Bundesrat

Der Fall Amaudruz zeigt: Die Schweiz hat ein Problem

Bundesratskandidatin Céline Amaudruz sieht sich in der Deutschschweiz mit teils heftiger Kritik konfrontiert. Was unser Kollege von der Westschweizer watson-Redaktion in Lausanne davon hält.

Liebe Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer!

Politiker aus der Romandie sind wütend. Céline Amaudruz, SVP-Kandidatin für die Nachfolge von Guy Parmelin im Bundesrat, wird von einigen Deutschschweizer Parteikollegen mit einer derartigen Geringschätzung behandelt, dass ihr welsche Kollegen gegenüber RTS zu Hilfe eilen mussten. «Es gibt eine gewisse Herablassung seitens unserer deutschschweizerischen Kollegen gegenüber den Westschweizern», sagte etwa der Unterwalliser SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor.

Natürlich gibt es berechtigte Kritik an Amaudruz' möglichen Interessenkonflikten, die geklärt werden müssen. Aber in diesem Fall geht die Kritik zu weit. Denn man muss schon einige Grenzen überschreiten, um die Westschweizer zu einer solchen Reaktion zu bewegen.

Ich sage es ganz offen: Ihr Deutschschweizer neigt manchmal dazu, uns Romands (und auch Tessiner) als eine Art exotische Aussenseiter zu betrachten. Es ist nett, zum Spass mal einen Westschweizer dabei zu haben, aber mehr auch nicht. Sobald man euch ein wenig den Rang abläuft, wird man schnell in die Schranken gewiesen. Denn die wichtigen Themen der Schweiz werden für euch implizit irgendwo zwischen Bern, Basel und Zürich festgelegt.

Als Alain Berset im Bundesrat war, empfanden viele in der Deutschschweiz seinen Führungsstil als viel zu autoritär. In Bern sagten mir Deutschschweizer Journalisten: «Der glaubt, er wäre in Paris.» Würde man von Karin Keller-Sutter sagen, dass «sie glaubt, sie wäre in Berlin»? Ich glaube nicht. Wir betrachten euch nicht als Deutsche, also betrachtet uns bitte auch nicht als Franzosen.

Für viele Deutschschweizer liegt die Grenze der bekannten Schweiz in Bern. Der zweisprachige Kanton Freiburg wird zwar toleriert – ist aber vielen ein wenig suspekt. Das Tessin? Ein Land der Ferienwohnungen für die Zürcher Bourgeoisie. Man könnte fast vergessen, dass die Romandie – mit 2,2 Millionen Einwohnern – und die italienischsprachigen Bewohner des Tessins und Graubündens zusammen fast 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung ausmachen. Das ist keine kleine Minderheit.

Doch auch wenn die meisten von euch uns nicht verstehen, gilt das Gleiche umgekehrt. Für die meisten Westschweizer gibt es die Schweiz gar nicht – wir leben in der Westschweiz. Unser politischer und kultureller Mittelpunkt liegt in Lausanne, das zwischen 40 Minuten und einer Stunde mit dem Zug von den meisten anderen Hauptstädten der Westschweiz entfernt ist: Genf, Freiburg, Neuenburg und Sitten. Nur die Jurassier liegen etwas abseits. Für einen Genfer ist eine Fahrt nach Zürich so, als würde man nach Prag oder Budapest fahren. Dabei haben die Genfer und die Zürcher – abgesehen von der Sprache – viel mehr gemeinsam als mit ihren direkten Nachbarn.

Wenn ich mir erlaube, euch all das zu erzählen, dann auch deshalb, weil ich beide Seiten der Saane kenne: Als Freiburger und Deutschsprachiger (auch wenn nur Hochdeutsch) verstehe ich beide Seiten ausreichend. Und ich muss euch leider mitteilen: Sowohl in Freiburg als auch in Biel sind wir nur sehr wenige, die versuchen, eine Brücke zwischen der Deutschschweiz und der Romandie zu schlagen. Und natürlich auch eine zu unseren Freunden aus dem Tessin, diesem sprachlich wirklich coolen Kanton, in dem fast jeder dreisprachig ist.

Kurz gesagt: Uns hat die Verachtung gegenüber Céline Amaudruz seitens der Deutschschweizer Eliten der SVP und einiger Deutschschweizer Journalisten nicht überrascht. Überrascht hat uns nur, dass das Ausmass diesmal so gross ist, dass es sogar euch Deutschschweizern aufgefallen ist.

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