Sind die Finanzmärkte verrückt geworden? Das fragt in seinem Newsletter der Chefökonom der St. Galler Kantonalbank, Thomas Stucki. Es ist zwar nur eine rhetorische Frage. Für ihn ist klar, dass dem nicht so ist. Aber es haben sich zuletzt extreme Preisausschläge gehäuft, bei denen sich die Frage stellt, wie dergleichen in einem rationalen Markt passieren kann.
Beispiel US-Staatsanleihen. Sie werden am wahrscheinlich grössten Markt der Welt gehandelt. Dieser Markt sollte ganz anders funktionieren, als der Handel mit der Aktie einer mittelgrossen Firma. Wenn dort gute oder schlechte Geschäftszahlen bekannt werden, führt das zu grossen Preisbewegungen. Das ist so üblich, das ist nichts Besonderes. Bei US-Staatsanleihen sollte es nicht passieren. Tut es aber in letzter Zeit öfter.
So wurden in den USA kürzlich neue Inflationszahlen veröffentlicht. Diese fielen nur ein wenig höher aus als erwartet. Das reichte. In wenigen Stunden ging es stark in die Höhe mit der Rendite auf US-Staatsanleihen. Wenige Stunden später war die Rendite jedoch wieder deutlich gefallen. Stucki sagt: «Das hatte nichts mehr mit einer rationalen Informationsverarbeitung zu tun.»
Es liessen sich beliebig viele Beispiele anführen, schreibt Stucki weiter. Der Tech-Konzern Microsoft ist den Finanzmärkten seit Jahren bestens bekannt. Doch neue Gewinnzahlen reichten kürzlich aus, um den Aktienkurs hochschiessen zu lassen – um 25 Prozent. Der Euro habe zum Franken aus heiterem Himmel mehr als einen Rappen verloren. «Nur weil die Risikoprämie französischer Anleihen steigt, obschon das in den Tagen zuvor nur Insider interessierte.»
Die Ausschläge erklären sich laut Stucki nicht mit dem irrationalen Vorgehen einzelner Händler. Es sind vielmehr zig Investoren und Anlagevehikel, die jeder für sich genommen durchaus rationale Strategien verfolgen, die jedoch alle zusammen irrational wirkende Ausschläge hervorrufen.
Wenn alle dem gleichen Ziel hinterherrennen
Stucki beschreibt diese Strategien als kurzfristiges Trading auf der Basis von Modellsignalen. Anhand dieser Modelle werde nicht auf Grundlage wirtschaftlicher Daten investiert. Vielmehr suchen die Modelle in verschiedenen Märkten nach Preiskonstellationen, die ihnen einen attraktiven Handel erlauben. So weit so unproblematisch.
Doch die verschiedenen Modelle sind meist ähnlich aufgebaut. Sie gelangen zu ähnlichen Schlüssen. Sie verfolgen ähnliche Strategien. Sprich, sie stürzen sich alle gleichzeitig auf den gleichen Vermögenswert. Wenn die Investoren hinter den Modellen zum eigenen Geld noch Kredite aufnehmen, können sie gewaltig grosse Veränderungen in der Nachfrage nach einem Vermögenswert produzieren. Und die Preise steigen oder fallen extrem.



