
Im Ristorante Barbatti ist er schon heimisch, hier scheint Lapo Elkann jeden Angestellten zu kennen. Man lacht, umarmt sich. «Das beste italienische Restaurant von Luzern», schwärmt Elkann. Vor kurzem ist er – von der Öffentlichkeit unbemerkt – in die Schweiz gezogen. Der schillernde Unternehmer und Designer mied in den letzten zehn Jahren die Presse, doch jetzt ist er bereit, der «Schweiz am Wochenende» von seinem neuen Leben zu erzählen.
Der 48-Jährige ist ein Spross der Agnelli-Dynastie. Sein Grossvater Giovanni «Gianni» Agnelli (1921 bis 2003) hat Fiat zu einem Weltkonzern gemacht. Lapo Elkann gilt als Lieblingsenkel des legendären Patrons. Er ist Aktionär und leidenschaftlicher Auto-Fan, hat aber keine Führungsrolle inne. Sein älterer Bruder John Elkann präsidiert die Firmengruppe Stellantis, zu der Fiat heute gehört.
Warum ziehen Sie nach Luzern – und nicht nach Mailand, Paris oder New York?
Lapo Elkann: Ich habe in Mailand gelebt, in Paris, in New York, auch in Lissabon. Ich habe all diese Orte geliebt. Jede Stadt passte zu einer bestimmten Phase meines Lebens. Mit zunehmendem Alter verändern sich die Perspektive, Bedürfnisse und Lebensweise.
Sie sind 48 – das richtige Alter für Luzern?
Mit 25 wäre Luzern nicht der richtige Ort für mich gewesen. Aber jetzt schon. Hinzu kommt: Nicht nur ich habe mich verändert, sondern auch die Welt. Wir leben in einer komplizierten Ära, geprägt von Unsicherheit. Die Schweiz ist neutral. Sie steht für Sicherheit, Lebensqualität und liegt im Herzen Europas.
Suchen Sie Sicherheit?
Auch. Aber die Schweiz bietet mehr. Früher kam ich zur Erholung hierher – zum Skifahren, besonders nach St. Moritz. Ich war auf einem Internat in Frankreich nahe der Schweizer Grenze. Mein Vater ist nach Genf gezogen, meine Mutter lebt in der Nähe von Genf.
Genf wäre kosmopolitischer als Luzern.
Ich habe viele Jahre für Hublot unter Jean-Claude Biver gearbeitet und kenne Genf gut. Aber Luzern und der Vierwaldstättersee gefallen mir noch besser. Wegen der Landschaft und wegen der Menschen. Es gibt hier viele Unternehmer, Kreative, Künstler. Und: Es geht hier nicht nur um Geld.
Welche Rolle spielte Ihre Frau bei der Wahl des Wohnorts?
Ehrlich gesagt war sie anfangs nicht begeistert von der Idee eines Umzugs – sie stammt aus Portugal, ihre Familie lebt dort. Wir haben viele Orte besichtigt, aber nirgends war uns richtig wohl. Dann sind wir nach Luzern gefahren, haben ein Haus gesehen, in das wir uns verliebt haben – und der Vermieter entpuppte sich als Freund. So fügte sich alles.

Wie wohnen Sie?
Es ist ein typisches Schweizer Haus, aber neu gebaut. Es verbindet diesen Stil mit etwas Neuem. Wir haben auch etwas Grünfläche, was meinen Bernhardiner Everest sehr freut – auch wenn er mit seinen 85 Kilo nicht leicht zu bewegen ist.
Sie haben einen Bernhardiner?
Ich mochte Hunde schon immer. Als ich bei Fiat arbeitete, brachte ich meinen Hund mit. Fiat-Chef Sergio Marchionne sagte: «Lapo, weisst du, was wir gemeinsam haben? Dein Hund rettet Menschen – ich bin hier, um Fiat zu retten.» Das ist eine lustige Geschichte, aber sie stimmt.
Viele internationale Unternehmer ziehen wegen der Steuern in die Schweiz. Zug wäre günstiger gewesen!
