
Der Angriff und die Folgen
Die Katzen sind noch da. Sie streifen durch die matschigen Strassen von Nir Oz, sitzen auf den Mauern ausgebrannter Häuser. Gepflegt, zutraulich, gut genährt. Eine Bewohnerin sei zurückgeblieben, um sie zu versorgen, sagt Irit Lahav, die durch den zerstörten Kibbuz im Süden Israels führt. Sie gehörten den Menschen, die hier lebten – bis zum 7. Oktober 2023.
Eine grau getigerte sitzt auf einem kleinen Tisch vor dem Haus der Familie Siman Tov. Im Garten steht ein blaues Klettergerüst, daneben modert eine Schaukel mit Sitzbank. An der verkohlten Hauswand erinnern Fotos an Tamar, Johnny und ihre drei Kinder Shahar, Arbel und Omer. «Die Kleinen waren sehr fröhlich, fuhren immer mit ihren Velos im Kibbuz herum», erinnert sich Irit Lahav.

Als Hamas-Terroristen den Kibbuz stürmten, flüchtete die Familie in ihren Schutzraum. Johnny hielt die Tür zu, so lang er konnte. Die Bunker sind gegen Raketen ausgelegt, nicht gegen heranstürmende Angreifer. Sie haben keine Schlösser. Johnny wurde durch die Tür erschossen. Tamar schickte kurz darauf eine Nachricht an Freunde, dass nun sie, schwer verletzt, die Tür halte. Auch sie wurde tödlich getroffen. Die Terroristen zündeten das Haus an; die drei kleinen Kinder starben im Rauch der Flammen.

Nir Oz ist der am schwersten getroffene Kibbuz der Terrorattacke vor gut zwei Jahren. 117 Menschen wurden ermordet oder in den Gaza-Streifen verschleppt – «jeder Dritte, der an diesem Tag hier war», sagt Lahav. Sie und ihre erwachsene Tochter hatten Glück. Sie versteckten sich in ihrem Haus, verbarrikadierten die Tür mit dem Schaft ihres Staubsaugers und blieben unentdeckt.

Hunderte Terroristen überrannten die kleine Gemeinschaft an jenem Morgen. Sie vergewaltigten, mordeten, plünderten und legten Feuer. Stundenlang dauerte der Horror, bis israelische Soldaten das Dorf befreiten.

Durch das mit Stacheldraht gesicherte Tor auf der Rückseite des Ortes wandert der Blick über grüne Felder bis in den Gaza-Streifen, nur ein paar Hundert Meter entfernt. Ein dichter Zaun ist zu sehen, dahinter nichts als Schutt und Ruinen. Der Krieg, den die Hamas hier in den Kibbuzen lostrat, forderte Zehntausende tote Palästinenser und unsägliches Leid auf der anderen Seite des Grenzzauns.

Schon bei der Ankunft in Nir Oz erinnerte der laute Knall eines israelischen Artilleriegeschosses daran, dass der Krieg in Gaza nicht vorbei ist. Was genau dort vor sich geht, ist schwer zu beurteilen – noch immer lässt Israels Regierung nur ganz wenige Journalisten und diese nur in Begleitung der Armee in den Küstenstreifen.
Ein paar Schritte weiter steht das Haus der Familie Bibas. Shiri und ihre beiden Söhne wurden entführt und in Gaza ermordet. Ariel war 4 Jahre, Kfir 10 Monate alt.

Irit Lahav hatte, wie die grosse Mehrheit der «Kibbuzniks», immer ein gutes Verhältnis zu den Palästinensern. Zusammen mit zwei Freunden aus dem Kibbuz, Oded Lifschitz und Chaim Perry, war sie als Freiwillige für die Organisation «Road to Recovery» tätig, erzählt sie.
In ihrem eigenen Auto hat sie schwerkranke Palästinenser an der Grenze zum Gaza-Streifen abgeholt und zur Behandlung in israelische Spitäler gefahren. Lifschitz und Perry, 83 und 79 Jahre alt, wurden am 7. Oktober verschleppt. Sie starben in den Tunneln von Gaza.
Hass auf die Palästinenser fühle sie keinen, sagt Irit Lahav. Nur grosse Enttäuschung. Vertrauen habe sie keines mehr. Dennoch glaubt Lahav, es wäre besser, wenn die Palästinenser ihren eigenen Staat hätten.
Rund 18 Prozent der jüdischen Israelis sind heute noch dieser Meinung. Vor einem Jahr waren es noch 28 Prozent. Bei den arabischen Israelis, die rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, glaubten vor einem Jahr noch fast 90 Prozent an das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat. Heute sind es noch 58 Prozent.
Schuldfragen
Die Fotos der ermordeten Familie sind nicht die einzigen, die auf der Hauswand der Siman Tovs kleben. Ein weiteres Plakat macht deutlich, gegen wen sich der Zorn von Überlebenden und Angehörigen richtet: «Das Blut der Familie klebt an ihren Händen», steht dort auf Hebräisch. Irit Lahav versichert: «Die Botschaft gilt Benjamin Netanyahu.»

