
Erstmals in der Geschichte der Internationalen Raumstation ISS holt die US-Raumfahrtbehörde Nasa eine vierköpfige Astronauten-Besatzung wegen gesundheitlicher Probleme eines Crew-Mitglieds vorzeitig zurück zur Erde. Der Rückflug sei für «die kommenden Tage» geplant, teilte die Nasa bei einer Pressekonferenz mit. Ein genauer Zeitplan soll so bald wie möglich bekannt gegeben werden.
«Ich bin zu der Entscheidung gekommen, dass es im besten Interesse unserer Astronauten ist, die Crew 11 vor ihrem geplanten Abflug zurückzubringen», sagte der neue Nasa-Chef Jared Isaacman. Man sei auf derartige Situationen immer vorbereitet.
Nasa-Chef-Mediziner: «Kein Notfall»
Zur Identität des Crew-Mitglieds und zu Details der gesundheitlichen Probleme wollte sich die Nasa nicht äussern. Es habe aber nichts mit der Arbeit der Crew an Bord der ISS zu tun und es handle sich auch nicht um einen Notfall, sagte der Chef-Mediziner der Nasa, James Polk. Das Crew-Mitglied sei in stabilem Zustand. «Es bleiben Risiken und Fragen zur Diagnose. Das bedeutet, dass ein Risiko für den Astronauten an Bord bleibt.» Die Gesundheit und das Wohlergehen des Astronauten zu gewährleisten, habe Vorrang, betonte er.
Medizinische Probleme wie beispielsweise Zahnschmerzen habe es bei Astronauten der ISS immer mal wieder gegeben. Vieles könne vor Ort behandelt werden. «Wir haben ein grosses Angebot an Medizintechnik an Bord der Internationalen Raumstation. Aber wir haben nicht das komplette Angebot an Medizintechnik, das ich beispielsweise in einer Notaufnahme hätte», sagte Polk weiter. In dieser bestimmten Situation sei es am besten, die medizinische Aufarbeitung des Falls auf der Erde fortzusetzen.
Während so etwas in der Geschichte der ISS noch nie vorgekommen ist, gab es 1985 einen vergleichbaren Fall an Bord der sowjetischen Raumstation Saljut-7. Weil Kosmonaut Wladimir Wasjutin mit gesundheitlichen Problemen an der Prostata kämpfte, kehrte seine Crew vier Monate vor dem geplanten Abschluss der Mission zur Erde zurück.
Grosses Risiko für Flüge zum Mars
Die vorzeitige Rückkehr aus Gesundheitsgründen zeigt nach Einschätzung des früheren Chefs der europäischen Raumfahrtbehörde Esa, Jan Wörner, die Grenzen der astronautischen Raumfahrt. Während Astronauten aus dem niedrigen Erdorbit innerhalb weniger Stunden zur Erde zurückkehren könnten, seien Missionen zum Mond oder Mars im Krankheitsfall mit erheblichen Risiken verbunden, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.
«Gesundheit ist ein zentrales und volatiles Gut. Bei den Mondflügen vor mehr als 50 Jahren war der Wettlauf im All die alles treibende Kraft», erinnerte Wörner. «Wenn auf einer Mondexpedition ein plötzlicher Krankheitsfall auftritt, ist die Dauer bis zur Rückkehr in Tagen zu erwarten, bei einem Flug zum Mars kann es unter Umständen fast zwei Jahre dauern.»
Der aktuelle Vorfall zeige einmal mehr, dass Flüge zum Mars mit der heutigen Technologie für Astronauten ein sehr grosses Risiko darstellen würden. «Mit dem Instrument KI haben wir aber schon jetzt die Möglichkeit, Planeten besser als je zuvor zu untersuchen und für eine spätere astronautische Mission vorzubereiten, wenn bessere Transportmöglichkeiten verfügbar sind», betonte Wörner.
Die Nasa hatte wegen der gesundheitlichen Probleme des Crew-Mitglieds bereits einen für Donnerstag geplanten Ausseneinsatz an der ISS kurzfristig abgesagt. An dem Ausseneinsatz hätten die US-Astronauten Zena Cardman und Michael Fincke teilnehmen sollen. Sie sind gemeinsam mit dem japanischen Raumfahrer Kimiya Yui und dem russischen Kosmonauten Oleg Platonow seit Anfang August als «Crew 11» an Bord der ISS. Sie sollten eigentlich noch ein paar Wochen dort bleiben. Der Start der Nachfolger für die «Crew 11» war für Mitte Februar geplant. Die Mission könnte nun vorgezogen werden, hiess es von der Nasa. (dpa)


