Wohneigentum

Zinsanstieg wird jetzt zur Gefahr für Hausbesitzer – oder kommt alles ganz anders?

Alles hängt vom Investitionsboom ab: Experte warnt vor grösster Kapital-Fehlallokation der Geschichte.

Eine Schwemme an Spargeldern – davon sei seine gesamte bisherige Karriere geprägt gewesen, erzählt Richard Privorotsky, Partner der elitären Investmentbank Goldman Sachs, in einem Podcast. Es sei so viel Geld im Finanzsystem gewesen, man wusste nicht, wohin damit. So sei das gewesen. 20 Jahre lang. Jetzt nicht mehr.

Neu weiss man wieder, wohin mit dem Geld. Allein 2026 werden voraussichtlich 1000 Milliarden Dollar ausgegeben im Boom rund um Künstliche Intelligenz und die dafür nötigen gigantischen Datenzentren. Hinzu kommt, dass die meisten Staaten dieser Welt wieder mehr Schulden anhäufen. Allen voran die USA. Im Budgetjahr 2026 werden sie ein Defizit von rund 2000 Milliarden Dollar schreiben.

«Wir hatten eine Schwemme von Spargeldern; jetzt haben wir eine Schwemme von Ausgaben», sagt Goldman-Sachs-Banker Privorotsky. Die Folge sei ein «wirklich tiefgreifender, grundlegender Wandel – und zwar im Hinblick darauf, wie sich die Kapitalkosten entwickeln».

Will heissen: Früher gab es viel Geld und wenig zu investieren. Neu gibt es wieder viel zu investieren. Damit wandelt sich der Markt für Kapital. Früher war das Angebot gross, die Nachfrage gering. Der Preis dieses Kapitals, also der Zins, war niedrig, zeitweise negativ. Neu ist das Angebot an Geld knapper und die Nachfrage viel grösser. Und die Zinsen werden auf Jahre hinaus deutlich höher liegen.

Damit endet die Ära der extrem niedrigen Zinsen. Sie begann im Jahr 2008 mit der Weltfinanzkrise, als der Schweizer Staat die Grossbank UBS retten musste, und setzte sich fort mit der Eurokrise sowie negativen Leitzinsen in der Schweiz und in der Eurozone. Dann verursachten zwar die Corona-Pandemie und der Angriff Russlands auf die Ukraine einen Inflationsschub – und die Zinsen stiegen. Doch dies wirkte wie eine Zwischenepisode. Die niedrigen Zinsen, so die Erwartung, würden bald zurückkehren. Und so war es dann auch. Die Schweiz hatte wieder einen Leitzins von 0 Prozent.

Nun steigen die Zinsen jedoch schon wieder. Und dieses Mal sieht es nicht nach einer Zwischenepisode aus.

Der Boom rund um KI ist gigantisch. Was für die nächsten Jahre geplant ist, übertrifft alle historischen Investitionsbooms, selbst den Aufbau der Eisenbahnen im 19. Jahrhundert.

Und die Staaten fluten die Märkte mit Schuldpapieren. Die USA haben gemessen an ihrer Wirtschaft mehr Schulden als nach dem Zweiten Weltkrieg. Fazit: Mit dieser Ausgaben-Schwemme endet die Ära der superniedrigen Zinsen.

Immobilienpreise fallen in deutschen Städten

Geld kostet wieder etwas. Und das bringt tatsächlich tiefgreifende Veränderungen mit sich – insbesondere auf den Immobilienmärkten. Dieser Wandel hat in manchen Ländern bereits begonnen. In Grossbritannien hat sich das Preiswachstum landesweit stark verlangsamt. In Deutschland ist es bereits negativ in den sieben teuersten Städten. Wie ein Wirtschaftsinstitut meldet, wurden dort Wohnungen durchschnittlich um 1 Prozent billiger und Häuser bereits um 2 Prozent.

In den USA sinken die Preise zwar nicht. Aber nur, weil niemand mehr verkauft. Hausbesitzer, die noch günstige Hypotheken haben, verlieren diese bei einem Verkauf. Bei den beliebten 30‑jährigen Festhypotheken müssten sie dann mindestens das Doppelte zahlen. Die Zahl der Hausverkäufe ist deshalb so niedrig wie in der letzten grossen Immobilienkrise – der Markt ist wie eingefroren.

Und doch könnte alles auch ganz anders kommen. Wie Privorotsky, der Banker von Goldman Sachs, im Interview auch sagte: «So wie sich die KI entwickelt, entwickelt sich alles andere.»

Sprich: Wenn es mit KI abwärts geht, die Technologie also nicht die hohen Einnahmen liefert, die sich die Investoren von ihr versprechen, endet der KI-Boom vorzeitig. All die geplanten Datenzentren werden gar nicht gebaut. Es wird kein Geld dafür geben. Dann geht es mit allem anderen abwärts: mit den Aktienkursen, vor allem auch mit den Zinsen.

Dass KI dem Hype nicht gerecht wird – das ist der Stoff, aus dem Börsen-Albträume gemacht sind.

«Das macht mir Angst», bekommt Privorotsky jetzt oft zu hören. Am Montag fürchtet einer, es würden zu wenige Datenzentren gebaut, am Dienstag hat ein anderer Angst, es würden zu viele. Beides gleichzeitig kann nicht passieren, doch beides raubt Kunden den Schlaf.

Der KI-Boom ist nichts für schwache Nerven. Wie man sich auch dreht und windet, Horror-Szenarien lauern allenthalben. Schaltet man Bloomberg-TV ein, hört man womöglich: «KI ist die grösste Fehlallokation von Kapital in der Geschichte. Völliges Desaster. Keine Kapitalrendite.»

Die Tirade kommt vom altgedienten Fondsmanager George Nobel, einem Stammgast in der Sendung. Nobel erzählt seit Monaten, er möge KI, aber sie sei keine gute Geldanlage. An der Börse wurde er nicht gehört. Alles, was auch nur irgendwie mit KI in Verbindung stand, war ein Hit. Bis jetzt.

Banken überschwemmt von KI-Schuldpapieren

Der Finanzmarkt beginne zu ersticken an all den Schuldpapieren, mit denen KI-Datenzentren finanziert werden sollen, titelte diese Woche die Nachrichtenagentur «Bloomberg». Es wird zu viel für Banken, Versicherungen oder Hedgefonds. Sie stossen an die Grenzen dessen, was sie noch an KI-Schuldpapieren auf ihre Bücher laden wollen.

Dass dem so ist, ist deutlich zu erkennen am Markt für Kreditausfall-Versicherungen. Plötzlich zahlt man viel mehr, wenn man sich absichern will gegen Verluste bei KI‑Unternehmen – auch bei grossen Namen wie Broadcom, Oracle und der von Elon Musk kontrollierten SpaceX. Bei ihnen allen sind die Versicherungskosten sprunghaft angestiegen und haben laut Bloomberg «ein Niveau erreicht, das eher für Kreditnehmer mit einer Bonität im ‹Junk›-Bereich typisch ist».

Nobel sieht einen entscheidenden Moment gekommen. Die Börse beginne, sich einzugestehen, dass KI nicht genug Geld abwerfe. Nicht genug, um darin Tausende von Milliarden zu investieren. Dass es so lange gedauert hat, erklärt Nobel mit einem Zitat, das dem Schriftsteller Mark Twain zugeordnet wird: «Es ist einfacher, Menschen zu täuschen, als sie zu überzeugen, dass sie getäuscht worden sind.»

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