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«Bühne für politische Botschaften»: Das müssen Sie über Ceuta wissen

Tausende Migranten strömen derzeit in die spanische Exklave Ceuta in Afrika. Die Polizei ist machtlos, der Ruf nach militärischer Unterstützung ist laut. Doch warum gerade dort? Und warum überhaupt jetzt? Das ist bekannt.

An der EU-Aussengrenze in Nordafrika sind mindestens 18 Menschen ums Leben gekommen. Die Ereignisse in Ceuta verschärfen die Debatte über Migration und Grenzsicherung.

Die aktuelle Situation in Ceuta

Abertausende Migrantinnen und Migranten sind in den vergangenen Tagen in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika eingereist. Das spanische Innenministerium spricht von 49'000 Ankömmlingen innerhalb von 24 Stunden. Ceuta zählt normalerweise rund 85'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Es ist also bereits um mehr als die Hälfte angewachsen. Die Menschen tummeln sich in den Strassen, es herrscht Ausnahmezustand.

Menschenmassen überrennen Ceuta.
Bild:   Imago

Gemäss dem lokalen Medium El Pueblo de Ceuta wurde ein Einkaufszentrum wegen des Ansturms geschlossen, ein mehrtägiges Fest zur Feier des Schutzpatrons wurde abgesagt.

Die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt sind verärgert: In den sozialen Medien wurde zu einer Demonstration aufgerufen, da Spaniens Premierminister Pedro Sánchez am Freitag in Ceuta erwartet wird.

Gleichzeitig versuchen soziale Organisationen unermüdlich, die Ankömmlinge zu versorgen. «Uns sind die Ressourcen ausgegangen. Das Lager ist leer, die Gefrierschränke, einfach alles», sagt eine Sprecherin der NGO Luna Blanca zum Pueblo.

Nur langsam entspannt sich die Lage wieder. So schnell, wie viele meist schwimmend kamen, scheinen viele zurückzukehren. Am Freitag haben bis 13 Uhr Medien zufolge bereits 25'000 der irregulär angekommenen Menschen das Gebiet wieder Richtung Marokko verlassen. Das berichtete das spanische Staatsfernsehen RTVE.

Warum jetzt?

Es ist nicht das erste Mal, dass Ceuta von Migranten überrannt wird. Bereits 2021 kam es zu einem Ansturm, damals wurde vermutet, dass Marokko absichtlich die Grenzkontrollen gelockert oder ausgesetzt hatte, um Spanien unter Druck zu setzen.

Regelmässig versuchen Migrantinnen und Migranten, die Grenze zu überwinden. Anfang 2017 scheiterte ein Versuch von über 1100 Menschen, zwei Monate später gelang es rund 500 von 1000 Personen. 2024 scheiterte ein weiterer Versuch von über 1000 Menschen. Bei all diesen Migrationsanstürmen kommen immer wieder Menschen ums Leben, so auch dieses Mal. Am Freitagmorgen wurden bereits 19 Todesopfer gemeldet.

Die meisten Menschen versuchen, schwimmend nach Ceuta zu gelangen.
Bild: AP

Ceuta sieht sich also immer wieder mit solchen Anstürmen konfrontiert, wenn auch nicht immer im gleichen Ausmass. El Pueblo schreibt denn auch in einem Kommentar: «Das wiederholte Auftreten ähnlicher Vorfälle bestärkt den Eindruck, dass die marokkanischen Behörden, anstatt alle verfügbaren Mittel zur Verhinderung dieser Grenzübertritte auszuschöpfen, diese tolerieren oder gar fördern, wenn es ihren politischen und diplomatischen Interessen dient. Sie nutzen den Migrationsdruck als Instrument, Druck auf Spanien auszuüben.»

Man wolle nicht länger als Verhandlungsobjekt und «Bühne für politische Botschaften» betrachtet werden, heisst es weiter. Gleichzeitig wirft Ceuta der marokkanischen Regierung Untätigkeit vor. Das bestärkt den Eindruck, dass sie die Eskalation zumindest in Kauf nahm.

Das Tor nach Europa

Ceuta und Melilla, eine weitere spanische Exklave auf dem afrikanischen Kontinent, werden von Migranten als Weg nach Europa angesehen. Sie sind geografisch gesehen einfacher zu erreichen. Gemäss der Nachrichtenagentur AP schwimmen viele von der marokkanischen Stadt Fnideq rund fünf Kilometer nach Ceuta. Noch kürzer ist der Weg von Belyounech aus. Andere versuchen, über den Grenzzaun zu klettern. Trotz dieser kurzen Distanz würden jedoch normalerweise trotzdem weniger Migranten die Exklaven erreichen als etwa die Kanarischen oder Balearischen Inseln.

Bild: Screenshot

Ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit

Ceuta ist seit dem 16. Jahrhundert in Spaniens Besitz und wird seit 1995 autonom geführt. Vor der Eroberung durch Spanien war Ceuta unter portugiesischer Herrschaft, nachdem bis 1415 verschiedene Berber- und arabische Stämme die Stadt regiert hatten.