Das mag sein, aber meine Frau und ich zogen an einen Ort am Vierwaldstättersee, der uns glücklich macht. Alles ist so nah. Wir sind in zehn Minuten am See. Migros und Coop sind in der Nähe, wir gehen gemeinsam einkaufen. Den Globus mag ich auch, gerade für hochwertige italienische Produkte. Und ich habe auch italienische Freunde in Luzern, die mir echten Peperoncino aus Kalabrien mitbringen.
Was ist wichtiger – der Blick auf den See oder in die Berge?
Beides. Wenn wir morgens mit der Bialetti Kaffee machen, schauen wir auf See und Berge. Viel angenehmer als in New York!
Das klingt fast zu romantisch.
Bei mir werden Kindheitserinnerungen wach. Meine Grossmutter lebte lange in St. Moritz, ihre letzten Jahre verbrachte sie in Lauenen, nahe Gstaad. Die Schweiz bedeutete für mich schon als Kind Glück. Meine Grossmutter organisierte Feste, bei denen ich mich als Clown verkleidete. Mein Grossvater war am liebsten in St. Moritz. Mein Bruder, meine Schwester und ich hatten mit den Grosseltern in der Schweiz wunderbare Zeiten.
Es heisst, Sie seien der Lieblingsenkel von Fiat-Patron Gianni Agnelli gewesen. Der Journalist Maurizio Crosetti von La Repubblica schrieb einst: «Gianni liebte Lapo, weil er ihn an seine eigene Jugend erinnerte – extravagant, lässig, immer ein bisschen verrückt.»
Crosetti ist ein Journalist, den ich respektiere. Aber statt «verrückt» würde ich «eklektisch» sagen. In einer Welt der Konformität, in der alle gleich aussehen wollen, wirkt man schnell einmal verrückt. In Wahrheit hat man einfach den Mut, anders zu sein.
Was haben Sie mit Ihrem Grossvater gemeinsam?
Die Freude am Leben und eine gewisse Energie. Aber ich bin nicht er, und ich würde mir niemals anmassen, es zu sein. Mein Grossvater war einzigartig. Ich habe grossen Respekt vor dem, was er erreicht hat – als Unternehmer wie auch als Humanist –, und vor seinem Vermächtnis.

Es gibt eine jährliche Rangliste der reichsten Menschen in der Schweiz. Können Sie den Kollegen von der «Bilanz» helfen, Ihr Vermögen richtig einzuschätzen?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht auf dieser Liste stehen werde.
Oh doch. Ab 150 Millionen Franken ist man dabei.
Lassen Sie mich so antworten. Mein grösster Reichtum sind mein Herz und meine Ideen. Ob Sie es glauben oder nicht – ich wäre ohne Familienvermögen vielleicht ein noch besserer Kreativer geworden. Geld kann Faulheit bringen, sogar Arroganz. Geld kann Kreativität vernichten.
Wie meinen Sie das?
Ich habe Unternehmen mit gerade mal 10’000 Euro aufgebaut, und es hat funktioniert. Bei Fiat hatten wir deutlich weniger Budget als Konkurrenten wie Volkswagen – und genau in dieser Zeit entstanden einige der besten Ideen. Denn entscheidend ist Einfallsreichtum, nicht monetärer Reichtum. Geld ist ein Werkzeug. Man kann es für Gutes oder Schlechtes einsetzen.
Geld kann auch gefährlich sein. In jungen Jahren hatten Sie einige sehr öffentliche Krisen – Partys, Drogen, sogar rechtliche Verfahren.
Jeder Mensch durchläuft einfache und schwierige Phasen. Das Leben kommt manchmal in grossen Wellen, wie in Nazaré; manchmal ist es ruhig, wie der Vierwaldstättersee. Die Schönheit des Lebens liegt im Fortschritt, nicht in der Perfektion. Der Einzige, der perfekt ist – wenn man an ihn glaubt – ist Gott.
Bereuen Sie etwas?
