
Sie war die Erste, die sich mit ihrer Bundesratskandidatur exponierte: Céline Amaudruz, Vizepräsidentin der SVP Schweiz, erklärte vorletzte Woche, für die Nachfolge von Guy Parmelin anzutreten.
Die anderen Anwärter liessen sich mehr Zeit. Erst in den letzten 48 Stunden vor Ablauf der Meldefrist am Freitagmittag kamen sieben weitere Kandidaturen hinzu – alle von Männern. Neben den Nationalräten Rémy Wyssmann (SO) und Michael Graber (VS) kandidieren Ständerat und Ex-Parteichef Marco Chiesa (TI) sowie die Regierungsräte Jean-Pierre Gallati (AG), Franz Ruppen (VS) und Pierre Alain Schnegg (BE). Auch Fraktionschef Thomas Aeschi (ZG) wurde von zwar seiner Kantonalpartei nominiert, sein «persönlicher Entscheid» steht allerdings noch aus.
Amaudruz unter Druck
Mit ihrem Vorpreschen machte sich Amaudruz angreifbar. Die 47-jährige Genferin sitzt zwar seit 2011 im Nationalrat, ist seit 2016 Parteivizepräsidentin und nach Parmelin das wohl bekannteste Westschweizer Gesicht der SVP. Dennoch hat sie parteiintern nicht nur Freunde.
Im engsten Machtzirkel der Partei scheint man gewillt, eine Bundesrätin Amaudruz zu verhindern. Hinter vorgehaltener Hand wird an ihrer Führungsstärke und ihrem Arbeitseifer gezweifelt. Ihr werden zudem Abweichungen von der Parteilinie vorgeworfen, etwa beim Vaterschaftsurlaub.
Der halbe Bundesratskandidat Thomas Aeschi sagte gegenüber der «SonntagsZeitung», man brauche im Bundesrat eine «führungs- und durchsetzungsstarke Persönlichkeit», die sich für die Kernthemen der SVP einsetze. SVP-Nationalrat Thomas Knutti (BE) plädierte für ein Zweierticket aus Aeschi und Graber. Die Fraktion entscheidet am 20. November.
Auch die Sonntagspresse berichtete wenig schmeichelhaft über Amaudruz. Vincent Kaufmann, Präsident der Anlagestiftung Ethos, kritisierte in der «SonntagsZeitung» die Häufung ihrer Verwaltungsratsmandate sowie den aus seiner Sicht zu wenig unabhängigen Verwaltungsrat des Getreideverarbeiters Groupe Minoteries. Amaudruz präsidiert das Gremium, ihre Familie ist Grossaktionärin.
Die «NZZ am Sonntag» berichtete zudem über ihre Verbindungen zum umstrittenen Investor Antoine Hubert. Seit März sitzt Amaudruz im Verwaltungsrat von Huberts Spitalimmobiliengesellschaft Infracore. Vor Wochenfrist waren ihre Nebeneinkünfte und ihr Führungsstil als Präsidentin der SVP Genf Thema.
«Männer mit Samthandschuhen angefasst»
Niemand in Bundesbern hat mehr Bundesratswahlen erlebt als Grünen-Ständerätin Maya Graf, die seit 2001 im Parlament sitzt – 15 an der Zahl. Sie beobachte nicht zum ersten Mal, dass frühe Kandidierende besonders kritisch durchleuchtet werden und Frauen sich an anderen Massstäben messen lassen müssten, sagt sie.

Graf stört sich daran, dass Amaudruz «für den Mut, als Erste anzutreten, nun richtiggehend niedergeschrieben» werde, während Männer, die teilweise bis zum letzten Moment zugewartet hätten, «bislang mit Samthandschuhen angefasst» würden.
Graf ist Co-Präsidentin von Alliance F. Der Dachverband der Schweizer Frauenorganisationen sei konsterniert über die Auswahl von sieben Männern und nur einer Frau: «Die SVP als grösste Partei der Schweiz, die sich Volkspartei nennt, bringt es nicht fertig, mit zwei Bundesratssitzen die weibliche Hälfte der Bevölkerung abzubilden.»
Das sei inakzeptabel. Der Rücktritt Parmelins habe sich abgezeichnet: «Es ist die Verantwortung jeder Partei, sich darauf vorzubereiten.» Man müsse rechtzeitig auf genügend weibliche Kandidaturen hinarbeiten, damit auch Absagen von Favoritinnen wie Esther Friedli (SG) oder Natalie Rickli (ZH) verkraftbar seien.
Für Graf ist klar: «Wir erwarten, dass die SVP ihre Vizepräsidentin Céline Amaudruz aufs offizielle Ticket setzt.» Nach der mehrheitlich negativen Berichterstattung müsse Amaudruz die Chance erhalten, sich den anderen Fraktionen bei den Hearings zu präsentieren und Stellung zu den Vorwürfen zu nehmen.
Unterstützung erhielt Amaudruz übers Wochenende auch aus den eigenen Reihen. Die Vereinigung der Westschweizer SVP-Frauen betonte in einem Communiqué ihre parlamentarischen Erfolge für Frauen, etwa für Brustkrebsbetroffene oder Gewaltopfer. Auch sie fordert die Fraktion auf, Amaudruz zu nominieren.
Freisinnige Frauen zurückhaltender
So weit will Nationalrätin Bettina Balmer (ZH) nicht gehen. Auch die Präsidentin der FDP Frauen stört sich daran, dass nur eine Frau sieben Männern gegenübersteht. Balmer bedauert die Absage «von so fähigen Frauen wie Esther Friedli oder Natalie Rickli», respektiert aber deren persönliche Abwägungen.
Aus ihrer Sicht müsse jedoch die fähigste Person gewählt werden. Diese Aussage richte sich ausdrücklich nicht gegen Amaudruz. Die Geschlechterfrage sei diesmal weniger dringlich, weil mit Karin Keller-Sutter (FDP) und Elisabeth Baume-Schneider (SP) weiterhin zwei Frauen in der Regierung sässen, so Balmer.


