Banken

Lässt sich die Schweiz auch vom nächsten  US-Finanzschock erwischen?

Wenn in den USA die Börsen krachen, geht hierzulande etwas in die Brüche – warum das wieder passieren könnte.

Die Weltwirtschaft habe in den vergangenen sieben Jahren einer erstaunlichen Zahl an Krisen getrotzt, urteilt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner jüngsten Risikoanalyse. Doch wie die IWF-Chefökonomin Silvana Tenreyro an einer Pressekonferenz sagte: «Diese Widerstandsfähigkeit erreicht allmählich ihre Grenzen.»

Diese Widerstandsfähigkeit verdankte die Welt laut IWF unter anderem dem Boom der Künstlichen Intelligenz und der Datenzentren. Die USA erleben deshalb gerade den grössten Investitionsschub ihrer Geschichte. Weltweit werden für Tausende Milliarden von Dollar hochleistungsfähige Computerchips gekauft und in gigantischen Datenzentren verbaut. Der Handel mit KI-Hardware wächst exponentiell.

Laut IWF wird der Boom jedoch zunehmend zum Risiko. Das finanzielle Fundament dieser Datenzentren könnte schwächer sein, als es von aussen den Anschein macht.

Zum Fundament gehört etwa, dass sich die teuren Datenzentren nur rechnen, wenn sie himmelhohe Erwartungen erfüllen. Laut «Wall Street Journal» müssten die Amerikaner etwa gleich viel für KI ausgeben wie für Nahrungsmittel. Sollten sie jedoch deutlich weniger dafür aufwerfen, könnte dies laut IWF «der Schock sein, der einen Einbruch auslöst».

Die Investitionen würden dann einbrechen, die Aktienkurse stark fallen. Die Schuldzinsen würden in die Höhe schiessen. Und zwar für jedwede Unternehmen, die auch nur irgendwie betroffen sein könnten. Ländern, die zuvor stark vom KI-Boom profitierten, würde eine Rezession drohen.

Der IWF warnt auch vor der hohen Verschuldung, die um den KI-Boom herum entsteht. Die vier Hyperscaler – Meta, Google, Amazon und Microsoft – konnten ihre Infrastruktur-Investitionen lange Zeit locker aus eigener Kraft finanzieren. Doch 2026 investieren sie etwa 800 Milliarden in Datenzentren. Das ist zu viel. Selbst für die Hyperscaler.

Finanzielle Verpflichtungen nicht in der Bilanz aufgeführt

Die Hyperscaler müssen kreativ werden. Zum Beispiel der Facebook-Konzern Meta mit seinem Datenzentrum Hyperion. Nachgezeichnet hat dies Professor Stijn Van Nieuwerburgh, Spezialist für Finanzen und Immobilien an der Universität Columbia. Er musste dafür ein Finanzkonstrukt entwirren, das mindestens zwölf rechtliche Einheiten und zig Querverbindungen umfasste.

Erst baute Meta auf eigene Faust. Dann holte der Konzern plötzlich die Privatkredit-Gesellschaft Blue Owl hinzu. Heute gehört Hyperion einem Spezialvehikel namens Beignet.

Insgesamt kostet Hyperion rund 30 Milliarden Dollar. Meta und Blue Owl haben beide investiert. Doch die Finanzierung kommt hauptsächlich aus einer Anleihe über 27 Milliarden, welche das Spezialvehikel herausgegeben hat – die grösste Anleihe mit guter Bonität, die in der Geschichte der USA je herausgegeben wurde.

Auf Hyperion lasten deshalb heute enorme Schulden: Die Belehnung beträgt ungewöhnlich hohe 90 Prozent. Die Anleihe wurde von dem Vermögensverwalter Pimco gekauft und sogleich mit hohem Gewinn weiterverkauft – an wen, ist nicht bekannt.

Meta darf Hyperion für sich nutzen und zahlt dafür an das Spezialvehikel Beignet hohe Leasinggebühren. Sollte Hyperion nicht rentieren, steht Meta dafür gerade beziehungsweise hat sich dazu verpflichtet. Aber, und das ist der Clou des Ganzen: Das Konstrukt wurde rechtlich so aufgezogen, dass Meta diese Pflichten nicht verbuchen muss. In seinen Büchern taucht Hyperion nicht auf.

Was hat Meta davon? Der Konzern wird an der Börse nicht wie Infrastruktur-Unternehmen gehandelt, wie es angesichts der hohen KI-Investitionen gerechtfertigt wäre. Es gilt weiter als Software-Unternehmen und wird als solches höher bewertet. Sprich: Stünden die KI-Investitionen voll in den Meta-Büchern, könnte der Meta-Börsenkurs einbrechen.

Meta ist damit nicht allein. Hyperscalers sind Leasing-Verpflichtungen von 970 Milliarden Dollar eingegangen  – von denen aber 660 Milliarden nicht in ihren Büchern erscheinen.

Es wäre nicht das erste Mal

Fazit: In den USA türmen sich hohe Risiken auf. Das kann alles gut gehen, wenn die Datenzentren die hohen Erwartungen erfüllen. Wenn nicht, kann es krachen. Wer trägt dann die Verluste? Sind es die riesigen Hyperscaler, bleibt die Krise mild. Wenn aber Schulden gemacht wurden wie bei Hyperion, könnte es schlimmer werden. Dann ist die grosse Frage: Wer hat die Schuldpapiere gekauft?

Das weiss man nicht genau. Aber via die Privatkredit-Gesellschaften würden die Schuldpapiere in alle Welt verstreut, sagt Professor Van Nieuwerburgh in einem Interview und fügt in Anspielung auf frühere Finanzkrisen scherzhaft hinzu: «Es würde mich nicht überraschen, wenn viele deutsche Banken investiert wären.» Aus Schweizer Sicht wäre es wohl nicht überraschend, wenn Schweizer Banken beteiligt wären.

Es wäre nicht das erste Mal, dass es in der Schweiz in die Brüche geht, wenn es zuvor in den USA gekracht hat.

Das letzte Beispiel war die Credit Suisse. Obligationen in den Bilanzen von US-Banken hatten stark an Wert verloren. Drei US-Banken gingen unter. Danach wurde wild spekuliert, wer als Nächstes an der Reihe sein könnte. Die Credit Suisse geriet in einen Strudel der Gerüchte. Der Aktienkurs brach ein, internationale Sparer zogen ihr Geld ab – bis es zu spät war.

Die Finanzkrise von 2008 hatte ihren Ursprung am US‑Immobilienmarkt. Hypotheken wurden in gewagten Finanzkonstrukten neu verpackt. Wie der Historiker Tobias Straumann später schrieb, glaubte die Grossbank UBS damals an die Überlegenheit dieser innovativen Finanzinstrumente. Als die Immobilienpreise fielen, war die Überlegenheit dahin – die UBS musste sich vom Staat retten lassen.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema: