In kurzem Abstand schlagen zwei russische Gleitbomben in einem alten Fabrikgelände ein. Die Explosionen sind meilenweit zu hören, der Boden zittert. Nun wachsen zwei dunkelgraue Rauchpilze in den Himmel.
Wir sind mit dem Auto unterwegs zu Jana, einer Ärztin. Der Treffpunkt liegt zufälligerweise in der Nähe der soeben angegriffenen Fabrik. Auf der Ladefläche unseres Pick-ups sind zwei Stromgeneratoren festgezurrt. Sie sollen Janas Feldspital mit Strom versorgen.
Unweit des Treffpunkts haben Schrapnells den Netztunnel zerfetzt, der Fussgänger und Autos vor Drohnen schützen soll. Die Splitter landeten in einem Garten direkt neben der Strasse. Ein alter Mann steht nun ratlos auf dem umgepflügten Erdreich. Er hatte Glück. Wäre er beim Einschlag draussen gewesen, hätten ihn die Bombenfragmente vielleicht getroffen.
All das gehört zum Alltag in Slowiansk. Die Stadt hatte vor dem Krieg mehr als 100'000 Einwohner, geblieben sind weniger als 40'000. Das russisch kontrollierte Gebiet ist nur 15 Kilometer entfernt, somit können kleine russische Quadcopter praktisch jedes Quartier erreichen. Wo es keine Netztunnels gibt, empfiehlt es sich, stets Ausschau nach Flugobjekten zu halten.
Als wir bei Jana ankommen, erwähnt sie die Gleitbomben mit keinem Wort. Das ist sehr ukrainisch: Viele Menschen – gerade in den Frontgebieten – lassen sich kaum anmerken, dass sie sich im Kriegsmodus befinden. Wir laden die Generatoren ab, und Jana wirkt glücklich. Strom kann Leben retten.
«Drohnen machen uns vor allem die Evakuierung von Verwundeten schwer», sagt die zierliche 33-Jährige. «Jede Bewegung kann von einer Kamera in der Luft beobachtet werden, darum verwenden wir zunehmend Bodenroboter, um Soldaten zu retten.» Im Feldspital, in der Ukraine «Stabilisierungspunkt» genannt, gehe es dann als erstes darum, die Blutung zu stoppen. Wer es bis zu Jana schafft und nach der Behandlung in ein grösseres Krankenhaus transportiert werden kann, hat im Schnitt eine Überlebenschance von 90 Prozent.
Ein alter Plattenspieler für die Verwundeten
Unsere Fahrt geht weiter, aber nicht zu Janas Stabilisierungspunkt, sondern zu jenem von Alina – irgendwo im Osten der Ukraine. Alina hat mehr als 180’000 Follower auf Instagram, man kennt sie. Die 31-Jährige ist die Witwe eines legendären Kämpfers und «Helds der Ukraine», der 2023 getötet wurde. Ihrem Feldspital schenken wir mehrere Tausend Operationshandschuhe, einen Autoklaven und eine grosse Inverter-Batterie für Stromausfälle.
In zweiwöchiger Arbeit haben Alina und ihr Team einen riesigen Keller zu einem Notspital umfunktioniert, mit insgesamt vier Operationssälen. Von aussen ist nichts zu sehen, Tarnung wird gross geschrieben. Es parken keine Fahrzeuge vor dem Notspital, und das ganze Personal trägt zivil.
In einem Operationssaal steht ein alter Plattenspieler auf einem Medikamentenkühlschrank. «Die Musik beruhigt die Verwundeten», erklärt Alina lachend. Die meisten Kriegsopfer werden am Abend und in der Nacht eingeliefert. Jetzt aber ist es noch Tag, und die Operationssäle stehen leer. In Spitzenzeiten arbeiten hier insgesamt vier Chirurgen – Männer und Frauen – sowie drei Anästhesisten.
Kaum noch Schusswunden
Alinas Statistik zeigt, wie sehr sich der Krieg verändert hat. 2022 und 2023 gingen die meisten Verwundungen noch auf Artilleriefeuer zurück, gefolgt von Schussverletzungen. Heute sieht das ganz anders aus: «In vier Monaten haben wir 962 Verwundete behandelt», erzählt Alina. «Darunter befanden sich nur gerade drei Soldaten mit Schusswunden. 90 Prozent waren Opfer von Drohnenangriffen. Dabei gab es viele Gesichts- und Augenverletzungen. Der Rest entfiel auf Explosionen von Artilleriegranaten und Minen.»
Laut der Washingtoner Denkfabrik Center for Strategic & International Studies (CSIS) kommen 2026 auf jeden getöteten ukrainischen Soldaten jeweils etwa acht russische Gefallene. Das ist eine massive Zunahme verglichen mit früher, als das Verhältnis eher bei eins zu zwei bis eins zu drei lag.
Das CSIS schätzt die Gesamtzahl der russischen Verluste – also Gefallene, schwer Verwundete und Vermisste – auf etwa 1,4 Millionen Kämpfer, von denen zwischen 400’000 und 450’000 getötet wurden. Demgegenüber hätten die Ukrainer zwischen 525’000 und 625’000 Soldaten verloren. Die Zahl der Gefallenen betrage dabei 125’000 bis 150’000.
Steigende Zahl ziviler Toter
Bei den zivilen Opfern verzeichnete die UNO seit Beginn der Grossinvasion mehr als 16'000 Tote – eine Zahl, die das wahre Ausmass der Katastrophe wahrscheinlich stark unterschätzt. Weil die Ukraine kaum noch Munition zur Abwehr ballistischer Raketen hat, stiegen die zivilen Verluste in den Städten in letzter Zeit stark. Im ersten Halbjahr wurden laut UNO-Statistik allein 1400 Zivilisten getötet, ein Sprung nach oben um 37 Prozent im Vergleich mit der Vorjahresperiode.
Hilfe für die Ukraine
Swiss UAid, das Hilfswerk unseres Kriegsreporters, unterstützt ukrainische Spitäler. Wer dafür spenden möchte: Swiss UAid, 8180 Bülach, IBAN CH25 0900 0000 1621 9814 9 oder Twint auf www.swiss-uaid.ch
Von Alinas Stabilisierungspunkt fahren wir den Weg der Verwundeten ab, also die Route, die Ambulanzen zum nächsten grossen Krankenhaus benützen. Das Spital ist etwa zwei Autostunden entfernt. Ein Chefarzt erwartet uns und bedankt sich als erstes für die grossen Mengen an chirurgischem Nahtmaterial, das wir ihm aus der Schweiz mit einem Lastwagen geliefert haben. «Wir hatten noch nie eine so gute Qualität.»
Dann erzählt er stolz, dass sein Spital inzwischen rund 8000 erfolgreiche Amputationen vorgenommen habe. In zwei Krankenzimmern zeigt er uns mehrere frisch Amputierte, darunter ein Soldat, dem beide Füsse abgenommen wurden. Unter der Bettdecke sickert Blut durch die dicken Verbände. Der Mann scheint jeden Lebenswillen verloren zu haben. Seine Prognose sei nicht gut, flüstert uns die wachhabende Pflegefachfrau zu.




