Sie lag am Boden, die Angreifer tritten weiter auf sie ein. «Immer und immer wieder», sagt Heidi Levine. Die Fotoreporterin der «Washington Post» hat aus vielen Kriegsgebieten berichtet. Jetzt liegt sie im Spital: eine Rippe und mehrere Wirbel sind gebrochen, die Hand so schwer verletzt, dass sie operiert werden musste. Erschöpft sei sie, sagt Levine am Telefon, aber werde wieder im Westjordanland dokumentieren, sobald sie dazu in der Lage sei.
Am Freitag wollte die Journalistin beim palästinensischen Dorf Abu Falah über die Olivenernte berichten. Dann griffen israelische Siedler sie an. Sie hätten sie mit Fusstritten traktiert, als sie bereits am Boden lag, und Kameras, Ausweispapiere und Schmuck gestohlen. Israelische Soldaten hätten zugesehen, sagt sie. Hilfe habe sie erst von palästinensischen Kollegen erhalten.
Einen Tag später traf die Gewalt europäische Diplomaten und Kirchenvertreter. Maskierte Siedler attackierten ihre Delegation bei Taybeh. Bernard Baudoux, Bürgermeister der nordfranzösischen Partnerstadt Aulnoye-Aymeries, berichtet von Schlägen und Tritten. Er sei zu Boden geworfen worden.
Ministerpräsident Benjamin Netanyahu stellte zunächst die Beweislage infrage. Zum mutmasslichen Angriff auf die Delegation erklärte sein Büro, schwerwiegende Anschuldigungen erforderten überzeugende Beweise. Zugleich warnte es vor einer «koordinierten Kampagne zur Verunglimpfung Israels und der jüdischen Bewohner Judäas und Samarias», wie die Westbank mit biblischem Namen heisst. Gewalt gegen Diplomaten sei inakzeptabel; unbewiesene Vorwürfe dürften aber nicht zur pauschalen Anklage gegen Siedler werden.
Die Überfälle sind keine Einzelfälle: Seit dem 27. September waren Siedler laut der Menschenrechtsorganisation Jesch Din an mindestens 170 Angriffen auf Palästinenser beteiligt. Der Journalist Bar Shem-Ur wirft der Regierung vor, Siedlergewalt zu dulden. Und der frühere Generalstabschef Gadi Eisenkot spricht von «jüdischem Terror unter dem Schutz der Regierung».
US-Regierung fordert hartes Durchgreifen
Inzwischen verurteilen selbst überzeugte Unterstützer der Siedlerbewegung die Übergriffe. US-Botschafter Mike Huckabee nennt den Angriff auf Levine einen «verabscheuungswürdigen Terrorakt», verübt von «maskierten Feiglingen». Er fordert Festnahmen und Strafverfolgung «mit der vollen Härte des Gesetzes». Aussenminister Marco Rubio verlangt ebenfalls ein Durchgreifen. Belgiens Aussenminister Maxime Prévot will auf Sanktionen gegen die Verantwortlichen und ihre Unterstützer drängen: «Die Straflosigkeit gewalttätiger Siedler muss enden.» Bis Sonntagmittag waren nach beiden Angriffen keine Festnahmen bekannt.
Israels Präsident Isaac Herzog entschuldigte sich telefonisch bei Levine. Ehemalige Spitzenvertreter von Armee und Geheimdiensten erklärten sich über die Gewalt jüdischer Extremisten «zutiefst beschämt».
Vereinzelt zeigen Siedler Mitgefühl mit den Opfern. So sammelten Bewohner von Neve Daniel umgerechnet knapp 1500 Franken für einen palästinensischen Bauern, dessen Oliven gestohlen worden waren. Doch die Gewalt spaltet die Siedlerbewegung. Während die einen die Übergriffe rechtfertigen, distanzieren sich andere ausdrücklich. Der Streit reicht bis in die Reihen nationalreligiöser Rabbiner. Sechs Rabbiner bezeichneten das Abernten palästinensischer Olivenhaine als Diebstahl. Der einflussreiche Rabbiner Dov Lior erklärte es dagegen für zulässig: zur Erfüllung des «Gebots der Eroberung des Landes».
Führende Siedlervertreter machen hingegen Aktivisten für die Eskalation verantwortlich. Laut Israel Gantz, dem Vorsitzenden des Siedlerdachverbands Yesha, würden linke und ausländische Chaoten die Olivenernte nutzen, um in der Nähe von Siedlungen Zusammenstösse zu provozieren. Israelkritische Organisationen würden dann belastende Aufnahmen verbreiten. Unabhängige Belege für diese Provokationsstrategie nennen die vorliegenden Berichte nicht.
Experten warnen vor weitreichenden Folgen
Siedlervertreter stellen auch die Schilderung der Fotografin Levine infrage. Palästinenser hätten Israelis mit Steinen und Feuerwerkskörpern angegriffen; diese hätten mit Steinwürfen reagiert. Levine nennt die Darstellung, ihre Angreifer hätten ihr helfen wollen, eine «Lüge und Beleidigung».
Die Gewalt und ihre Rechtfertigung haben Folgen, die über die einzelnen Übergriffe hinausreichen. Für den Religionswissenschaftler Tomer Persico steht mehr auf dem Spiel als Israels Ansehen. Annexionsforderungen und Gewalt untergrüben die bisherige Rechtfertigung der Besatzung: Sie sei vorübergehend und für die Sicherheit notwendig, meint Persico. Er erwartet wachsenden Sanktionsdruck. Wer um jeden Preis am Westjordanland festhalte, warnt Persico, setze die Zukunft des ganzen Staates aufs Spiel.


