Portrait

«Man muss jagen, damit man nicht gejagt wird»: Er hat die AHV erhöht, nun will er unsere PKs retten

Er denkt schneller als andere, kennt die Hebel der Macht und scheut keinen Kampf. Nun zieht sich Gewerkschaftsstratege Daniel Lampart aus der Bundespolitik zurück. Und kämpft an einer neuen Front.

Ganz zum Schluss geht es nochmal um alles. Nach 20 Jahren als Chefökonom und Zentralsekretär beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) steht Daniel Lampart vor dem Abschied aus der Bundespolitik. Doch zuvor wartet ein wichtiger Abstimmungskampf. Lampart muss die 13. AHV-Rente ins Trockene bringen, das heisst: ihre Finanzierung sichern. Der SGB unterstützt die vorgeschlagene Mehrwertsteuererhöhung um 0,4 Prozentpunkte, auch wenn sie nicht ganz seinem Gusto entspricht. «Es ist nicht unser Wunschprogramm, aber die AHV-Finanzierung lohnt sich für Gering- und Normalverdienende», sagt Lampart.

Über 58 Prozent der Bevölkerung sagten im März 2024 Ja zur 13. AHV-Rente. Es war Lamparts grösster Sieg. Selbst über zwei Jahre danach wird der sonst so rational wirkende Luzerner emotional beim Gedanken daran. «Wir haben den Vorschlag gemacht und die Kampagne geführt», erklärt er. «Aber letztlich entstand daraus eine Volksbewegung.» Beim Flyerverteilen hätten viele Passanten abgewunken – sie hätten schon welche bestellt und in der Nachbarschaft verteilt, würden Freunde und Kollegen selbst informieren. «So etwas erlebt man selten. Ich war total gerührt.»

Schneller sein als die anderen. Und besser.

Bundesrat, Parlament, Wirtschaft hatte er gegen sich. Allen hat er es gezeigt. Von einem «Sieg» redet er gegenüber Journalisten nicht. Es sei «eine sehr wichtige Verbesserung für die Leute», sagt er lieber.

Doch Daniel Lampart, der zurückhaltende Zahlenmensch, ist ein gewiefter Taktiker, ehrgeizig, Machtmensch. «Man muss jagen, damit man nicht gejagt wird», sagt er lapidar. Einem neuen Mitarbeiter, der sich verzweifelt fragte, wie er die unterschiedlichsten Interessen der Mitgliedsgewerkschaften bündeln solle, soll er gesagt haben: Du musst schneller sein als sie. Schneller und besser. Dann ergebe sich (Themen-)Führerschaft von allein.

Und dass Lampart gemeinsam mit SGB-Präsident Pierre-Yves Maillard (auch das ein Machtmensch) einen gewissen Führungsanspruch hat, lässt sich nicht leugnen. In der Schweiz gibt es drei Akteure, die im Nullkommanichts Tausende mobilisieren können: die SVP, die SP – und den Gewerkschaftsbund. Das ist auch das Verdienst von Daniel Lampart. Neben den wirtschaftspolitischen Dossiers, die er als Chefökonom betreut, sieht er seine Aufgabe vor allem darin, dafür zu sorgen, dass «die richtigen Themen zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Form kommen».

Die Verwaltung der Organisation SGB solle möglichst wenig Ressourcen verschlingen. Dafür müsse man priorisieren, Dinge über Bord werfen und Ziele eisern verfolgen. Etwas, von dem Lampart sagt, er könne es gut. Nach seinen Schwächen gefragt, meint er: andere bei seinen Überlegungen ausreichend mitzunehmen. «Mir ist oft vieles klar, aber das anderen zu vermitteln, das sei nicht so meins, heisst es manchmal.»

Der «Flow», wenn es plötzlich läuft

Es braucht ein gerüttelt' Mass an Getriebenheit, um so zu ticken. Lampart beschreibt seine Philosophie so: «Man muss jeden Tag versuchen, ein Prozent besser zu werden. Und ein Prozent mehr zu erreichen.»

