Lebensmittel

Putin nimmt Nestlé ins Visier

Russlands Präsident entzieht dem Westschweizer Konzern die Kontrolle über Geschäfte vor Ort. So schätzen Analysten die Lage ein.

Nestlé bleibt schmallippig. In einer kurzen Medienmitteilung vom Freitagmorgen bestätigt der Nahrungsmittelkonzern aus Vevey VD, dass man von Russlands präsidialem Dekret vom Vortag Kenntnis genommen habe. Man analysiere die Situation und sei bereit, alle nötigen Schritte einzuleiten, um die eigenen Rechte im Sinne der Anleger und des Personals zu wahren.

Die Mini-Stellungnahme bezieht sich auf ein Szenario mit grossen Folgen. Denn Russlands Präsident Wladimir Putin hat zwei Nestlé-Gesellschaften unter eine vorübergehende Verwaltung gestellt. Sprich: Nestlé verliert die Kontrolle über einen Teil seines Geschäfts.

Konkret geht es laut internationalen Medienberichten um die beiden Tochterfirmen Nestlé Russia und Nestlé Kuban. Neu werden die Nestlé-Anteile daran von der russischen Firma L.E.V. Management verwaltet. Die Westschweizer können somit nicht mehr über die beiden Unternehmen bestimmen, obwohl sie nach wie vor Eigentümer davon sind.

Der Schritt hat sich angekündigt

Nestlé ist nicht das einzige Wirtschaftsopfer dieser Putin-Massnahme. Auch die französischen Handelsketten Auchan und Leroy Merlin sind davon betroffen.

Nestlé dürfte nicht völlig überrascht worden sein. Denn bereits im August verlangte die russische Firma KS Logistika vom Kreml, dass fünf Nestlé-Gesellschaften unter Fremdverwaltung gestellt werden sollten. Die Begründung: Nestlé baue das Geschäft in Russland nicht aus und exportiere die vor Ort hergestellten Produkte nicht mehr. Damals liess Nestlé verlauten, ein Russland-Rückzug sei kein Thema.

Laut ZKB-Analyst Gian Marco Werro nutzt Putin diesen Mechanismus mit der externen Verwaltung ausländischer Firmen seit 2023, um Vermögenswerte aus «unfreundlichen» Ländern unter Kontrolle zu bringen. Dieser Schritt könne theoretisch auch einen Eigentümerwechsel einleiten, um Neuinvestitionen in Russland zu erzwingen. So erging es in der Vergangenheit bereits Danone, Carlsberg und Heineken.

Laut Schätzung des Analysten erzielt Nestlé in Russland rund 2 Prozent des Gesamtumsatzes und beschäftigt rund 7’000 Mitarbeitende. «Nestlé befindet sich in einer strategisch angespannten Lage: Entweder das Unternehmen tätigt zusätzliche Investitionen in Russland und geht damit erhöhte Reputations- und Boykottrisiken ein, oder es verzichtet auf Investitionen und riskiert, das Russland-Geschäft zu verlieren», schreibt Werro in einer Analyse.

Das Reputationsrisiko bleibt

Aus strategischer Sicht sei zudem ein Szenario nicht auszuschliessen, in dem Nestlé trotz weiterer Investitionen mit einer nachträglichen Enteignung seiner Vermögenswerte in Russland konfrontiert werde. Angesichts der Grösse von Nestlé könnten diese Vorgänge auch politische Reaktionen nach sich ziehen, so Werro. «Aus Investorensicht bleibt das Russland-Engagement von Nestlé ein Reputations- und Sanktionsrisiko, dessen finanzielle Bedeutung auf Konzernebene jedoch voraussichtlich begrenzt bleibt.»

Jean-Philippe Bertschy, Analyst von der Bank Vontobel, schätzt das Umsatzvolumen derweil nur auf 1 Prozent der Gesamterträge. 2021 hätten die Umsätze noch 2 Prozent betragen, doch nach dem Angriff auf die Ukraine habe Nestlé die Aktivitäten in Russland deutlich reduziert.

Obwohl Putins Vorgehen die Aussicht auf eine Wertminderung von Vermögenswerten oder eine ungünstige Veräusserung erhöhe, erwartet Bertschy angesichts des begrenzten Beitrags Russlands zum Konzernumsatz nur «einen marginalen finanziellen Einfluss».

Die Schelte von Selenski

Nestlé zählt in Russland sechs Produktionsstandorte, an denen unter anderem Kaffee, Babynahrung und Tierfutter hergestellt werden. Der Waadtländer Nahrungsmittelriese zögerte lange mit strengen Boykottmassnahmen nach dem Kriegsausbruch Anfang 2022, was ihm international Kritik und sogar eine Schelte des ukrainischen Präsidenten Selenski bescherte.

Im Frühling 2022 knickte der damalige Nestlé-Chef Mark Schneider zumindest teilweise ein («Schweiz heute» berichtete). Während der Krieg in der Ukraine wüte, konzentriere man die Aktivitäten in Russland auf die Bereitstellung von Grundnahrungsmitteln wie Säuglingsnahrung und medizinische Ernährung - «und nicht auf die Erzielung von Gewinnen», erklärte Schneider.

Bereits zuvor habe Nestlé alle nicht lebensnotwendigen Importe und Exporte nach und aus Russland gestoppt, jegliche Werbung eingestellt und alle Kapitalinvestitionen in dem Land ausgesetzt, betonte der Konzern. Alle allfälligen Gewinne würden aber an die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) gespendet. Auch andere Unternehmen wie der Schweizer Schokoladenhersteller Barry Callebaut oder der französische Kosmetikkonzern L'Oréal, an dem Nestlé beteiligt ist, blieben in Russland tätig.

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