Wie beurteilen die Menschen im Gazastreifen heute den Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023?
Viele haben verstanden, dass dieser Angriff ein gewaltiger Fehler war – für alle Palästinenser. Am Anfang waren viele begeistert. Sie unterstützten den Angriff, weil sie glaubten, Israel gedemütigt zu haben. Heute sehen sie, dass dieser vermeintliche Erfolg nur sehr kurz anhielt. Sie haben einen enormen Preis dafür bezahlt, der noch Generationen belasten wird.
Können sich die Palästinenser gegen die Hamas erheben und sie vertreiben?
Nein. Dazu sind die Menschen nicht in der Lage. Solange die Hamas den Gazastreifen kontrolliert, kann sich die Bevölkerung nicht gegen sie erheben. Die Hamas herrscht mit grosser Brutalität und schreckt auch nicht davor zurück, die eigenen Leute zu töten.
Die humanitäre Lage in Gaza ist katastrophal. Tut Israel genug, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen?
Mehr als genug. Es kommen mehr Lebensmittel hinein als vor dem Krieg. Allerdings plündert und stiehlt die Hamas die humanitäre Hilfe.
Haben Sie Beweise dafür?
Wir sehen es mit eigenen Augen! Sie verkauft die Güter zu überhöhten Preisen an die Bevölkerung. Ausserdem erhebt sie hohe Steuern auf Waren, die über Israel oder Ägypten in den Gazastreifen gelangen. Viele Menschen können sich diese Waren deshalb nicht leisten. Humanitäre Hilfe sollte kostenlos sein. Doch wenn die Hamas einen grossen Teil davon an sich bringt, bleibt den Menschen nur, bei ihr einzukaufen.
Kobi Michael ist israelischer Sicherheitsexperte mit Fokus auf den Konflikt mit den Palästinensern. Er war stellvertretender Generaldirektor im Ministerium für strategische Angelegenheiten und dort für Palästinenserfragen zuständig. Heute arbeitet er für das Institute for National Security Studies (INSS) und das Misgav-Institut. Michael gilt als Vertreter einer harten sicherheitspolitischen Linie, dessen Einschätzungen von der «New York Times» und anderen internationalen Medien zitiert werden. Das Gespräch fand am Rande einer Veranstaltung der Europe Israel Press Association (EIPA) in Warschau statt. (fho)
Welche Fehler hat Israel begangen?
Israel hat die Palästinensische Autonomiebehörde (PA), die im Westjordanland regiert, geschwächt und die Hamas als Alternative gestärkt. Die Überlegung war, dass eine starke Hamas die PA schwächt und damit die Zweistaatenlösung auf Eis legt. Ich halte das für einen Fehler. Dazu kommt die Gewalt im Westjordanland. Dort gibt es jüdischen Terrorismus. Ich setze ihn nicht mit dem palästinensischen Terrorismus gleich, dessen Ausmass ist wesentlich grösser. Aber als Demokratie und jüdische Gesellschaft dürfen wir das nicht tolerieren. Wir müssen ihn zerschlagen.
Wie stark ist die Hamas noch?
Verglichen mit 2023 ist sie nur noch ein blasser Schatten ihrer selbst.
Warum kann die Armee den Krieg dann nicht beenden?
Weil Präsident Trump uns gestoppt hat, mitten in einer militärischen Kampagne.
War der Druck nicht vor allem wegen der vielen zivilen Opfer so gross?
Nein. Donald Trump wollte aus Gaza die «schönste Riviera des Nahen Ostens» machen. Dabei hatte er auch geschäftliche Überlegungen im Kopf.
Was müsste geschehen, damit sich die Lebensbedingungen in Gaza wenigstens ein Stück weit verbessern?
Wir müssen den von Trump eingebrachten 20-Punkte-Plan umsetzen. Dafür muss die Hamas entwaffnet und zerschlagen werden. Aber sie weigert sich. Israel und sogar der UNO-Sicherheitsrat haben dem Plan zugestimmt. Die Türkei, Katar und Ägypten helfen der Hamas jedoch dabei, sich ihren Verpflichtungen zu entziehen. Damit könnte die Hamas bewaffnet bleiben, weiterhin Einfluss im Gazastreifen ausüben und den politischen Prozess sabotieren. Für Israel ist das inakzeptabel. Deshalb werden wir auch den restlichen Gazastreifen besetzen müssen, die von der Hamas kontrollierten Gebiete einnehmen und die Organisation entwaffnen.
Sie rechnen mit einer neuen israelischen Offensive?
Ich glaube, es wird keine andere Möglichkeit geben.
Lieferstopp nach Gaza
Vor dem Krieg gelangten laut UNO rund 500 Lastwagen täglich nach Gaza, überwiegend mit Handelswaren. Israel meldete dieses Jahr zeitweise rund 600 Lastwagen täglich, palästinensische Stellen nannten deutlich tiefere Zahlen. Etwa die Hälfte der Lieferungen war nach israelischen Angaben kommerziell. Seit Mitte dieser Woche sind diese kommerziellen Lieferungen weitgehend eingestellt. Israel macht dafür von der Hamas verlangte Abgaben verantwortlich; die von der Hamas kontrollierten Behörden bestreiten das. Ein Vergleich mit der Vorkriegszeit ist nur eingeschränkt aussagekräftig: Durch die weitgehende Zerstörung von Wirtschaft, Landwirtschaft und Infrastruktur ist die Bevölkerung heute wesentlich stärker auf Hilfe angewiesen. (fho)

