Wir verbrennen in der Schweiz noch immer viel zu viel Plastik. Jährlich verbrauchen wir hierzulande rund 195 000 Tonnen Plastikverpackungen und Getränkekartons. Rezykliert werden davon gerade einmal drei Prozent, der grosse Rest landet in der Kehrichtverbrennung.
Das müsste nicht so sein. Bei mir in der Küche hängt seit einiger Zeit neben dem Kehrichtsack ein Plastiksammelsack. Seither beobachte ich, dass sich der Sack für Kunststoff dreimal schneller füllt als der herkömmliche «Ghüdersack». Im Selbstversuch wurden mir zwei Dinge klar: Wir verbrauchen zu viele Kunststoffverpackungen. Dabei ist Plastik kein Abfall, sondern ein Rohstoff, den wir wiederverwerten sollten.
Glas, Aluminium, PET und Karton sammeln wir bereits seit Jahren mit grossem Erfolg. Nur beim Haushaltsplastik fehlte in der Schweiz lange eine einfache, flächendeckende Lösung. Genau hier setzt RecyPac an: ein schweizweites Plastiksammelsystem, aufgestellt als Non‑Profit‑Organisation. Ein Sack ist in der Regel ein wenig günstiger als ein kommunaler Kehrichtsack. Der Preis deckt ausschliesslich die effektiven Kosten für Sammlung, Transport, Sortierung und Recycling.
Wir stehen erst am Anfang einer riesigen Entwicklung. Das PET‑Recycling brauchte in der Schweiz 20 Jahre, um sich zu etablieren. Niemand stellt heute infrage, dass PET gesammelt werden soll. Beim Haushaltsplastik ist das Sammelpotenzial etwa dreieinhalbmal so gross wie bei PET‑Getränkeflaschen; es liegt bei geschätzten 156 000 Tonnen pro Jahr. Das entspricht etwa einem Güterzug von Bern nach Genf. Wer behauptet, Plastiksammeln bringe wenig, ignoriert diese Grössenordnung.
Wieso geht es nicht schneller voran mit dem Sammeln von Plastikverpackungen und Getränkekartons? Bislang unterliegen Siedlungsabfälle dem kommunalen Abfallmonopol. Abfall hat für die Gemeinden einen Wert: Was verbrannt wird, kann etwa für Fernwärme eingesetzt werden. Auch deshalb sind einige Gemeinden nicht interessiert an einem privatrechtlich organisierten nationalen Sammelsystem. Das Kreislaufsystem der Zukunft wird aktuell noch gehemmt von föderalen Grenzen.
Ende Juni verabschiedete der Bundesrat indes eine neue Verpackungsverordnung, die ab nächstem Jahr gilt. Danach sollen bis 2032 mindestens 55 Prozent der Kunststoffverpackungen und mindestens 70 Prozent der Getränkekartons verwertet werden. Zudem müssen Hersteller und Händler von Einweg-Kunststoffverpackungen den Konsumentinnen und Konsumenten separate Sammellösungen anbieten. Diese neuen, nationalen Vorgaben sind richtig und dringend nötig.
Lohnt sich das Kunststoffrecycling aus Klimasicht? Ja! Zwar zeigt eine Studie von Swiss Recycle, dass der Umweltnutzen pro Kilogramm bei Glas oder Aluminium höher ist. Das liegt daran, dass die Herstellung von neuem Glas oder Aluminium extrem energieintensiv ist. Trotzdem lohnt sich Kunststoff-Recycling. Ein Kilogramm neuer Kunststoff verursacht über den gesamten Lebenszyklus Emissionen von rund fünf Kilogramm CO₂. Rezyklierter Kunststoff kommt nur auf etwa 1,5 Kilogramm. Jeder korrekt getrennte Joghurtbecher in meinem Plastiksammelsack zählt also – nicht symbolisch, sondern messbar.
Kritiker wenden ein, Recycling könne zu höherem Plastikkonsum verleiten. Ich halte diese Sorge für unbegründet. Das Sammeln und Trennen von Abfällen ist in der Schweiz tief in unseren Werten verankert – es ist eine Haltung. Wie einst PET wird auch das Plastiksammeln bald zur Routine. Heute bedauern viele Menschen, dass wir nicht mehr Plastik sammeln.
Zudem ist es illusorisch zu glauben, Verpackungen würden ganz aus unserer Gesellschaft verschwinden. Kunststoffverpackungen sorgen für Hygiene und längere Haltbarkeit von Lebensmitteln. Natürlich müssen wir Material reduzieren und Verpackungen durch einheitlichen und transparenten Kunststoff rezyklierfähig machen. So wie es die neue Verpackungsverordnung fordert: so wenig Verpackung wie nötig, so viel Rezyklat wie möglich.
Plastiksammeln ist kein Allheilmittel, aber ein entscheidender Hebel, um Wirkung im Alltag zu erzielen. Wer über Klimaschutz, Ressourcenschonung und Verantwortung spricht, kommt daran nicht vorbei. Wir brauchen jetzt den Willen, diesen Weg konsequent zu gehen.
Plastik gehört nicht in den Abfall, sondern zurück in den Kreislauf.