Die «Kibbuzniks» sind mehrheitlich politisch links. Sie konnten mit der Regierung des konservativen Ministerpräsidenten und seiner in Teilen rechtsextremen Regierung schon vor dem 7. Oktober nichts anfangen. Seither hat sich die Abneigung noch verstärkt.
«Netanyahu hat sich nie entschuldigt», sagt Lahav. Die Armee habe die Schuld für die Hamas-Attacke auf sich genommen und um Verzeihung gebeten, die Regierung aber nicht. «Wie würde sich Bibi fühlen, wenn seine Familie ermordet würde?»
Den Zorn auf die Regierung teilt Lahav mit Gilad Karplus. Dass der 33-Jährige noch lebt, ist eigentlich ein Wunder. Karplus arbeitete auf dem Nova-Musikfestival, als Hamas-Terroristen das Gelände stürmten und ein Blutbad anrichteten. 360 Menschen wurden allein hier ermordet.
«Meine Freunde und ich gerieten in einen Überlebenskampf, es war ein Albtraum», sagt Karplus, der in unmittelbarer Nähe zum Gaza-Streifen aufgewachsen ist. Er steht auf dem Parkplatz des Nova-Geländes bei Re'im. Freunde und Angehörige der Opfer haben hier eine Gedenkstätte errichtet.
Eine Gruppe junger Soldatinnen hat sich um das Denkmal einer getöteten Kameradin versammelt. Nebendran blickt ein älterer Mann mit gesenktem Haupt auf das Foto eines lachenden Jugendlichen.

Als die Terroristen kamen, flüchteten Karplus und seine Kollegen im Pick-up-Truck eines Freundes. Sie wurden verfolgt und beschossen. Eine Kugel traf ihn am Hinterkopf. Schmerzen habe er wegen des Adrenalins keine gespürt, sagt er. «Ich musste mich auf meine Atmung konzentrieren, denn ich wollte meinen Blutdruck stabil halten.»

In einem Gebäude fand er Schutz. Sechseinhalb Stunden lang habe er sich versteckt, verletzt und blutend. Seine Rettung sei purer Zufall gewesen, sagt Karplus.
Heute hilft er anderen Überlebenden. Er meldete sich wieder bei der Armee – aus Mangel an Alternativen. Von der Politik fühlt er sich im Stich gelassen: «Wir bekommen nicht genug Unterstützung», sagt Karplus. «Die Politiker tun nichts für uns Überlebende.»
Das Vertrauen in die Politik sinkt immer weiter
Kritik an der Regierung mit Blick auf den 7. Oktober und dessen Aufarbeitung kommt nicht nur von den Überlebenden und Angehörigen. In ganz Israel rumort es.
Laut einer aktuellen Erhebung des Israel Democracy Institute fordern drei von vier Israelis, Netanyahu müsse Verantwortung für den 7. Oktober übernehmen. 45 Prozent der Befragten sind der Meinung, der Ministerpräsident müsse sofort zurücktreten. 18 Prozent fordern seinen Rücktritt nach dem Krieg.

