Die Quelle, die Fasajil im Westjordanland speiste, lieferte in diesem Sommer plötzlich kein Wasser mehr in das palästinensische Dorf. Das wertvolle Nass war umgeleitet worden, illegal, in ein nahegelegenes antikes Becken. Das wiederum liegt auf einem Gebiet ausserhalb der Reichweite der Menschen von Fasajil: Es steht unter israelischer Militärkontrolle.

Abgezweigt hatten das Wasser israelische Siedler. Sie nutzten das gefüllte historische Becken, um Touristen anzulocken. Benannt wurde die Stätte dafür nach Herodes, dem von den Römern eingesetzten König von Judäa bis zum Jahr 4 vor Christus. Nach Recherchen der Gruppe Kerem Nawot, die Aktivitäten israelischer Siedler im Westjordanland beobachtet, ist das Stück Land in Privatbesitz.
Kein Einzelfall
Die zuständige israelische Militärbehörde Cogat räumte ein, dass das Wasser «ohne Genehmigung» umgeleitet worden sei. Sie kündigte eine Untersuchung an. Es ist jedoch kein Einzelfall. Ermutigt vom Hardliner-Kurs ihrer Regierung strecken Siedler zunehmend die Hand nach Quellen und den davon gespeisten Steinbecken im Westjordanland aus.
Das palästinensische Gebiet steht seit dem Sechstagekrieg von 1967 unter israelischer Besatzung. Seitdem hat Israel ein Netz von Siedlungen für mehr als eine halbe Million seiner Staatsbürger auf diesem Land errichtet. Die internationale Gemeinschaft betrachtet die Siedlungen überwiegend als illegal.
Griff nach Kulturstätten
Mit dem Siedlungsbau auf palästinensischem Land geht laut der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem zunehmend auch der Griff nach Kulturstätten einher. Erklärtes Ziel sei, «die historischen, kulturellen und religiösen Bindungen des Staates Israel und des jüdischen Volkes zum Westjordanland zu stärken», zitiert die Organisation in einem in diesem Monat vorgelegten Bericht.

So sei auch die Benennung des Wasserbeckens nahe Fasajil nach Herodes ein Versuch, den Ort als Teil der jüdischen Geschichte zu vereinnahmen, sagt Alon Arad von der israelischen Organisation Emek Shaveh, die sich gegen eine Politisierung der Archäologie in Israel und den palästinensischen Gebieten einsetzt.
Millionen von Regierung
Die israelische Regierung hat angekündigt, das Becken im Oktober, nach den jüdischen Feiertagen, für eine archäologische Untersuchung leeren zu lassen. Im Interview der Nachrichtenagentur AP lobte der zuständige Minister Amichai Elijahu die Umleitung des Wassers und erklärte, die Regierung stelle umgerechnet rund 900'000 Euro für die Sanierung der Stätte bereit. Insgesamt seien derzeit umgerechnet fast 150 Millionen Euro für Ausgrabungen und Infrastrukturmassnahmen an mehr als 100 Stätten vorgesehen, die mit dem jüdischen Erbe im Westjordanland in Verbindung stünden.
«Wir werden diesen Ort in den Garten Eden verwandeln», sagte Elijahu bei einem Besuch des Beckens in der Nähe der Siedlung Petzael. Es gebe «keine palästinensische Nation», fügte er an, bevor er ins Wasser sprang.
Wasserversorgung für Palästinenser gekappt
Schon seit Israel 1967 die Kontrolle übernahm, leidet die palästinensische Bevölkerung regelmässig unter Wasserknappheit und Restriktionen. Zunehmende gewaltsame Übergriffe seitens der Siedler haben das Problem verschärft. Laut einem Bericht des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) vom Juli haben Siedler im ersten Halbjahr etwa 160 Wasser- und Sanitäranlagen, Rohrleitungen und Zisternen beschädigt, zerstört oder für sich in Besitz genommen.

Damit sei die Versorgung mehrerer palästinensischer Gemeinden ganz oder in weiten Teilen unterbrochen worden, heisst es in dem Bericht. In Fasajil bestätigt das der Bauer Saad Nemer: Wegen des ausbleibenden Wassers seien seine Felder zerstört, sagt er.
Felder trocknen aus
In Al Audscha im Jordantal mussten Murad al-Dschuba und mehrere andere Landwirte ihre Felder ganz aufgeben. Nachdem Siedler dort die Bewohner schikaniert und Quellwasser umgeleitet hätten, könne er nichts mehr anpflanzen, sagt er. Früher wuchsen auf seinem Land reichlich Obst und Gemüse. So wie ihm gehe es auch Nachbarn. «All diese Höfe sind auf die Quelle angewiesen, aber jetzt ist die Quelle weg, weil die Siedler sie sich angeeignet haben», erklärt der Landwirt. «Dieses Land hat einst eine reiche Ernte gebracht», sagt er. «Heute ist es eine Wüste.» (dap)

