Massenmigration

Krise in Ceuta: Kann Spanien aus dem Schengenraum fliegen?

Bewährungsprobe für die neue EU-Migrationspolitik: Erstmals seit Inkrafttreten der Asylreform erlebt ein Mitgliedsland eine Krisensituation. Spanien gerät unter Druck – auch durch andere EU-Länder.
Tausende Migranten kehren am Freitagabend aus Ceuta wieder nach Marokko zurück – doch die Kritik an Spanien hält an.
Bild: Antonio Sempere/AP

Zehntausende Menschen drängen irregulär in die spanische Exklave Ceuta auf dem afrikanischen Kontinent und stürzen das Land in eine Krise. Aus anderen EU-Ländern hagelt es Kritik an Spanien. Angebote der Unterstützung kommen stattdessen ausgerechnet aus dem Vereinigten Königreich.

Dabei sollte die vor wenigen Wochen in Kraft getretene EU-Asylreform (Geas) eigentlich für mehr Zusammenarbeit und Solidarität zwischen den Mitgliedsländern sorgen – stattdessen fordern manche Regierungen sogar Konsequenzen für Spanien als Teil des kontrollfreien Schengenraums. Geht das? Und welche Möglichkeiten hat Spanien nach den neuen Asylregeln? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Was ist der Schengenraum?

Der Schengenraum ist ein Gebiet in Europa, in dem Menschen grundsätzlich ohne Grenzkontrollen reisen können. Derzeit gehören 25 der 27 EU-Länder dazu, sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz. Die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla – in die ebenfalls Migranten eindrangen – gehören nicht zum Schengenraum.

Kann Spanien aus dem Schengenraum ausgeschlossen werden?

Die Bilder der Menschenmassen in Ceuta haben sich gerade verbreitet, da werden in anderen EU-Ländern Forderungen nach harten Konsequenzen laut. So bringt Italiens rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni mit einem Post auf der Plattform X den vorübergehenden Ausschluss des Landes aus dem kontrollfreien Raum ins Spiel.

Dafür bekommt sie Zuspruch der finnischen Innenministerin Mari Rantanen: Sie schrieb auf X, Länder, die nicht in der Lage seien, die Grenzen zu schützen, könnten nicht Mitglieder des Schengenraums sein. Auch AfD-Chefin Alice Weidel wirft dieses Szenario auf.

Doch der dauerhafte Ausschluss eines Landes aus dem Schengenraum gegen dessen Willen ist in den EU-Regeln schlicht nicht vorgesehen. Der ehemalige EU-Aussenbeauftragte und Spanier Josep Borrell schreibt dazu auf X: «Nach EU-Recht darf kein Mitgliedstaat die Teilnahme eines anderen Mitgliedstaats am Schengenraum einseitig aussetzen.»

Was bedeutet Italiens Aussetzen des Schengen-Abkommens?

Italien hat nach den Worten von Aussenminister Antonio Tajani das Schengen-Abkommen über den freien Personenverkehr in der EU gegenüber Spanien vorübergehend ausgesetzt. Dieser Schritt sei eine notwendige Entscheidung gewesen, «um die Sicherheit unserer Bürger zu gewährleisten und die europäischen Grenzen zu schützen», schrieb Tajani auf der Plattform X.

Zuvor meldeten die italienischen Nachrichtenagenturen Ansa und Adnkronos die vom Innenministerium in Rom angeordnete Schliessung der See- und Luftgrenzen zu Spanien. Italien hat keine Landgrenze mit Spanien. Die Massnahme dürfte daher Reisende, die mit dem Flugzeug oder Schiff unterwegs sind, mit neuen Grenzkontrollen betreffen.

Derzeit gibt es keine Hinweise, dass die Migranten in Ceuta überhaupt die Absicht hätten, nach Italien weiterzureisen. Die Migranten befinden sich in der nordafrikanischen Exklave zudem weder im Schengenraum noch auf europäischem Festland. Sollten sie versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, würden sie zunächst an einer EU-Aussengrenze ankommen – in Binnengrenzkontrollen können sie also zunächst gar nicht geraten.

Was ist mit Grenzkontrollen?

Statt eines Ausschlusses Spaniens verweisen mehrere EU-Länder auf die Möglichkeit, das kontrollfreie Reisen im Schengenraum weiter einzuschränken und mehr Binnengrenzkontrollen einzuführen – wie Deutschland sie bereits praktiziert. Der deutsche Bundesinnenminister Alexander Dobrindt kündigt mit Verweis auf Ceuta sogar an, die umstrittenen Kontrollen der Bundesrepublik an den Grenzen zu verlängern. Auch Frankreich hat bereits angekündigt, seine seit Jahren bestehenden Kontrollen an der Grenze zu Spanien zu verstärken.

Was in den Reaktionen in den Hintergrund tritt: Die Migranten befinden sich weder im Schengenraum noch auf europäischem Festland. Sollten sie versuchen, das Mittelmeer zu überqueren, würden sie zunächst an einer EU-Aussengrenze ankommen – in Binnengrenzkontrollen können sie also zunächst gar nicht geraten.

Laut EU-Kommission gibt es aber bisher ohnehin keine Anzeichen dafür, dass die Flüchtlinge diesen Versuch unternehmen. «Wir haben bislang keinerlei Weiterbewegungen von Ceuta aus auf das spanische Festland oder in andere Mitgliedstaaten gesehen», sagte eine hochrangige EU-Beamtin. Die spanischen Behörden kontrollierten die Aussengrenzen, um sicherzustellen, dass es keine solchen Weiterbewegungen gebe. Darüber hinaus deutet derzeit nichts darauf hin, dass die spanischen Behörden die Menschen aufs Festland bringen wollen.

