Deutschland als kranker Mann Europas: Der Gedanke ist derart normal geworden, dass gute Nachrichten aufhorchen lassen, selbst wenn sie in besseren Zeiten kaum Aufsehen erregt hätten. Wachstumsraten mit einer Eins vor dem Komma zum Beispiel. Um bis zu 1,3 Prozent könnte das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) dieses Jahr zulegen, schätzen Ökonomen; 2027 könnten es immerhin noch 1,1 Prozent sein. Für ein Land, das schlechte Nachrichten mittlerweile stoisch bis resigniert entgegennimmt, ist das bereits ein bemerkenswerter Lichtblick.
Von der Richtung, in die sich das Wachstum entwickle, sei er nicht überrascht, von der Stärke aber schon, sagt Jens Südekum, Professor für Volkswirtschaftslehre in Düsseldorf, dieser Zeitung. Die Gründe für die positive Entwicklung, da sind sich die Ökonomen einig, sind ein Export-Boom, aber auch staatliche Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur, die aus einem «Sondervermögen» finanziert werden, also ausserplanmässigen Schulden, die der Staat aufnimmt.
Deutschland profitiert von der Krise am Persischen Golf
Was die Exporte betrifft, profitiert die Bundesrepublik indirekt vom KI-Boom; in dieser Branche sind deutsche Unternehmen vor allem als Zulieferer bedeutend. Im Juni, so berichtet Südekum, hätten deutsche Ausfuhren sogar ein Allzeithoch erreicht, und das, obwohl die Exporte nach China um 12 Prozent zurückgegangen seien. «Das wurde durch Länder wie Kanada oder Australien überkompensiert», erklärt der Ökonom. So werde Deutschland weniger abhängig von grossen Märkten wie China oder den USA.
Allerdings, und das lässt die deutsche Ausfuhrbilanz schon etwas weniger glanzvoll erscheinen, trägt auch ein unerfreuliches Ereignis, das in absehbarer Zeit vorbeigehen könnte, zum Export-Boom bei: «Wegen der Lage am Persischen Golf kann ein Teil der asiatischen Konkurrenz nicht mehr liefern», erklärt Stefan Kooths, der Leiter des Prognosezentrums am Kieler Institut für Weltwirtschaft, im Gespräch. Davon profitiere vor allem die deutsche Petrochemie.
Dass die Ökonomie keine exakte Wissenschaft ist, zeigt sich an Südekums und Kooths’ unterschiedlichen Erwartungen für die nähere Zukunft: «Ich sage nicht, dass alles super läuft», sagt Südekum und verweist auf die schlechte Stimmung, die dazu führe, dass sich Konsumenten und Investoren noch immer zurückhielten, wenn es darum gehe, ihr Geld auszugeben. Alles in allem zeigt der Düsseldorfer Ökonom aber einen Optimismus, der nicht so recht zum heutigen Deutschland passen will.
So seien im ersten Halbjahr rund 3000 Unternehmen gegründet worden, 50 Prozent mehr als im Vorjahr und mehr als je zuvor. «Mehr als ein Drittel dieser Start-ups hat einen KI-Fokus», berichtet Südekum. Somit passe sich das deutsche Geschäftsmodell den neuen Zeiten an.
Die jüngsten Wahlergebnisse machen Reformen unwahrscheinlicher
Kooths ist weniger optimistisch: Seit Jahren legten vor allem staatsnahe Bereiche wie Verwaltung, Erziehung, Pflege und Gesundheitswesen zu. Seit Ende 2019 gingen 80 Prozent der Zuwächse des BIP auf diese Bereiche zurück. Die Produktivität entwickle sich dagegen schlecht, auch weil Anreize für riskante, aber produktivitätsträchtige Innovationen fehlten. «Scheitern ist in Deutschland teuer», klagt Kooths: «Jemanden zu entlassen, kostet 30 Monatsgehälter. In der Schweiz sind es drei.»
Ökonomie ist auch eine politische Wissenschaft, und so gehen die Meinungen vor allem über die Rolle des Staates auseinander: Der Streit in der Koalition und die Frage, ob geplante Reformen aus Angst vor AfD-Wählern verwässert würden, dominiere zwar die Meldungen, doch das Positive überwiege auch hier, meint Südekum: «Das Sondervermögen für die Verteidigung, das ich gut finde, kommt ja auch vom Staat.»
Kooths hält das Ausgabeverhalten der Regierung dagegen für ein grosses Problem: Das öffentliche Defizit werde bis 2028 wohl auf 4,7 Prozent des BIP steigen. «In wenigen Jahren werden die Abwege, auf denen der Staat wandelt, an ihr Ende kommen», prophezeit er. Was es brauche, sei eine Konsolidierung – «und zwar über die Ausgaben-, nicht über die Einnahmenseite», will heissen: Einsparungen statt Steuererhöhungen.
Für das Jahr 2028 rechnet Kooths schon wieder mit einem deutlich niedrigeren Wachstum – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen änderten sich nicht wesentlich. «Da aber habe ich wenig Hoffnung, im Gegenteil.» Wichtige Reformvorhaben, so klagt der Kieler Ökonom, würden schon wieder aufgeschnürt und weitere Regulierungen, etwa bei den Lieferketten oder der Verpackungsverordnung, stünden in den Startlöchern.
Das deutsche Wachstum zieht auch die Schweiz mit
Tatsächlich sind sich die deutschen Regierungsparteien in vielem nicht einig, zumal nach den jüngsten Wahlen in Ostdeutschland und Berlin, die mit Siegen der AfD und der Linkspartei endeten, die Union und SPD nervös machen. Deregulierungen, die Kooths etwa auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Nutzung neuer Technologien fordert, werden durch die Meinungsverschiedenheiten im Kabinett unwahrscheinlicher.
Das gilt auch für Reformen der Sozialsysteme, die angesichts der demografischen Entwicklung nötig wären. Unabhängig davon, welche Lösungen man in diesen Fragen für richtig hält, muss man konstatieren, dass die Unsicherheit über den Kurs der Regierung Investoren abschreckt.
Vorerst allerdings erfreut sich die deutsche Wirtschaft ihres unverhofft hohen Wachstums – und die Grösse des Landes bringt es mit sich, dass auch die Nachbarländer profitieren: In der Schweiz, so schätzt die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, könnte das BIP dieses Jahr um 1,9 Prozent zulegen. «Gerade in der Industrie gibt es zahlreiche Verflechtungen», sagt Jens Südekum dazu. «Die Schweiz ist Teil der Lieferketten.» Stefan Kooths giesst auch hier Wasser in den Wein: Frühere Aufschwünge seien deutlich grösser gewesen. «Als Lokomotive der europäischen Wirtschaft sehe ich Deutschland nicht.»








