Im kommenden Juli erreicht Eric Gujer, der langjährige Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung», sein ordentliches Pensionsalter. Gerne hätte er noch zwei Jahre angehängt. Das wollte die Verwaltungsratspräsidentin Isabelle Welton nicht. Jetzt geht Gujer sogar etwas früher: In fünfeinhalb Monaten, Ende Januar 2027, gibt er seine Funktion ab.
Die Publikation der Halbjahreszahlen nutzte das Unternehmen NZZ, um den Wechsel an der Redaktionsspitze anzukündigen. Dem Medienhaus wird Gujer jedoch als Gesicht nach aussen erhalten bleiben. So wird er sowohl die hausinterne Veranstaltungsreihe «Podium» leiten als auch die TV-Gesprächssendung «NZZ Standpunkte» verantworten.
Vor allem erhält Gujer den Titel «Herausgeber Deutschland». Damit behält er die Oberhoheit über die forciert rechts-liberale Berichterstattung für das nördliche Nachbarland, das er seit 2017 mit der wöchentlichen Kolumne «der andere Blick» beglückt. Für die dortigen NZZ-Expansionspläne ist Gujer auch weiterhin unersetzlich. Nicht zuletzt, um das in Berlin stationierte Deutschland-Team mit über 30 Vollzeitstellen zu konsolidieren, das im vergangenen Herbst personellen Turbulenzen ausgesetzt war.
Ein offenes Geheimnis ist, dass Gujer den Ausland-Chef Benedict Neff als seinen Nachfolger aufgebaut hat. Der 43-jährige Journalist startete bei der «Basler Zeitung» und wechselte 2017 zur NZZ. Nach einem kürzeren Abstecher in der Teppichetage des Axel-Springer-Verlags kehrte er 2022 als Feuilleton-Chef zur NZZ zurück. Als idealtypische Vorbereitung für den Sprung an die Redaktionsspitze übernahm er im Frühjahr 2025 das Ausland-Ressort.
Intern holt Neff allerdings wenig mehr Sympathiepunkte als Gujer. Deshalb werden redaktionsintern auch der stellvertretende Chefredaktor und ausgewiesene Auslandjournalist Ivo Mijnssen oder der Wirtschaftsjournalist Mark Dittli als aussichtsreiche Kandidaten genannt. Externen Bewerbern wird wenig Hoffnung gemacht. Die NZZ habe den Anspruch, die Stelle intern besetzen zu können, heisst es in einer Mitteilung.
Mit der Bereitschaft, schneller zurückzutreten, hat Gujer den Druck auf eine rasche Entscheidung durch den NZZ-Verwaltungsrat erhöht – wie auch die Chancen für einen Start-Ziel-Sieg seines Kandidaten Neff.