Rund 85'000 Menschen, darunter Christen und Muslime, leben in der Exklave. Die Grenze zwischen Spanien und Marokko ist nicht dicht. Täglich pendeln gemäss NDTV viele Marokkaner für ihre Arbeit in die Stadt.

Eine historische Zeichnung Ceutas, das früher Septa, heute im Arabischen Sabta genannt wird.
Bild: www.album-online.com

Warum Marokko Anspruch erhebt

Marokko erkennt die Gebiete nicht als Spaniens Eigentum an, sondern betrachtet sie als besetzte marokkanische Städte. Genau das sorgte in der jüngsten Vergangenheit immer wieder für Spannungen zwischen Marokko und Spanien.

Der marokkanische Politikwissenschaftler Samir Bennis sagte bereits 2021 gegenüber BBC, dass der Status von Ceuta und Melilla nicht immer derselbe war. Mal dienten die Städte als militärische Befestigungsanlagen, dann waren es wiederum Open-Air-Gefängnisse. Deshalb könne man auch nicht einfach sagen, Ceuta und Melilla seien einen Grossteil ihrer Geschichte vollwertige spanische Städte gewesen.

Bestärkt fühlte sich Marokko zudem im März 2026, als eine amerikanische Denkfabrik US-Präsident Trump und Aussenminister Marco Rubio dazu aufrief, die beiden Exklaven als besetzte marokkanische Gebiete anzusehen. Dies, um den «spanischen Imperialismus» in Afrika zu beenden und ein «historisches Unrecht» zu korrigieren. Schliesslich habe Trump dies ebenfalls getan, indem er in seiner ersten Amtszeit die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkannt hatte.

Warum Spanien stur bleibt

Natürlich gibt es auch eine Gegenseite. Das europäische Land beharrt auf dem Standpunkt, dass die beiden Städte schon über 500 Jahre in seinem Besitz und deshalb ein integraler Bestandteil seien. Verhandlungen mit Marokko werden abgelehnt.

Nach Jahrhunderten in spanischem Besitz sei es rechtlich und politisch nicht so einfach, die Gebiete mal eben zu übergeben, erklärte Jamie Trinidad von der University of Cambridge gegenüber der BBC.

Im Einkaufsviertel von Ceuta.
Bild: www.album-online.com

Er nennt ein weiteres Argument: «Politisch gesehen ist der Wunsch der Bevölkerung von Ceuta und Melilla, spanisch zu bleiben, das grösste Hindernis für eine Statusänderung. Die Vorstellung, dass Marokko diese Städte gegen den Willen ihrer Bevölkerung übernimmt, ist heutzutage fast undenkbar», sagt er. Mit anderen Worten: Die Einwohnerinnen und Einwohner Ceutas wollen nicht aus der EU geschmissen werden.

Und was sagt Melilla?

Ähnlich ergeht es der Stadt Melilla: Nach den jüngsten Migrantenanstürmen auf Ceuta sicherte deren Präsident Juan José Imbroda seine Unterstützung zu. Gleichzeitig warf er der spanischen Regierung Versagen in der Migrationspolitik vor.

Auch über die marokkanischen Behörden ist man in Melilla verärgert. Der Präsident der Partei Somos Melilla, Amin Azmani, drückte am Donnerstag seinen Ärger über die Untätigkeit Marokkos aus. Armee und Marine hätten tatenlos zugesehen. «Das ist Komplizenschaft, das ist Nachlässigkeit, die nicht toleriert werden kann», wird er vom Lokalmedium El Faro de Melilla zitiert.

Wie reagiert Europa?

Die Entwicklung löste auch in Italien Reaktionen aus. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni drohte damit, das Schengen-Abkommen über offene Grenzen gegenüber Spanien auszusetzen. Damit wolle sie die Grenzen und die Sicherheit der italienischen Bürger schützen. Italien grenzt allerdings nicht an Spanien.

Frankreich verschärft indessen Ceuta die Kontrollen an der Grenze zu Spanien. Innenminister Laurent Nuñez ordnete an, die Überwachung unverzüglich zu verstärken. Zusätzlich kommt eine schnelle Eingreiftruppe der Grenzschutzbehörde zum Einsatz. Sie besteht aus Polizei, Gendarmerie, Zoll und Soldaten.

In Ceuta bleibt die Lage angespannt. Tausende Menschen haben die spanische Exklave in den vergangenen Tagen von Marokko aus meist schwimmend erreicht.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat angesichts des Massenzustroms von Migranten nach Ceuta ein hartes Vorgehen gefordert. Gefährliche Überfahrten müssten gestoppt, Schleusernetzwerke zerschlagen und Rückführungen rasch umgesetzt werden. «Die Bilder, die aus Ceuta kommen, sind inakzeptabel», schrieb sie auf X.

Die EU-Kommissare Magnus Brunner und Dubravka Suica sollen Spanien bei der Bewältigung der Lage unterstützen. Brunner arbeitet mit Spanien und Frontex zusammen, Suica steht in Kontakt mit Marokko.

Mit Material der DPA

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