
Leo XIV. handelt oft subtiler und geschickter als seine Vorgänger. Am ersten Tag seines Frankreich-Besuchs holte er ein Versäumnis Franziskus’ nach und besuchte die nach dem Brand halb zerstörte, 2024 wiedereröffnete Notre Dame-Kathedrale. Das zählt in Frankreich. Leos Empfang in Paris war geradezu euphorisch. Als er abends 80 000 Junge zu einem Abendgebet ins Stade de France lud, wurde der 71-jährige Papst wie ein Popstar bejubelt. Immer wieder erklangen «Leo, Leo»-Sprechchöre.
Zur Hauptmesse auf dem Concorde-Platz und den Champs-Elysées kamen nicht wie erwartet 600'000 Gläubige – was selbst für Pariser Verhältnisse ein Riesenauflauf gewesen wäre –, sondern laut Vatikan 800'000. Nach stundenlangem Warten grüssten sie Leo XIV. frenetisch.
Woher rührt diese eher unerwartete Papst-Begeisterung in Frankreich? Sie dürfte auch abgesehen von der Notre Dame-Visite mehrere Gründe haben. Leos zurückhaltendes Wesen, frei von Hochmut, nimmt ihn für die Franzosen ein, die sich von ihren Spitzenpolitikern anderes gewöhnt sind. Dazu bemühte sich der 71-jährige Amerikaner – der auch Vorfahren aus der Normandie und dem Béarn hat – mit sichtbarem Effort und universellem Akzent, die Messen und einen Teil seiner Reden auf Französisch zu halten. Auch das zählt.
Aber letztlich ist all das sekundär. Leo XIV. kommt in Frankreich vor allem deshalb an, weil er sich als Einiger der Kirche anbietet. Die an religionspolitischen Querelen reich gesegneten Katholiken Frankreichs scheinen nur auf eine besonnene Führungs- und Integrationsfigur gewartet zu haben. «Er hat etwas so Beruhigendes, Friedfertiges», sagte eine junge Frau am Rande des Pariser Messe. «Und er verströmt etwas so Positives!»
Der Herausgeber des Fachmagazins Théopolitique, Jean-Pierre Denis, meinte in einer Diskussionsrunde, Leos Diskurs sei sehr bestimmt, aber auch ausgewogen. Opportunistisch oder gar gefällig sei er trotz seines Lächelns nie. In Paris trug der Pontifex bisweilen – und anders als Franziskus – die rote Mozetta, den traditionellen Schulterumhang konservativer Päpste. Am Pariser Sitz der Unesco und sogar im präsidialen Elysée-Palast wählte er im Beisein von Präsident Emmanuel Macron sehr deutliche Worte gegen Abtreibung - und gegen die Sterbehilfe, die das französische Parlament auf Betreiben Macrons eben erst genehmigt hat.

Das Oberhaupt der katholischen Kirche wahrte aber auch Distanz zu den Konservativen in Paris und Rom, die Leo aufgefordert hatten, seinen Paris-Besuch wegen des «Euthanasie-Gesetzes», wie sie es nennen, abzusagen. Leo stellte sich in Paris der Debatte. Nur die politischen Vereinnahmungsversuche Macrons blockte er höflich, aber bestimmt ab. Der Anwesenheit der Rechtspopulistin Marine Le Pen im Messpublikum hatte der Papst nichts entgegenzusetzen.
Leo ist nicht reaktionär
Leo ist kein Reaktionär, denkt aber konservativ. Er sprach sich gegen den kommerziellen Missbrauch von Genmanipulation, Organhandel, Leihmutterschaft und eben die Sterbehilfe aus. Das brockte ihm die Kritik auch wohl gesonnener Stimmen ein: Der Philosoph Raphaël Enthoven etwa fand, dass Leo zu viele unterschiedliche Themen miteinander vermenge; das lasse weniger Scharfsinn als bei Benedikt XVI. erkennen.
Bei anderen Themen folgte Leo in Paris eher Franziskus: Im Haus der Bakhita, einer heiliggesprochen Ex-Sklavin aus dem Sudan, fand er sehr klare Worte für die Migranten und Exilierten. Daneben geisselte er das «Säbelrasseln» rund um den Planeten sowie die Klimaerwärmung.
In Lourdes, dem Marien-Wallfahrtsort in den französischen Pyrenäen, wo er am Sonntag vor 150'000 Gläubigen eine weitere Messe hielt, empfing Leo auch sieben Missbrauchsopfer der katholischen Kirche und namentlich ihrer Privatschule Bétharram. Die Linke kritisierte, dieses Treffen sei angesichts von 330'000 Opfern das absolute Minimum. Doch ein Viertage-Besuch eines Landes ist nicht der Ort, um den Missbrauchsskandal der Kirche zu regeln. Leo sollte eine Delegation im Vatikan empfangen. Das wäre ein Tatbeweis, dass er nicht nur ausgewogen ist und an alle denkt, sondern auch so zu handeln vermag. Bald anderthalb Jahre im Amt, vermittelt Leo noch Grund zur Hoffnung.


