Flugchaos

Massenhaft Bombendrohungen gegen Flugzeuge – Experte spricht von «hybrider Operation»

Zuerst wurden in hunderten europäischen Supermärkten die Kühlregale lahmgelegt. Nun müssen reihenweise Flugzeuge wegen Bombendrohungen landen. Was ist da los in Europa?

Über 25 europäische Flüge waren am Donnerstag von Bombendrohungen betroffen. Mehrere Länder liessen Kampfjets aufsteigen, um die Passagiermaschinen zur ausserplanmässigen Landung zu eskortieren. So auch Frankreich, wo am frühen Morgen ein Airbus A320 der Fluglinie Aer Lingus mit 157 Menschen an Bord von Dublin nach Rom auf den Militärflugplatz Evreux in der Normandie umgeleitet wurde. Wie auch bei den anderen Flügen konnte bei der nachfolgenden Durchsuchung kein Sprengstoff gefunden werden. Verletzt wurde niemand.

Was ist da los in Europa? Schon am Dienstag kam es zu einer ersten Welle von zehn Bombendrohungen im europäischen Luftverkehr. Betroffen waren insbesondere Flüge von oder zu den Flughäfen Mailand, Prag und Sofia. Aber auch bei anderen Flughäfen wie Wien oder Brüssel gingen Drohungen ein.

Sicherheitsexperte: «Breit angelegte Störaktion»

Wer die Urheber sind und inwiefern es einen Zusammenhang gibt, ist bis jetzt völlig unklar. Der Sicherheitsexperte Peter R. Neumann sagt aber, die geografische Verteilung der Bombendrohungen deute auf eine «breit angelegte Störaktion» hin. Weder Fluggesellschaften noch Flugrouten oder Nationalitäten würden einen gemeinsamen Nenner bilden. «Offenbar geht es weniger um bestimmte Flugzeuge als darum, möglichst viel Unsicherheit im europäischen Luftverkehr zu erzeugen.»

Das Ziel sei «Störung» und nicht «Zerstörung». Insofern erinnere das Vorgehen an eine «koordinierte hybride Operation», so der Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King's College in einem Kommentar auf der Nachrichtenplattform X. Allerdings warnt er auch davor, die Verantwortung voreilig Russland zuzuschieben. Für eine russische Urheberschaft gebe es «bislang keine belastbaren Beweise».

Nato-Chef: «Russland will uns testen»

Überraschen würde es aber nicht, wenn der Kreml hinter dem Flugchaos stecken würde. Seit einigen Wochen warnen Sicherheitskreise eindringlich davor, dass Russland seine hybriden Aktionen in Europa markant intensivieren könnte. Nato-Chef Mark Rutte sagte Anfang Oktober, Russland wolle Europa testen. Man müsse sich darauf vorbereiten, dass es regelmässig Sabotageaktionen, Brandanschläge oder andere hybride Attacken durchführen würde.

Tatsächlich hat kürzlich Estland den russischen Geheimdienst für einen Brandanschlag auf eine Rüstungsfirma in Tallinn verantwortlich gemacht. Die vereitelte Drohnen-Attacke auf eine ukrainische Transportmaschine am Flughafen Leipzig im August haben die deutschen Behörden ebenfalls Moskau zugeschrieben. Vorher machte schon Polen Moskau für verschiedene hybride Angriffe verantwortlich.

Auch französische Blutbank angegriffen

Merkwürdig ist, dass die jetzigen Bombendrohungen quasi zeitgleich mit den Hackerangriffen auf europäische Supermärkte stattfinden. Anfang der Woche wurden die Kühlregale dutzender Supermärkte in Deutschland, Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland und den Niederlanden über eine Sicherheitslücke im Internet manipuliert. Statt zu kühlen, stiegen die Temperaturen teilweise auf über 50 Grad. In der Folge mussten tonnenweise Lebensmittel weggeworfen werden. Vor drei Wochen kam es zu einem gleichartigen Angriff in Frankreich, bei dem Hunderte Filialen der grossen Supermarktketten betroffen waren.

Am Mittwoch bestätigten die französischen Behörden zudem, dass drei Standorte der nationalen Blutbank angegriffen wurden. Statt den ursprünglichen minus 30 Grad wurden plus 110 Grad als Soll-Temperatur für die Blutkonserven eingestellt. Schlimmeres konnte nur verhindert werden, weil die Überwachungssysteme die Unregelmässigkeiten rasch bemerkten und ein Mitarbeiter reagieren konnte.

Spekulationen über Spuren nach Russland

Wie bei den Bombendrohungen gibt es auch bei den Attacken auf die Supermärkte bislang keine Details zur Urheberschaft. Auf der Nachrichtenplattform Telegram soll aber mittlerweile ein Bekennervideo der prorussischen Hackergruppen NoName057(16) und Z-Pentest kursieren. Informationen zu dessen Authentizität gibt es keine.

In Internetforen wird bezüglich der Bombendrohungen auch der Iran als möglicher Urheber genannt. Von offizieller Seite wird derweil zurückhaltend kommuniziert. Der EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas sagte bloss, es sei noch zu früh, um über Zusammenhänge zu spekulieren. Er habe den EU-Koordinationsmechanismus zur Luftfahrtsicherheit aktiviert und stehe mit den nationalen Ermittlungsbehörden im Kontakt, so der Grieche.

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