Leitartikel

Ihr Erfolg steigt der Schweiz zu Kopf: Wir sind die «neuen Deutschen»

Früher machten sich die Schweizer kleiner, als sie waren. Heute halten sie sich für grösser, als ihnen guttut. Warum Selbstgefälligkeit zum Risiko wird.
Die Lorbeeren müssen immer wieder verdient sein: Karikatur von Silvan Wegmann.

Diese Sätze gingen uns runter wie Honig. Deutschlands grösste Zeitung «Bild» titelte jüngst bewundernd: «Wie bekommt die Schweiz das hin?» Der Artikel versuchte zu erklären, warum unser Land höhere Löhne, weniger Schulden und eine robustere Wirtschaft hat als Deutschland. Als wir die «Bild»-Story auf unserem Newsportal zusammenfassten, schossen die Klickzahlen in die Höhe.

Ja, die Schweiz hat gerade einen guten Lauf. Die Wirtschaft brummt, der Bund sowie viele Kantone und Gemeinden schreiben Überschüsse, unsere Hochschulen erreichen international Spitzenplätze. An der Ski-WM hagelte es Medaillen, an der Eishockey-WM schaffte es die Nati in den Final und im Fussball in den Viertelfinal. Grossartig. Wir dürfen uns freuen.

Konsequente Vermeidung von Selbstkritik

Doch Vorsicht. Man hat fast den Eindruck, der Erfolg steige uns zu Kopf. Selbstgefälligkeit und Selbstgenügsamkeit machen sich breit, und die waren noch selten das richtige Rezept. Einst galten Schweizer als notorische Nörgler und fremdelten mit einer Haltung des Selbstbewusstseins. Heute treten sie mit geschwellter Brust auf. Dabei waren wir doch die, die früher genau das den Deutschen zugeschrieben und als Arroganz ausgelegt haben.

Man soll den Sport nicht überstrapazieren, und doch spricht es Bände, wie konsequent sowohl die Fussball- wie die Eishockey-Nati und ihr Spitzenpersonal jegliche Selbstkritik vermieden haben. Dass man sich feiern lässt – mit gutem Grund –, schliesst nicht aus, zu fragen: Sind wirklich nur andere schuld (der Schiedsrichter!), dass es nicht noch zu mehr gereicht hat? Das wäre Professionalität.

Lieber suhlt man sich im Erreichten, auch in Politik und Wirtschaft. Wir sind die Besten, und eigentlich wären wir noch viel besser, gäbe es da draussen nicht böse Kräfte, die uns in die Erfolgsstory dreinpfuschen: Trump (Zölle!), die EU (Bürokratie!) oder die OECD (Mindeststeuer!).

Erfolg macht träge, und wenn der Schweiz ein gesundes Mass an Skepsis und Nörgelei abhandenkommt, wird sie in Besitzstandswahrung und Egoismus versinken.

Wir können es uns leisten!

Anzeichen dafür gibt es. Wir haben uns eine 13. AHV-Rente genehmigt, ohne sie zu finanzieren. Wir lassen unser Land von der Nato beschützen, ohne unseren Beitrag zu leisten. Wir zehren unvermindert von der Friedensdividende, während andere Länder ihre Sicherheitsausgaben längst vervielfacht und dafür auf anderes verzichtet haben. Rot-grün regierte Städte verprassen das Steuergeld der verhassten Banken und Konzerne, indem sie ihre Klientel verwöhnen und Personal für die Rundumversorgung aufstocken. Gemeinden wehren sich gegen die Ansiedlung neuer Firmen, weil diese halt Verkehr und Lärm verursachen.

Die Haltung dahinter ist stets dieselbe: Wir sind die Besten, es geht uns gut, wir können uns das leisten.

Im Rausch der Selbstgefälligkeit werden Warnsignale übersehen. Die Arbeitslosigkeit steigt schleichend . Die Kaufkraft bröckelt. Die Energieversorgung wackelt. AHV und andere Sozialversicherungen sind nicht nachhaltig finanziert, und echte Reformen scheinen unmöglich. Die Folgen des Klimawandels verdrängen wir, auch wenn uns die heissen Tage wieder daran erinnern.

Jüngere Generation ist weniger zuversichtlich

Unsere Gesellschaft altert, und darum sollten wir ernst nehmen, was eine aktuelle Studie kürzlich zeigte: Jüngere Menschen, deren Bevölkerungsanteil schrumpft, blicken weniger zuversichtlich in die Zukunft als Senioren. Die Jüngeren haben auch häufiger der 10-Millionen-Initiative zugestimmt. Das offenbart Abstiegsängste und Unsicherheit ausgerechnet bei jenen, die die Zukunft sind.

Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz und geopolitischer Umbrüche wird es nicht genügen, nur von den Erfolgen der Gegenwart und der Vergangenheit zu leben. Wir müssen nicht zurück zur Nörgel-Nation, es reicht das Bewusstsein: Die Schweiz wurde nicht erfolgreich, weil sie sich für die Beste hielt und sich auf den Lorbeeren ausruhte. Sie wurde erfolgreich, weil sie nie aufhörte, an sich zu arbeiten und sich den Veränderungen stellte.

Sie tat das mit Mut und auch mit Demut. Davon brauchen wir heute wieder mehr.

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