In Sonntagsreden wird gerne damit angegeben, die Schweiz verfüge über das beste Gesundheitswesen der Welt. Eines der teuersten freilich auch. Im Schnitt gibt eine Person 900 Franken pro Monat für Gesundheit aus. Die hohen Kosten liessen sich bisher mit der guten Versorgung rechtfertigen. Ob das künftig noch klappt? Die Fachkräfte fehlen, chronische Krankheiten nehmen zu und punkto Digitalisierung gehört die Schweiz zu den Schlusslichtern.
Das Krankenversicherungsgesetz wird ständig reformiert. Und doch steigen die Kosten ungebremst weiter. Die Politik scheint trotz hohem Aktivismus nahezu ohnmächtig, wirklich etwas dagegen zu unternehmen. Nun kommt eine frisch erschienene Studie des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers (PwC) zum Schluss, dass nicht die Entwicklung des Systems per se ein Problem ist. Die Politik reagiere falsch, so die Experten.
Anstatt Reformitis braucht es eine Vision
Es fehle eine gemeinsame Vorstellung davon, wohin sich das System bewegen soll. Was ist das Ziel? Was ist die «Architektur» eines funktionierenden Gesundheitswesens? Ohne eine gemeinsame Perspektive sei es unmöglich, das System zu verbessern. Es bleibt Pflästerlipolitik, eine Behandlung der Symptome.
Die Autoren fordern nicht eine Revolution. Sie sehen drei entscheidende Hebel, um das System zu verbessern.
Der erste Hebel gilt der Qualität: In der Schweiz werden medizinische, pflegerische oder andere Leistungen vergütet, unabhängig davon, wie sinnvoll, nachhaltig oder effektiv sie sind. Wer operiert, erhält Geld. Wer auf die Selbstheilkräfte setzt, geht leer aus. Das Problem ist mehrfach adressiert, aber ungelöst. Die Empfehlung lautet: einen neuen Anlauf nehmen, um den Nutzen und nicht den Umfang einer Behandlung zu vergüten.
Die Studie fokussiert auf zwei weitere Entwicklungen, welche die Schweiz aktuell verschlafe: Angesichts der Alterung der Gesellschaft müssen künftig mehr chronisch Erkrankte und Menschen mit mehreren Krankheitsbildern versorgt werden. Bis 2050 wächst die Rentnerzahl um 60 Prozent. Aus Sicht der Autoren wäre es darum sinnvoll, bereits heute Prävention stärker zu belohnen und Massnahmen zu finanzieren. Heute fliessen nur 1,5 Prozent der Gesundheitsausgaben in das Verhindern von Krankheit, wie beispielsweise Krebsscreenings.
Und schliesslich sieht die Studie grossen Nachholbedarf bei den Gesundheitsdaten. Es fehlen bis heute Informatiksysteme, die aufeinander abgestimmt sind und die Prozesse vereinfachen und beschleunigen. Daran arbeitet die Politik zwar seit zehn Jahren, die Digitalisierung lässt aber weiter auf sich warten.
Die mangelnde Effizienz führt zum springenden Punkt: Künftig sind die Ressourcen begrenzt. Darum muss sich die Gesellschaft überlegen, wie sie diese einsetzen will. Dafür braucht es eine gemeinsame Vision der Gesundheitsversorgung.





