Wie schlägt der extrem trockene und heisse Sommer 2026 beim bäuerlichen Sorgentelefon durch?
Hans Jörg Rüegsegger: Es gab tatsächlich etwas mehr Anrufe diesen Sommer, wie schon bei vergangenen Wetterextremen. Ein neues Phänomen ist, dass sich immer mehr Leute bei uns melden, die im beruflichen Austausch mit Bauernfamilien stehen.
Wer tut das und weshalb?
Das sind Personen, die für die Viehzucht Rindersperma verkaufen oder etwa Futtermittelhändler. Also Leute, die häufig telefonisch oder bei Hofbesuchen mit Bauernfamilien reden. Sie kommen auf den Vorstand zu und sagen: «Dieser Betriebsleiter hat mich angerufen, um Heu zu bestellen, und am Ende dann 30 Minuten über seine Probleme gesprochen. Darf ich ihm mal eure Nummer angeben? Ich kann dem Mann nicht helfen.» Wir sind natürlich froh, wenn auf diesem Weg unsere Sichtbarkeit vergrössert wird. Es zeigt aber auch, dass unser Angebot noch nicht allen bekannt ist, denen wir helfen möchten.
Was sind denn typische Sorgen, die im Zusammenhang mit der Trockenheit angesprochen werden?
Unser Telefonteam arbeitet sehr diskret und die Anrufe sind anonym, weshalb ich nicht ins Detail gehen kann. Meistens sind es verschiedene Faktoren, die zusammenspielen, nicht alleine das Wetter. Oft zeigen sich gewisse Versäumnisse auf dem Betrieb, die finanzielle Folgen haben. Hinzu kommen gesundheitliche Probleme oder Konflikte in der Familie. Extremwetterereignisse wie die Trockenheit sind dann der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wobei wir damit rechnen, dass sich das erst mit einer gewissen Verzögerung zeigt.
Weshalb?
Wir stellen uns darauf ein, dass wir im vierten Quartal 2026 und im ersten Quartal 2027 deutlich mehr Anrufe haben werden. Dann können die trockenheitsbedingten Ernteausfälle, Futterzukäufe oder Tierabgänge zu finanziellen Engpässen führen. Leider kommt es immer wieder vor, dass sich Landwirte erst dann melden, wenn es fünf nach zwölf ist, statt fünf vor zwölf.
Was meinen Sie damit?
Als Betriebsleiterin oder Betriebsleiter in der Landwirtschaft muss man manchmal schmerzhafte Entscheidungen treffen. Zum Beispiel die Hälfte der Tiere verkaufen, um die Liquidität und das wirtschaftliche Überleben des Betriebs zu sichern. Das tut weh, klar. Aber wenn man die sich abzeichnenden Probleme nicht anpackt, sondern in eine Schockstarre verfällt, dann wird es irgendwann ganz schwierig. In tragischen Einzelfällen kommt es dann auch zu Suiziden.
Haben diese zugenommen?
Eine Suizidstatistik nach Berufsgattungen gibt es in der Schweiz nicht. Aber der Vorstand und das Telefonteam des bäuerlichen Sorgentelefons erfahren von solchen Fällen. Es gab leider auch diesen Sommer Suizide im Umfeld von Betriebsleiterfamilien. Mein Eindruck ist aber, dass es besser aussieht als noch vor einigen Jahren, als wir fast wöchentlich von solchen tragischen Fällen erfahren mussten.
Anlaufstelle für Landwirtinnen und Landwirte
Das bäuerliche Sorgentelefon berät seit 1997 Bäuerinnen und Bauern anonym zu allen möglichen Themen. Es nimmt jährlich zwischen 85 und 160 Anrufe entgegen. Präsident des Trägervereins ist SVP-Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger (56), der bis 2023 elf Jahre lang dem Berner Bauernverband vorstand.
In der Gesellschaft ist mentale Gesundheit ein grosses Thema. Gerade jüngere Leute gehen sehr offen damit um. Beim bäuerlichen Sorgentelefon war die Anzahl der Anrufe in den letzten Jahren hingegen relativ konstant. Weshalb?
Wenn man die abnehmende Anzahl der Bauernbetriebe berücksichtigt, erhalten wir prozentual mehr Anrufe. Vor allem hat die Gesprächslänge zugenommen, was auf die Vielschichtigkeit der Sorgen hindeutet. Wir sind aber einerseits noch nicht so sichtbar, wie ich mir das als Präsident wünsche. Und andererseits fällt es vielen Bauernfamilien schwer, über ihre Probleme zu reden.
Wie erklären Sie sich das?
Auf einem Bauernbetrieb ist man es gewohnt, anzupacken und Probleme selbst zu lösen, bevor man sich Hilfe von aussen holt. In gewissen Bauernfamilien, Generationen und Regionen gibt es sicher eine Scham, aber auch einen Berufsstolz, der einen davon abhält, Probleme mit anderen zu teilen. Aber wir merken, dass sich das in der jüngeren Generation gerade ändert.
Anders als vielleicht das Klischee besagt, klagen die Bauern offenbar nicht am häufigsten über das Wetter oder das Geld. Gemäss Statistik des bäuerlichen Sorgentelefons geht es bei den Anrufen am häufigsten um familiäre Probleme. Wie kommt das?
Der Berufsstand ist insofern besonders, als man in den allermeisten Fällen 365 Tage im Jahr dort wohnt, wo man arbeitet, und dort arbeitet, wo man wohnt. Gerade wenn man Tiere hat, sind Samstag und Sonntag nicht einfach frei wie in anderen Berufen. Und häufig leben zwei oder drei Generationen unter einem Dach. Dass das zu Konflikten und Reibereien führen kann, ist nachvollziehbar.