Dieser Drang, sich ständig zu verbessern, kommt bei Lampart aus der Musik. Er spielt Kontrabass, wollte einst Profimusiker werden. Zwar studierte er dann Philosophie, Germanistik und Wirtschaftsgeschichte, doch die Musik begleitet ihn noch heute. Fast täglich sitzt er an seinem Instrument. Dieses tägliche stundenlange Üben habe ihn geprägt. Er wisse: Fortschritt komme erst nach harter Arbeit. «Lange ist es ein Chrampf, und dann, wenn man kurz vor dem Aufgeben ist, ist der da: der Flow, wenn es plötzlich läuft.»

In der Politik sei es nicht viel anders. Vor dem Erfolg mit der 13. AHV-Rente, die von der ersten Idee bis zum Abstimmungserfolg 22 Jahre gebraucht habe, habe es Hunderte Niederlagen und Rückschläge gegeben. «Aber irgendwann kommt es. Das weiss ich heute.»

Daher ist er zuversichtlich, dass es auch mit der 13. AHV-Rente gut kommt. Zwar hat die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes die Nein-Parole beschlossen und die ersten Umfragen sehen nicht gut aus. Aber der Gegner ist geschwächt. Die FDP wird den Abstimmungskampf allein führen müssen, ohne Zustupf des üblichen Geldesels, des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse.

Dennoch warnt Lampart davor, die Abstimmung zu unterschätzen. Die Mehrwertsteuererhöhung sei für die Bevölkerung unmittelbar spürbar: «Mehr zahlen ist nie lustig.» Doch eine zusätzliche Finanzierung der AHV sei nötig. Nur das schaffe Stabilität und verhindere, dass rasch wieder über Leistungsabbau oder Rentenalter diskutiert werde.

Macht ist ein zweischneidiges Schwert

Auch wenn das Rentenalter dank der FDP weiterhin auf dem politischen Parkett bleibt – eine Erhöhung dürfte in den nächsten zehn, 15 Jahren nicht ernsthaft zur Debatte stehen. Dafür hat der Gewerkschaftsbund gesorgt, und sowohl Arbeitgeber als auch Politik wissen das jetzt.

Nicht immer war der politische Einfluss des SGB so gross. Als Daniel Lampart Anfang der 2010-Jahre vor dem Frankenschock warnte, empfahlen ihm Bürgerliche noch Nachhilfe in Geldpolitik. «So direkt höre ich das heute seltener», lächelt Lampart in sich hinein. Die Entwicklung hin zu einem wichtigen Akteur sei jedoch auch mit Gefahren verbunden: «Einfluss und Macht können einen von den Leuten entfernen.» Wer ständig an Sitzungen mit Bundesräten und Staatssekretären teilnehme, müsse darauf achten, dass er die Lebensrealität der normalen Leute 1:1 mitbekommt.

Mehr in der Gegenwart leben

Auch daher passt es wohl, dass Lampart jetzt bewusst aus der Bundespolitik aussteigt. Ab kommendem Jahr wird er sich als Präsident des gewerkschaftsnahen PK-Netzes mit der beruflichen Vorsorge beschäftigen. Sein Ziel sei, dass die Pensionskassen tatsächlich gemeinsam von Arbeitgebern und Arbeitnehmern und nicht gewinnorientiert geführt werden und das Vorsorgegeld möglichst den Versicherten zugutekommt. «Vor allem bei Pensionskassen, die von Versicherungen geführt werden, wird zu viel Geld abgeführt. Doch das Geld gehört den Arbeitnehmenden und Pensionierten.»

Hinter dem Wechsel steckt auch ein persönlicher Vorsatz. Gerade sein permanentes «Vorwärts und Machen» habe für seine Funktion beim SGB Vorteile gehabt, sagt er – aber eben auch Nachteile. Denn wer immer schon beim nächsten Schritt sein will, lebt manchmal zu wenig in der Gegenwart.

Nach zwei Jahrzehnten im Zentrum der Schweizer Politik könnte sein Wechsel deshalb auch darin bestehen, etwas zu lernen, das dem rastlosen Strategen besonders schwerfällt: nicht immer schon beim nächsten Kampf zu sein.

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