Nahost

Israel erklärt christliches Dorf zur Sperrzone – wegen radikaler Siedler

Seit Jahren häufen sich die Übergriffe auf Taybeh im Westjordanland. Nun greift die Armee zu einer drastischen Massnahme.
Israelische Siedler an einem Zaun in Taybeh im Westjordanland: Wegen Übergriffen wurde der Ort zur Sperrzone erklärt.
Bild: Leo Correa

Radikale Antworten zu radikalen Problemen: Im Westjordanland ist ein gesamtes Dorf zu einem militärischen Sperrgebiet erklärt worden. Und zwar offenbar, um es von Siedlerangriffen zu schützen.

Taybeh ist eine christliche Gemeinde im vorwiegend muslimischen Westjordanland, etwa zwölf Kilometer nordöstlich von Ramallah. Seit drei Jahren klagen ihre gut 1200 Einwohner über eskalierende Attacken durch extremistische Siedler, die teilweise in illegalen Aussenposten ausserhalb des Dorfes leben.

Jetzt dürfen keine Fremden mehr ins Gebiet kommen, am Sonntag hat das israelische Militär die Sperrzone ausgerufen. «Bei Meldungen über Verstösse werden Soldaten ins Gebiet entsandt und lösen die Versammlungen auf, um die dortigen Bürger zu schützen», hiess es seitens der Armee. Einwohner dürfen sich bei solchen Sperrbefehlen in der Regel frei bewegen.

Bild: chm

Journalisten in diesem Fall theoretisch ebenso, sagt das Militär, allerdings behält sich die Armee das Recht vor, den Zutritt zu verweigern, sollte dies «eine Gefahr für ihr eigenes Leben darstellen oder die Operationen der Streitkräfte beeinträchtigen». Beobachter hatten früher Bedenken geäussert, dass der Mangel an internationalen Friedensaktivisten zu verstärkten Angriffen in dem Gebiet hätte führen können.

Einschüchterung von Einheimischen

In der vergangenen Woche waren extremistische Siedler nach Berichten von Einwohnern in ein leerstehendes Haus zum wiederholten Mal eingebrochen. Einmal hätten sie sogar Schafe mitgenommen, was die Einheimischen als Versuch werten, sie einzuschüchtern und zum Wegzug zu bewegen.

Das Dorf ist von Siedlungen und Aussenposten auf beiden Seiten umgeben. Im Juni hatten mehrere Siedler die Feuerwehr und die Einwohner:innen mutmaßlich daran gehindert, einen Brand auf einem offenen Gelände auszulöschen. Ob die neue Maßnahme helfen wird, darüber zuckt der Priester Pater Baschar auf Nachfrage mit den Schultern.

Taybeh ist das einzig vollkommen christliche Dorf des Westjordanlands und Heimat der gleichnamigen Mikrobrauerei – die älteste im Nahen Osten. Bei einem Besuch vor rund zwölf Monaten erzählte Pater Baschar von einer Eskalation der Attacken in den vergangenen drei Jahren. Lange waren sie als Christen eher verschont geblieben, das hatte sich aber jetzt geändert.

Insgesamt nehmen die Angriffe radikaler Siedler im Westjordanland zu. Mindestens sieben Palästinenserinnen und Palästinenser haben laut UNO-Agenturen 2025 bei Siedlerattacken ihr Leben verloren. Mehr als 800 wurden verletzt – unter ihnen über 50 Frauen und 70 Kinder. Das ist eine Zunahme der Zahl der Opfer um etwa 130 Prozent, verglichen mit dem Jahr 2024.

Ein jüngster Bericht der Vereinten Nationen kam zum Schluss, dass Siedler bei solchen Angriffen oft in Begleitung von Streitkräften erscheinen. Das israelische Militär hat dies stets bestritten. Der Bericht bemängelt ausserdem, dass israelische Institutionen gewalttätige Siedler und deren Aussenposten oder Farmen immer wieder durch militärische und finanzielle Hilfe unterstützen.

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