Bei Gesprächen mit Israelis wird die Spaltung des Landes deutlich. Vielleicht ist sie sogar noch grösser als vor der Rückkehr der letzten lebenden Geiseln aus dem Gaza-Streifen. Deren Schicksal verband das ganze Land.
Jetzt aber treten die politischen Gräben umso tiefer zu Tage: Der Streit verläuft vor allem entlang der Fragen nach der Wehrpflicht für Ultraorthodoxe, dem Status des Westjordanlands und dem Schicksal Netanyahus. Im Herbst kommenden Jahres wird gewählt. Geht es nach den meisten Kibbuz-Bewohnern ist der Fall klar: Bibi muss weg. Ob es trotz aller Kritik wirklich so kommt, wird von vielen in Israel bezweifelt.
Trotzdem bleiben
Die gebürtige Aargauerin Ursula Krischer wanderte in ihren Zwanzigern nach Israel aus. Seit fünf Jahrzehnten lebt sie im Kibbuz Hatzor nahe der Stadt Ashdod. Ihre Verbindung zur Schweiz ist immernoch gross. Genau wie ihre Sorge um die Zukunft.
Zwei ihrer Töchter leben in den USA, eine Tochter und ihr Sohn im Kibbuz. Am Morgen des 7. Oktober hielt sich der Sohn in der Gemeinde Gevim bei seiner Partnerin auf. Die Bewohner wehrten sich - und vertrieben die Terroristen, bevor sie in den Kibbuz eindringen konnten. Ein Verteidiger kam dabei ums Leben, ein weiterer wurde schwer verletzt. «Wir hätten gut zu den Opfer-Familien gehören können», sagt Krischer am Telefon.
Seit jenem Tag sei nichts mehr wie zuvor. Das Sicherheitsgefühl ist verschwunden. «Eine Zeit lang waren wir nur noch daheim, lebten von Alarm zu Alarm», sagt sie. Schon vor dem 7. Oktober habe sie mit der Regierung gehadert, seither ist die Entfremdung weiter gewachsen. «Ich sehe nicht, wie das hier gut herauskommen soll», sagt sie. An einen politischen Wandel glaubt Krischer nicht mehr.

Nun muss ihre Familie, wie alle in Israel, mit den Folgen des 7. Oktober leben. Besonders schmerzt der Tod eines engen Freundes ihres Mannes. «Er rettete noch seine Frau, versteckte sie unter dem Bett, bevor er von Terroristen verschleppt und später getötet wurde», erzählt Krischer. Der Name des ermordeten Freundes: Chaim Perry, der Friedensaktivist aus Nir Oz.
«Geheilt sind wir bis heute nicht», sagt Krischer. Die Angst habe sich tief in den Alltag eingeschrieben, vor allem bei den Kindern. Im Kindergarten ihres dreijährigen Enkels reicht das Wort «Alarm», und alle rennen los. Raketendrill als Pausenspiel. Man erschrecke heute viel schneller.
Auch das Verhältnis zu den Palästinensern sei nun ein anderes. Früher arbeiteten Menschen aus Gaza in den Kibbuzen, bauten Häuser, kamen morgens zur Arbeit. Das sei vorbei. Gerade jene Orte nahe am Gaza-Streifen, die Palästinenser unterstützt hätten, seien besonders hart getroffen worden.
Und doch geht das Leben weiter. Feiertage werden gefeiert, gerade ist Chanukka. Auch Weihnachten gehört dazu. «Drei Schweizerinnen und eine Deutsche leben hier», sagt Krischer. Sie backe kiloweise Guetzli.
Die Raketen aus Gaza hätten sie abgestumpft, jene aus Iran im Sommer hingegen tief erschreckt. Dass diese Bedrohung vorbei ist, glaubt sie nicht. Im Gegenteil. «Wir haben eine schwierige Zeit hinter uns und eine noch schwierigere vor uns», sagt sie. Und doch hofft sie, dass ihre Familie in Israel bleibt. «Wenn alle Normaldenkenden gehen, ist das nicht gut.» Sie selbst werde bleiben.
In Nir Oz werden derweil die zerstörten Häuser wieder aufgebaut. Nicht alle - ein paar, etwa jenes der Siman Tovs, bleiben unberührt. Als Mahnung, was Hass und Fanatismus anrichten kann. Mehr als die Hälfte der evakuierten Bewohner könnten zurückkehren, glaubt Irit Lahav. Sie selbst hatte mehrfach darüber nachgedacht - aber schaffe es nicht. Dass der Waffenstillstand bleibt, hoffe sie zwar, sagt Lahav. «Aber ich glaube nicht daran.»
Die Reise erfolgte auf Einladung der Europe Israel Press Association
