. Dies gilt seit dem 2. August 2026 neu auch für die Einhaltung der EU-Verordnung zur KI‑Kennzeichnungspflicht. Wir würden eine klare Kennzeichnung seitens der Verlage begrüssen, damit wir unsere Kundinnen und Kunden noch besser dabei unterstützen können, informierte Kaufentscheidungen zu treffen.
Jedes Jahr erscheinen rund 100'000 neue Bücher. Jetzt kommen auch noch KI-Bücher dazu. Ist das nicht zu viel?
Als Buchhändlerin kann man eigentlich nie zu viele Bücher haben. Aber klar, es ist eine Herausforderung, das richtige Sortiment zusammenzustellen. Auch Nischen müssen ihren Platz haben, es können nicht alles Bestseller sein.
Derzeit ist sogar Homers Odyssee wieder in den Bücher-Hitlisten vertreten.
Ja, das hat natürlich mit dem neuen Kinofilm zu tun. Solche kulturellen Aktualitäten spüren wir sofort bei der Nachfrage, und wir reagieren dann jeweils auch beim Sortiment, stellen in diesem Fall weitere griechische Sagen in den Vordergrund. Ähnlich ist es jeweils, wenn ein neuer Harry-Potter-Film erscheint.
Ist Harry Potter nach wie vor so populär?
Absolut. Harry Potter steht jedes Jahr wieder auf unseren Bestsellerlisten, er ist ein Evergreen. Gerade zu Weihnachten verkaufen sich diese Bücher unglaublich gut. Harry Potter wird von Generation zu Generation weitergegeben. Seine Fankultur gehört weltweit zu den grössten überhaupt.
Wie entwickelt sich Ihr Online-Umsatz?
Dazu kommunizieren wir keine Zahlen. Der Onlinehandel ist für uns aber ein wichtiges Standbein. Er ist während Corona stark gewachsen, gleichzeitig hat sich auch das stationäre Geschäft sehr gut entwickelt. Viele Kaufentscheidungen werden online getroffen, die Bücher aber in der Filiale abgeholt. Je nach Standort können Abholbestellungen mehr als die Hälfte aller Onlinebestellungen ausmachen.
Warum lassen sich die Leute die Bücher nicht einfach nach Hause schicken?
Das fragen wir uns auch regelmässig. Vermutlich geht es schneller, wenn man das Paket auf dem Heimweg mitnimmt. Und oft hat man einfach Lust und Zeit, in der Filiale zu stöbern.
Und wie sieht das Verhältnis zwischen gedruckten Büchern und E-Books aus?
Gedruckte Bücher machen nach wie vor knapp 80 Prozent aus.
Auch bei den Jungen?
Ja. Gerade für Junge ist das Buch heute oft ein Lifestyle-Produkt. Mit schön gestalteten Buchrücken, Prägungen oder Hologrammen wird das Buch selbst zum Sammelobjekt. Im Young-Adult-Bereich erscheinen aufwendig gestaltete Ausgaben.
Wie stark profitieren Sie eigentlich vom Aus der Exlibris-Filialen?
Online ist Exlibris nach wie vor präsent. Klar spürt man je nach Standort gewisse Auswirkungen. Aber bei uns sind deswegen die Verkaufszahlen nicht in die Höhe geschnellt. Vielmehr hat es die ganze Branche und mich nachdenklich gemacht, dass Exlibris verschwunden ist, genauso wie vorher bereits Weltbild.
Inwiefern nachdenklich?
Wenn ein Buchhändler verschwindet, verschwindet auch die Sichtbarkeit des Buches. Für die Branche ist das nie gut. Je häufiger Menschen Bücher sehen, desto eher kommen sie auf die Idee, eines zu kaufen, zu verschenken oder selbst wieder einmal zu lesen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich als Teenagerin bei Exlibris CDs und DVDs kaufte. Es war ein Traditionsunternehmen, das ich vermisse.
Exlibris war in den Filialen und ist online nach wie vor oft günstiger als Orell Füssli. Weshalb sind Ihre Bücher oftmals teurer?
Mit 60 Filialen haben wir eine ganz andere Kostenstruktur. Wir investieren viel in unsere Standorte und in die Kundenbindung mit Events. Wir beschäftigen ausgebildete Buchhändlerinnen und Buchhändler. Dazu kommen die Löhne, unsere Logistik, der Kundenservice – alles befindet sich in der Schweiz.
Gibt es viele Leute, die sich in der Filiale beraten lassen, dann das Buch aber anderswo günstiger kaufen?
Das können wir nie ausschliessen. Unsere bisherige Entwicklung zeigt uns, dass dieses Modell funktioniert. Unser Ziel ist nicht, den Markt mit tiefstmöglichen Preisen unter Druck zu setzen. Wir wollen nachhaltig wachsen und unseren rund 900 Mitarbeitenden eine Zukunft bieten.
Trotzdem: Im Vergleich zum grenznahen Ausland sind die Preisunterschiede zuweilen schwer nachvollziehbar. Der neue Dan-Brown-Thriller etwa kostet bei Orell Füssli rund 50 Prozent mehr.
Diese Diskussion wird immer wieder geführt – nicht nur bei Büchern. Die Kostenstrukturen in der Schweiz und im grenznahen Ausland unterscheiden sich erheblich – bei den Löhnen genauso wie bei Mieten, Logistik und weiteren Betriebskosten. Diese Unterschiede sind ein wesentlicher Faktor.
Welche Trends sehen Sie für die Buchhandlung der Zukunft?
Wir entwickeln uns weiter. Es wird mehr Erlebniswelten geben, mehr Cafés und mehr spielerische Elemente im Kinderbereich. Ein persönlicher Traum wäre ein Harry-Potter-Store in der Schweiz. Das fände ich grossartig. Wenn man sich den Flagship-Store in London anschaut, sieht man, was alles möglich wäre.
Sind Sie diesbezüglich mit den Rechteinhabern im Gespräch?
Wir sind mit verschiedenen Partnern und Rechteinhabern regelmässig im Austausch.
Wie viel lesen Sie selbst?
Ich komme auf etwa 10 bis 15 Bücher pro Jahr. Andere in unserem Unternehmen lesen deutlich mehr. Eine Regionalleiterin liest rund 60 Bücher jährlich. Meine Herausforderung ist eher eine andere: Mir werden ständig Bücher empfohlen. Mein Bücherstapel wächst jedes Jahr. Vor zwei Jahren hat mir mein Mann sogar einen Bücherkaufstopp verordnet. Er meinte, wir könnten nicht immer mehr Bücher zügeln, die ich gar nicht schaffe zu lesen.






