Nahost

Huthis kommen dem «Tor der Tränen» gefährlich nah – mit Folgen für den Welthandel

Die Eroberung der jemenitischen Stadt Mocha durch die Rebellengruppe lässt den Ölpreis hochschnellen.

Der Jemenkrieg hat einen neuen, gefährlichen Wendepunkt erreicht: Die vom Iran unterstützten Huthi haben die strategisch bedeutende Rotmeer-Stadt Mocha eingenommen. Mehrere jemenitische Regierungsquellen bestätigten der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag den Fall der Stadt, nachdem Truppen der von Saudi-Arabien unterstützten Regierung des Jemens unter Tareq Saleh sich aus Mocha sowie aus den benachbarten Distrikten zurückgezogen hatten.

Die Grossoffensive der Huthis hatte am 3. September mit einer Reihe von parallelen Operationen begonnen. Rund eine Woche später kontrollieren die Huthi nach Angaben des Kriegsmonitors Clash Report etwa 2600 Quadratkilometer zusätzliches Gebiet entlang der Rotmeer-Küste – einer der grössten Geländegewinne der Miliz seit Jahren.

Bis ins 19. Jahrhundert war Mocha der wichtigste Hafen des Jemens, ehe Aden und al-Hudaida ihn ablösten. Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert dominierte die Stadt den Welthandel mit Kaffee. Der Name «Mokka» ging als Synonym für Kaffee in zahlreiche Sprachen ein. Unter osmanischer Herrschaft verlangte ein Gesetz, dass sämtliche Schiffe auf dem Weg ins Rote Meer in Mocha anlegen und dort Zölle entrichten mussten; auch englische, niederländische und französische Handelskompanien unterhielten eigene Handelsposten in der Stadt.

Dass ausgerechnet dieser einst kosmopolitische Handelsknotenpunkt heute zum militärischen Brennpunkt wird, unterstreicht die jahrhundertealte strategische Lage am Zugang zum Roten Meer.

Ahmed Nagi, leitender Jemen-Analyst der International Crisis Group, ordnet den Vorstoss als Teil einer längerfristigen Strategie ein: Der Vorstoss an die Westküste ziele nicht allein auf Geländegewinne rund um Taiz ab, sondern vor allem auf die Nähe zum «Tor der Tränen», wie die Meerenge genannt wird. Die an ihrer engsten Stelle nur 27 Kilometer breite Passage, so Nagi, gewinne vor allem dann an Bedeutung, wenn man sie im Licht der übergeordneten Huthi-Strategie betrachte. Die Kontrolle über den Hafen von Mocha und die weiter südlichen Küstengebiete verschaffe der Miliz eine deutlich stärkere Position nahe einer der wichtigsten internationalen Schifffahrtsrouten.

Der jemenitische Vize-Aussenminister Mustafa Noman wertet die Offensive entsprechend nicht als gewöhnlichen Territorialgewinn, sondern als Teil eines breiter angelegten Versuchs, den Einfluss der Huthi entlang des gesamten Roten Meeres auszudehnen. Der Erfolg, warnt Noman, werde die geografische, politische und militärische Reichweite Irans in der Region weiter vergrössern.

Sechs Prozent der weltweiten Öltransporte

Der jemenitische Nahost-Analyst Abdulghani al-Batarfi warnte gegenüber Al Jazeera vor einem Szenario, in dem die Strasse von Hormus und das Tor der Tränen gleichzeitig ernsthaft gestört würden: Die Folgen gingen dann weit über Jemen oder Saudi-Arabien hinaus und würden zu einem globalen Energie- und Handelssicherheitsproblem.

Mocha liegt rund 70 Kilometer nördlich der Meerenge. Durch sie werden nach Angaben der US-Energiebehörde EIA rund sechs Prozent des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Öls transportiert; nach anderen Berechnungen passieren dort bis zu zwölf Prozent des globalen Handelsvolumens, darunter ein Viertel des weltweiten Containerverkehrs.

Gregory Brew, Ölhistoriker und Senior Analyst bei der Eurasia Group, bezeichnete die Bedrohung durch die Huthi bereits im Frühjahr als real. Mit entsprechenden Schockwellen für die Energiemärkte, sei zu rechnen, sollte sich die Gruppe stärker in den Konflikt einbringen, prognostizierte er damals. Dies zeigte sich am Donnerstag bereits beim Ölpreis, der auf über 100 Dollar pro Barrel anstieg.

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