Ich schätze meine Vergangenheit, weil sie mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin. Ich versuche, im Hier und Jetzt verwurzelt zu bleiben. Eine zentrale Rolle spielt meine Frau. Sie unterstützt mich mit Liebe, aber auch mit Disziplin. Sie lebt Disziplin als Rennfahrerin selber vor: Die Rallye-Strecke Paris–Dakar – 18 Tage durch die Wüste – lässt sich nur mit enormem Fokus absolvieren.
Warum ist Disziplin für Sie wichtig?
Ich bin hyperaktiv, habe ADHS, bin Legastheniker und leicht im Autismus-Spektrum. Aber ich habe Leidenschaft und Antrieb – und eine gemeinsame Vision mit meiner Frau.

Wie schwierig ist es, als Angehöriger der vielleicht berühmtesten Dynastie Italiens einen eigenen Weg zu finden?
Es wäre seltsam, wenn ich mich als Opfer sähe. Ich hatte dank meiner Herkunft viele Privilegien und Chancen. Und sicherlich auch einige Nachteile. Aber letztlich ist es so: Wenn man viel bekommt, erlebt man viel Glück und viel Unglück.
Sie haben im Leben sehr viele unterschiedliche Jobs gemacht. Gibt es einen roten Faden?
Mein Ziel war immer, etwas zu bewirken. Ich habe als Gebirgsfallschirmjäger gedient. Ich habe bei Piaggio am Fliessband gearbeitet, unter einem anderen Namen – «Lapo Rossi» –, sodass niemand wusste, wer ich war; ich war damals 18. Ich habe bei einer Bank am Börsengang von Manchester United gearbeitet. Und Verantwortung bei Fiat übernommen, als das Unternehmen kurz vor dem Bankrott stand. Meine letzte Rolle dort war die Einführung des Fiat 500.
Wie wichtig ist Ihnen, nicht einfach über Reichtum definiert zu werden?
Es gibt viele wohlhabende Menschen, die langweilig, arrogant und anstrengend sind. Aber es gibt auch viele wohlhabende Menschen, die ihre Mittel nutzen, um etwas Besseres für die Gemeinschaft aufzubauen. Genau das wollen meine Frau und ich tun.
Anna Wintour von «Vogue» hat Sie einmal als den elegantesten Mann der Welt bezeichnet. Was macht Stil und Eleganz aus?
Für mich hat Stil nicht in erster Linie damit zu tun, wie man aussieht, sondern wie man sich verhält. Verhalten macht 90 Prozent aus; Ästhetik 10 Prozent. Stil ist für mich ein Werkzeug, um interessantere Autos, spannendere Uhren, aussergewöhnlichere Möbel zu schaffen – um Projekte und Produkte zu entwickeln, die tatsächlich einen Unterschied machen.
Zum Beispiel?
Der Fiat 500 hat Stil – er wurde zum meistverkauften Fiat der Geschichte. Und der Ferrari Tailor Made ist eine Erfolgsgeschichte. Beides war grossartiges Teamwork, bei Fiat mit Marchionne und dem Brand Promotion Team, beim Ferrari Tailor Made mit Präsident Luca Cordero di Montezemolo. Und bei beiden können Menschen ihrem Leben eine individuelle Note geben. Eine Putzfrau hat genauso das Recht, sich in ihrem Fiat 500 besonders zu fühlen, wie ein CEO in seinem roten Ferrari.
Die europäische Autoindustrie steht unter Druck: Tesla hat die Industrie revolutioniert, und die Chinesen drängen mit billigen Autos in den Markt. Haben die Europäer noch eine Chance?
Ich bin nicht mehr Manager bei Fiat, sondern kann nur als Aktionär sprechen. Und als Fan europäischer Marken, für die ich auch gearbeitet und «Art Cars» entwickelt habe, wie für BMW oder für Pagani. Meiner Ansicht nach hat die Europäische Kommission schwerwiegende Fehler gemacht und die Krise mitverschuldet.
Meinen Sie die EU-Vorschriften gegen den Verbrennungsmotor?
