Die Tragödie löst weltweit Betroffenheit aus. 40 Personen kamen in der Silvesternacht beim Grossbrand in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana ums Leben, 119 erlitten schwere Verletzungen. Die Solidarität und die Anteilnahme für die Opfer und deren Familien sind gross. Mitten in der Trauer rückt eine Frage immer stärker in den Vordergrund: Wer ist verantwortlich für dieses Drama, das so viele, meist junge, Opfer gefordert hat?
Antonio Bandirali aus Italien war früher Leiter der Gemeinsamen Forschungsstelle für Brandschutz der Europäischen Kommission. Er hat in Crans-Montana ein Ferienhaus, das weniger als einen Kilometer von der Bar «Le Constellation» entfernt liegt. Dort trank Bandirali oft einen Kaffee. Gegenüber mehreren italienischen Medien erhebt er nun schwere Vorwürfe: «Aufgrund meiner beruflichen Erfahrung komme ich zum Schluss, dass es in dieser Bar schwere Sicherheitsmängel gibt. In Italien wäre ein solches Desaster nicht möglich gewesen, weil wir Normen haben, um solchen Ereignissen vorzubeugen.»
Es hätte fünf Notausgänge gebraucht – statt nur eine Tür
Mehr als 300 Personen, darunter auch zahlreiche aus Italien, feierten in der Bar Silvester, als im Untergeschoss die Decke vermutlich durch eine Wunderkerze Feuer fing und die Tragödie ihren Lauf nahm. Der Rettungsweg war eine enge Treppe. «In Italien sieht das Gesetz vor, dass es je 75 Personen einen Notausgang von 1,20 Metern braucht», sagte Bandirali der «Repubblica». Damit hätte es in der Bar fünf Notausgänge gebraucht. Seines Wissens habe es aber nur eine Tür gegeben, die ins Freie führte. Dieses Gebäude sei in keiner Weise für so viele Menschen geeignet gewesen, sagte er gegenüber «Cremona Oggi».

Der Brandschutzexperte kritisiert auch das verwendete Material. «Wenn man sich in einem Untergeschoss befindet, muss das Material brandsicher sein – von den Stühlen bis zur Decke. Wenn alles den Normen entspricht, ist es unmöglich, dass ein Flämmchen einen derartigen Brand auslöst.» In Italien benutze man vor allem für Decken Brandschutzmaterial, das sich bei grosser Hitze aufschäume und so Schutz biete.
War der Schaumstoff brandschutzkonform?
Dass ein solches Gebäude offenbar keine bedeutenden Brandschutzmassnahmen aufweise, hält Bandirali für «absurd». In der Verantwortung sieht er jene Personen, die für den Innenausbau der Bar zuständig waren – und die Behörden, welche das Gebäude kontrolliert haben.
Mit der Schuldfrage befasst sich auch die Walliser Staatsanwaltschaft. Untersucht wird insbesondere, ob der in der Decke verbaute Schaumstoff bewilligt und brandschutzkonform war. Abgeklärt wird auch, ob die Brandschutzkontrollen durchgeführt wurden und welche Ergebnisse sie hatten. Dafür zuständig war die Gemeinde. Ob es zu strafrechtlichen Verfahren gegen Verantwortliche kommen wird, ist noch unklar.
