Die «Neue Zürcher Zeitung» ist publizistisch die Wiege der modernen Schweiz. Zumindest in ihrem Selbstverständnis. Oder besser: Sie war es in ihrem bisherigen Selbstverständnis. Denn nun versteht sie sich als binationale, schweizerisch-deutsche Publikation – aus ökonomischer Notwendigkeit.
Felix Graf, Konzernchef der NZZ, hat dafür einen Begriff gefunden: Die Expansion nach Deutschland sei ein «strategischer Imperativ». Am Swiss Media Forum erklärte er, mit fünf Millionen Deutschweizern lasse sich die NZZ auf Dauer nicht finanzieren. Um die redaktionelle Leistung ausgebaut halten zu können, müsse die Zahl der Abonnenten wachsen – in Deutschland.
Es ist zwar eher zu vermuten, dass der Unternehmensleiter zur Strategie erklärt, was der Redaktionsleiter ohnehin praktiziert, als dass er in umgekehrter Kausalität den publizistischen Kurs definiert hat. Bemerkenswert ist es jedoch allemal.
Denn in der Schweiz gehört das konservativ-belesene Bürgertum zur Stammkundschaft der NZZ; in Deutschland akquiriert sie ihre Neukunden am rechten Rand. In der Schweiz argumentiert sie aus dem Zentrum der Macht; in Deutschland blafft sie von Aussen gegen die Macht. Es wäre eine Novität, sollte eine solch quere Mischung als publizistische Identität taugen.
Doch wer für sein Tun eine derart apodiktische Bezeichnung findet, muss sich nicht darum kümmern, ob es längerfristig auch funktioniert.