Indem Europa zu aggressiv auf Elektrifizierung gesetzt hat, hat es seinen eigenen Wettbewerbsvorteil bei den Verbrennern kaputt gemacht – und nur den Chinesen geholfen. Ich glaube nicht daran, dass Elektromotoren die einzige Lösung sind. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass Unternehmen wie Porsche, Mercedes, Volkswagen oder Audi einmal in solche Schwierigkeiten geraten würden?
Hat sich Europa selber geschwächt?
Ja. Schauen Sie nach Deutschland, jahrzehntelang die Lokomotive Europas. Es steht jetzt vor grossen Herausforderungen in verschiedenen Industriebranchen. Falsche Regulierung trug zur Schliessung von Fabriken und zu Entlassungen bei.
Ausgerechnet Italien, das früher dauernd die Regierungen auswechselte, ist heute das vielleicht stabilste EU-Land. Was halten Sie von Premierministerin Giorgia Meloni?
Ich lebe jetzt in der Schweiz, aber bleibe Italiener. Ich war zu Tränen gerührt, als bei den Olympischen Spielen die Hymne erklang. Giorgia Meloni hat meiner Meinung nach viel Gutes für Italien getan. Ich bin stolz auf meine Premierministerin, und ich bin stolz auf mein Land. (Er nimmt sein Handy hervor und zeigt WhatsApp, wie er während Olympia mit Giorgia Meloni textete.) Ich bewundere auch unseren Präsidenten Sergio Mattarella sehr. Es hat mir gefallen, wie er bei der olympischen Eröffnungsfeier im Tram ankam, das von Motorrad-Legende Valentino Rossi gesteuert wurde.
Ihr Grossvater kannte den ehemaligen US-Aussenminister Henry Kissinger und bat diesen, Ihnen beizubringen, «die Welt zu verstehen». Sie gingen bei ihm sozusagen in die Lehre. Was haben Sie von ihm gelernt?
Die Welt könnte Henry Kissinger jetzt brauchen: im Nahen Osten, in den Beziehungen zwischen den USA und Asien, im Umgang mit China. Er hat mich drei Dinge gelehrt. Erstens: Egal, mit wem Sie sprechen – geben Sie dieser Person das Gefühl, die wichtigste im Raum zu sein. Zeigen Sie Respekt. Zweitens: Zuhören. Das war für mich als junger Mensch schwierig – ich wollte immer sprechen. Aber Zuhören ist entscheidend.
Und drittens?
Man kann alles sagen – aber man muss den richtigen Moment, den richtigen Ton und den richtigen Ansatz wählen. Schauen Sie den Menschen in die Augen, mit Respekt, auch wenn Sie anderer Meinung sind. Nach diesen Prinzipien betrieb Kissinger Diplomatie, aber diese helfen auch im Leben.

Sie haben eine Stiftung gegründet. Was wollen Ihre Frau und Sie damit erreichen?
LAPS ist der Name unserer Stiftung. «Laps» bezieht sich auf Runden auf einer Rennstrecke. Das Leben besteht aus Runden, aus Zyklen. Unser Ziel ist es, Liebe in Leben zu bringen, die durch verbale oder körperliche Gewalt beschädigt wurden. Unsere erste Kampagne «Never Give Up» fand in Portugal, Spanien, Italien und Israel statt.
Wo liegt der Schwerpunkt heute?
Wir fokussieren auf den Kampf gegen Femizide. Dieses Problem nimmt zu, in allen Milieus, auch in höheren sozialen Schichten. Wir schaffen weltweit Schutzunterkünfte, in Zusammenarbeit mit den besten lokalen Institutionen. Die erste entstand auf Madeira, der Heimat von Cristiano Ronaldo, mit seiner Unterstützung. Wir haben ein Haus in einen sicheren Ort für Frauen – und auch Männer – verwandelt, die Gewalt erlebt haben.
Haben Sie auch Projekte in der Schweiz?
Wir prüfen Möglichkeiten in der Schweiz, gemeinsam mit Partnern. Auch hier hat Gewalt zugenommen, und wir möchten auf eine durchdachte und wirksame Weise helfen.

(Luzern, 24. März 2026)



