
Dass das Geld irgendwann nichts mehr wert sein könnte, ist eine deutsche Urangst. Die Furcht hat historische Gründe: Die Hyperinflation der Weimarer Republik, so die populäre Erzählung, habe zum Ende der ersten deutschen Demokratie und in die Katastrophe des Dritten Reiches geführt. Ganz richtig ist das nicht: Tatsächlich folgte auf den Herbst 1923, als ein US-Dollar 4,2 Billionen Reichsmark kostete, eine Stabilisierung der Verhältnisse. Zwischen der Rekordinflation und der Weltwirtschaftskrise, die den Aufstieg der Nazis begünstigte, lagen die Jahre 1924 bis 1929, die rückblickend als goldene Zeit erscheinen.
Von Verhältnissen wie vor knapp hundert Jahren ist die Bundesrepublik, deren Bewohner sich die meiste Zeit über eine bemerkenswerte Preisstabilität freuen durften, noch weit entfernt. Ein Inflationsrekord fiel letzten Monat gleichwohl: Wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag bestätigte, ist die Teuerungsrate im September auf 10 Prozent gestiegen und damit so hoch wie seit 70 Jahren nicht mehr.
Längst trifft die Inflation auch den Mittelstand hart
Gegenüber dem August stellt der Wert vom September nochmals einen deutlichen Sprung dar; die Teuerungsrate in Deutschland liegt nun bereits seit sieben Monaten über 7 Prozent. Ein Ausnahmefall in Europa ist die Bundesrepublik damit nicht, vielmehr bildet ihre Inflationsrate vom September ziemlich genau den Durchschnittswert der Eurozone ab.
Hauptursache für die Teuerung sind die Preiserhöhungen bei Energieprodukten, die im September 43,9 Prozent mehr kosteten als im entsprechenden Vorjahresmonat; zurückführen lassen sich die Steigerungen unter anderem auf ausbleibende Lieferungen aus Russland. Teilweise wirken die Zahlen in diesem Bereich dramatisch: So war leichtes Heizöl im September 108,4 Prozent teurer als ein Jahr zuvor; der Preis für Erdgas stieg derweil um 95,1 und jener für Kraftstoffe um 30,5 Prozent an.
Dass sich auch die Nahrungsmittelpreise um 18,7 Prozent erhöht haben, dürfte viele Konsumenten besonders schmerzen. Schon jetzt hätten Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 3600 Euro am Monatsende kein Geld mehr übrig und müssten bei grösseren Ausgaben auf ihre Ersparnisse zurückgreifen, heisst es in einer Studie der deutschen Sparkassen. 2021 lag das durchschnittliche Nettogehalt in der Bundesrepublik bei 2045 Euro. Somit trifft die Teuerung nicht mehr nur Geringverdiener hart, sondern längst auch den Mittelstand.
Dass die Inflationsrate im September noch einmal angezogen hat, führen Ökonomen auf das Auslaufen zweier temporärer Massnahmen zurück: Durch den «Tankrabatt» hatte der Staat zwischen Juni und August die Mineralölsteuer gesenkt; durch das Neun-Euro-Ticket hatte er billiges Reisen im öffentlichen Nahverkehr ermöglicht. Beides habe auf die Teuerung dämpfende Wirkung entfaltet.
Die «gefühlte Inflation» ist drei Mal so hoch wie die reale
Dass die Gewerkschaften in einer solchen Situation die Füsse kaum still halten können, kann niemanden überraschen, zumal weitgehende Einigkeit darüber besteht, dass es sich bei den derzeitigen Inflationsraten nicht nur um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Hinzu kommt, dass in vielen Branchen ohnehin Arbeitskräftemangel herrscht, weswegen Fachkräfte umworben werden. Dass etwa die IG Metall, die grösste Einzelgewerkschaft Deutschlands, 8 Prozent mehr Lohn fordert, dürfte den Arbeitgebern Sorgen bereiten, leidet die Metallindustrie doch besonders stark unter den hohen Energiepreisen.
Schnelle Besserung ist nicht in Sicht: Für 2023 rechnet die Regierung mit einer Inflationsrate von 7 Prozent. Ob die geplante «Gaspreisbremse» einen positiven Einfluss entfalten könnte, ist unter Ökonomen umstritten: Anders als beim «Tankrabatt» werde bei der «Gaspreisbremse» ein Transfer an die Bürger gezahlt, der von deren Konsumverhalten unabhängig sei, gibt etwa Clemens Fuest, der Chef des Münchner Ifo-Instituts, zu bedenken. So hätten die Leute mehr Geld zum Ausgeben, was die Güternachfrage steigen lassen und die Inflation erhöhen könne.
Untergangsstimmung herrscht in Deutschland zwar noch nicht, auch wenn Bilder von Demonstrationen im Osten des Landes darauf hindeuten. Im Alltag kann dem Thema Teuerung allerdings kaum noch einer entgehen, und wenn es nur ist, weil Freunde oder Bekannte darüber reden. Die «gefühlte Inflation» im Land liegt laut einer Umfrage derzeit bei 34,2 Prozent. Wenn 50 Prozent der Wirtschaft Psychologie ist, wie Ludwig Erhard einst meinte, verheisst dies nichts Gutes.