Was muss Spanien nach EU-Regeln machen?

Spanien soll nach den EU-Asylregeln zunächst dafür sorgen, dass Asylbewerber nicht weiterziehen und die Schutzersuchen vor Ort prüfen. Da die EU Marokko als sicheres Herkunftsland betrachtet, gibt es dafür insbesondere die Möglichkeit der beschleunigten Grenzverfahren. Diese sind auf zwölf Wochen beschränkt und sollen schnellere Abschiebungen ermöglichen.

Spaniens Premierminister Pedro Sanchez spricht an einer Pressekonferenz in Ceuta, nachdem er sich vor Ort ein Bild gemacht hat.
Bild: Reduan Dris/EPA

Die europäische Asylreform (Geas) sieht im Falle von Massenmigration zudem einen Krisenmechanismus vor. Der soll explizit auch greifen, wenn ein Drittstaat Migranten zu politischen Zwecken instrumentalisiert. Die spanische Regierung könnte um Hilfe bitten. Dann sollten sich die 27 EU-Länder der Idee zufolge solidarisch zeigen, Asylsuchende fair untereinander verteilen und die europäische Grenzregion mit Ressourcen unterstützen, um Asylanträge schneller zu bearbeiten.

Was bedeutet die Krise für die EU-Asylreform?

Doch statt Angeboten der Unterstützung hagelt es aus anderen Mitgliedsländern bisher vor allem Kritik. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte die spanische Regierung auf, die Situation schnellstmöglich wieder in den Griff zu bekommen. «Der Schutz der Aussengrenzen der Europäischen Union ist entscheidend für die Bekämpfung illegaler Migration», betonte der CDU-Politiker. Ähnlich äusserten sich die Regierungsspitzen anderer Mitgliedsländer.

Das neue EU-Asylsystem steht damit nur sieben Wochen nach seinem Start unter Druck. Eigentlich sollte es einen jahrelangen Streit zwischen den Mitgliedsländern beenden. Staaten mit besonders vielen Ankünften von Flüchtlingen – also Spanien, Zypern, Italien und Griechenland – sollten ihre Aussengrenzen besser schützen und Asylanträge möglichst an den Grenzen abwickeln. Da sie damit verhindern, dass Flüchtlinge etwa nach Deutschland, Österreich oder Frankreich weiterziehen, haben sie Anspruch auf Unterstützung der anderen EU-Länder. Doch der Fall Spanien zeigt, dass diese gegenseitige Solidarität auf wackligen Beinen stehen könnte.

Wieso steht Spaniens Migrationspolitik ohnehin in der Kritik?

Schon vor der Krise in Ceuta war die spanische Migrationspolitik manchen Regierungen in der EU ein Dorn im Auge. Vor einigen Monaten leitete Spanien als Massnahme gegen den Arbeitskräftemangel die Legalisierung von rund 500'000 irregulären Migranten ein. Profitieren sollen davon Asylbewerber, die ihren Antrag vor Ende 2025 gestellt haben – keine Neuankömmlinge.

Die deutsche Bundesregierung hatte dazu mitgeteilt, dass sie das Modell nicht als Vorbild sehe. Angesichts der Bemühungen auf EU-Ebene, unerwünschte irreguläre Migration einzudämmen, sorgte die Massnahme auch in Brüssel für Stirnrunzeln.

Wie viele Migranten befinden sich noch in Ceuta?

Die meisten der seit Donnerstag in die spanische Exklave Ceuta gekommenen Migranten sind nach Angaben der Regierung wieder nach Marokko zurückgekehrt. Das Innenministerium in Madrid bezifferte die Zahl der über die Grenze gekommenen Migranten am Freitag auf etwa 50'000. Davon seien bis zum Abend 48'300 freiwillig wieder nach Marokko zurückgekehrt. Hunderte weitere seien noch auf dem Rückweg. Die Regionalregierung von Ceuta sprach von etwa 60'000 angekommenen Migranten – das entspricht 70 Prozent der regulären Einwohnerschaft.

Junge Marokkaner, die nach Ceuta gekommen waren, sagten der Nachrichtenagentur AP, sie hätten gehofft, in Spanien bessere Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Sie hätten sich aber angesichts des Chaos in der Exklave zur Rückkehr entschlossen. «Zu Hause gibt es nichts. Ich muss Zwölf-Stunden-Schichten für einen mageren Lohn arbeiten. Deshalb bin ich hierhergekommen», sagte der 21-jährige Abdulah Buji, der aus der Stadt Tetouan stammt. «Aber auch hier habe ich keine Möglichkeiten gefunden, also muss ich zurück.»

Der Vorsitzende einer Gewerkschaft der Polizeieinheit Guardia Civil, Rachid Sbihi, teilte mit, bei dem massenhaften Grenzübertritt seien mindestens 57 Menschen zu Tode gekommen. Einige Opfer seien ertrunken, andere bei einer Massenpanik getötet worden. In Ceuta hätten Tausende Migranten, darunter unbegleitete Minderjährige, keine Unterkunft und deshalb in Parks oder auf Bürgersteigen geschlafen. Andere seien orientierungslos durch die Strassen gelaufen. «Es ist chaotisch», sagte Sbihi. (dpa)

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema: