Toledo

«Ich sah Passagiere durch die Luft fliegen»: Falsche Freigabe soll Zugkatastrophe ausgelöst haben

Mindestens 64 Menschen sterben beim Zusammenstoss zweier Hochgeschwindigkeitszüge nahe Toledo. Während Retter noch Verletzte bergen, rückt die Frage nach der Verantwortung in den Vordergrund. Und eine Partei macht daraus bereits Wahlkampf.

Emilio scheint die Platzwunde an seinem Kopf noch gar nicht bemerkt zu haben, als er von einem spanischen TV-Team angesprochen wird. Mit seinem Rollkoffer ist der vielleicht 45-jährige Spanier zu Fuss auf dem Weg zu einer der Erstversorgungsstationen, rund 100 Meter von der Unglücksstelle entfernt.

Ihm sei nichts passiert, er habe aber gesehen, wie andere Passagiere durch den heftigen Aufprall quer durchs Zugabteil geflogen seien. «Wir haben die Fenster eingeschlagen und sind nach draussen gestiegen. Wer konnte, hat danach sofort anderen geholfen. Die Menschen weinten und schrien.

Überall war Blut.» Andere Zeugen schildern dramatische Szenen von fremden Menschen, die in ihren Armen gestorben seien, und Verletzten, die unmittelbar nach dem Unglück blutüberströmt umhertaumelten.
Emilio war von Madrid nach Sevilla unterwegs. Um 8:54 Uhr entgleiste sein AVE-Hochgeschwindigkeitszug nach einem Zusammenprall mit einem anderen Zug bei Toledo südlich der spanischen Hauptstadt.

Bis Mittwochabend wurden 68 Todesopfer gezählt. 80 Menschen wurden verletzt, davon anscheinend 50 schwer. Der Regionalpräsident von Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, befürchtet, dass es noch weitere Todesopfer geben könnte. Unter den immer noch Vermissten befindet sich auch Spaniens ehemalige Arbeitsministerin Fátima Báñez.

Blutspenden werden dringend benötigt

Videoaufnahmen von Passagieren zeigten blutende Menschen. Ärzte und Sanitäter behandelten die neben den Gleisen liegenden Verletzten. Gleich mehrere Krankenhubschrauber mussten Schwerverletzte abtransportieren. Drei Waggons waren vollkommen ausgebrannt und komplett zerstört.

Die Krankenhäuser in Toledo und Ciudad Real riefen dringend zu Blutspenden auf, um die Verletzten versorgen zu können. «Wir bitten alle, die Blut spenden können, sich zu den Krankenhäusern zu begeben, um die Reserven aufzustocken», hiess es in einem Aufruf der Landesregierung.

Viele Verletzte wurden zunächst in die Sporthalle von Urda gebracht, die acht Kilometer vom Unglücksort entfernt liegt. Dort wurden sie identifiziert und je nach Zustand ins Krankenhaus gebracht, während Angehörige in den Bahnhöfen in Madrid und Sevilla verzweifelt auf Informationen über ihre Liebsten warteten.

«Europa trauert heute mit euch»

Nach ersten Analysen soll ein Mitarbeiter der zentralen Leitstelle in Madrid einem AVE-Schnellzug des staatlichen Bahnunternehmens Renfe auf der Strecke zwischen Madrid und Sevilla freie Fahrt gegeben haben, obwohl noch ein Zug des privaten Bahnanbieters Iryo die Gleise blockierte. Der Zusammenstoss war so heftig, dass gleich mehrere Waggons des Iryo-Zugs einen Bahndamm hinunterstürzten. In den beiden Zügen befanden sich am Mittwochmorgen insgesamt mehr als 540 Passagiere.

Spaniens Verkehrsminister Óscar Puente bezeichnete den Unfall nach einem Ausfall der sogenannten LZB-Sicherheitssysteme als «absolut unfassbar». Er fügte hinzu, dass auf «unerklärliche» Weise der Befehl zur Weiterfahrt erteilt wurde, ohne dass die Störung anscheinend behoben worden war.

Der Unfall weckte schlimme Erinnerungen an das schwere Zugunglück vom 18. Januar dieses Jahres bei Adamuz in Andalusien. Damals entgleiste auf derselben Strecke ein Iryo-Hochgeschwindigkeitszug aufgrund defekter Schienen und stiess mit einem entgegenkommenden Zug zusammen. Bei dem Unglück kamen 46 Menschen ums Leben, mehr als 150 wurden verletzt. Das Unglück löste eine heftige politische Debatte über fehlende Investitionen und Wartung der Schienenwege ⁠in den vergangenen Jahren aus.

Die spanische Bischofskonferenz forderte alle Kirchengemeinden des Landes auf, in Gottesdiensten für «die ewige Ruhe der Verstorbenen und für die Genesung der Verletzten» zu beten. Toledos Erzbischof Francisco Cerro Chaves besuchte die Unglücksstelle, wo er für die Opfer betete und den Betroffenen beistand. Er beschrieb die Szenen als «dantesk».

Auch Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez zeigte sich an der Unfallstelle «schockiert». König Felipe VI. überbrachte den Angehörigen der Verstorbenen sein «Beileid». «Europa trauert heute mit euch», schrieb auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bestürzt auf X.
Unterdessen setzten praktisch alle spanischen Parteien ihren Vorwahlkampf mit Blick auf die vorgezogenen Parlamentswahlen am 29. November aus. Auch der spanische Fussballverband sagte alle 24 für Mittwoch geplanten Königspokalspiele ab.

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