
In Teheran fürchtet man vieles: das Mullah-Regime, die Bombardierungen durch die USA und Israel, die Inflation. Man fürchtet sogar die Sterne. Bei jedem leuchtenden Punkt am Himmel fragen sich die Menschen: «Ist das eine Drohne … oder bloss ein Stern?»
Dichte Beobachtungen dieser Art finden sich in den «Teheran Tagebüchern» eines Taxifahrers und Kunstdozenten. Sie konnten trotz des Krieges und der Internetsperre aus dem Land geschmuggelt werden und gehören zu den raren Zeugnissen, die unzensiert vom schwierigen Überleben im Iran erzählen. Die Tagebücher berichten von Aufständen gegen das Regime und von Massakern, mit denen die Aufstände niedergeschlagen wurden.
Dem Autor würde die Todesstrafe drohen
Nun sind diese sehr verifizierten «Nachrichten aus einem belagerten Land» auf Deutsch erschienen. Der Autor versteckt sich hinter dem Pseudonym Raha Nik-Andish. Würde seine Identität bekannt, müsste er mit der Todesstrafe rechnen – der Iran ist neben China das Land mit der höchsten Zahl an Hinrichtungen. Doch immer mehr Iranerinnen und Iraner sind wie der Verfasser der Tagebücher bereit, ihr Leben dafür zu geben, dass man im Ausland erfährt, wie die Zivilbevölkerung unter dem Krieg und dem Gewaltregime der Mullahs leidet.
Im Tagebuch heisst es im Januar 2026, dass ein Freund den Autor anrief und sagte: «Wir gehen zum Gheytarieh-Park. Komm mit.» Es ist ein eher wohlhabendes Viertel, dennoch versammelte sich im Park eine gewaltige Menschenmenge. Der wirtschaftliche Druck habe, so der Autor, die Unterschiede zwischen den oberen und unteren Schichten verwischt. Die Unzufriedenheit sei universell geworden. Zuerst setzten die Spezialeinheiten der Regierung Tränengas gegen die Demonstrierenden ein, plötzlich aber schossen sie scharf. Auch in anderen Vierteln kam es zu Protesten. Überall hörte man Schüsse.

Nik-Andish wurde Zeuge, wie ein Beamter auf dem Körper eines Teenagers sass. Der Arm des Polizisten bewegte sich auf und ab, doch es war kein Knüppel in seiner Hand zu sehen. «Ich trat ein wenig näher», schreibt Nik-Andish. «Es war ein Messer, mit dem er auf den Jungen einstach. Ich drehte mich um und rannte davon.» Erst gegen drei Uhr morgens sei die Stadt stiller geworden.
Am Abend darauf gingen die Menschen erneut auf die Strassen. Dieses Mal erschienen die Polizeikräfte in weit grösserer Zahl. Auch gepanzerte Fahrzeuge mit darauf montierten Maschinengewehren waren zu sehen. Später war über BBC Persian zu erfahren, dass an den zwei Demonstrationstagen am 8. und 9. Januar 2026 Tausende Menschen getötet wurden.
Partystimmung nach dem Tod Chameneis
Im Februar 2026 stellten sich die Iranerinnen und Iraner immer mehr auf den Krieg ein. Sie überlegten sich Fluchtrouten, hoben Erspartes ab, legten Vorräte und Kerzen an und füllten Benzinkanister. Am 28. Februar begannen die Angriffe. Schnell verbreitete sich die Meldung, dass das Haus von Ajatollah Chamenei getroffen worden und der Oberste Führer tot sei.
Danach traten die Leute spontan auf die Balkone, die Strassen füllten sich rasch. Nik-Anish schreibt: «Es ist wie eine Party. Menschen rufen und hupen.» Bald prangten in der ganzen Stadt offizielle Wandbilder von Chamenei mit den Worten «Märtyrer-Führer». Auf einigen Bildern wurde das Gesicht des toten Religionsführers von Unbekannten mit Erde verdreckt.
Heftige Explosionen in der nahen Umgebung erschütterten nun immer wieder das Hochhaus, in dem Nik-Andish wohnte. Die Druckwellen zerschmetterten Fenster. Seine Angst nahm noch zu, als Trump nach knapp 40 Tagen Krieg damit drohte, den Iran «zurück in die Steinzeit zu schicken». Es sei ein «unvorstellbarer Zustand», so der Tagebuchschreiber, «zu wissen, dass jemand einen umbringen will und dass alle darauf warten, zu sterben». Man empfand Trumps Ultimaten und seine Drohungen, Brücken, Kernkraftwerke, Elektrizitätswerke und anderes zu bombardieren, als Kollektivstrafe.
Manche Bekannten des Autors unterstützten den Krieg, andere lehnten ihn ab. Das führte zu Spannungen selbst im Familienkreis. Einige Kriegsbefürworter änderten ihre Meinung, nachdem sie realisierten, wie der Krieg immer mehr unschuldige Menschenleben forderte.
Trümmer trafen einen voll besetzten Bus
Als Nik-Andish im März in der Stadt Bargeld abheben wollte, gab es eine Explosion in unmittelbarer Nähe. Die Strassen waren mit dichtem, schwarzem Rauch gefüllt. Er sah Leichen und überall Blut. Die Bombe hatte eine Polizeistation zerstört, aber auch viele Passanten getötet. Trümmer hatten einen voll besetzten Bus unter sich begraben.
Der Autor hätte ein Leben in Sicherheit haben können, ohne Krieg und Mullah-Terror. Er lebte in Paris und hatte einen Master in Kunst gemacht. Doch im Frühling 2025 kehrte er nach Teheran zurück. Er hatte genug von der aussichtslosen Jobsuche in Europa, war erschöpft von den «ins Leere laufenden Vorstellungsgesprächen» und einem Leben in Zimmern, kaum grösser als eine Vorratskammer. Ausserdem wollte er mit seinem an Alzheimer erkrankten Vater zusammen sein, der nicht mehr lange zu leben hatte.
In Teheran kann Nik-Andish an einer Universität Kunst unterrichten, allerdings ist die Bezahlung so katastrophal, dass er nachts noch als Taxifahrer tätig sein muss. Wer eine besser entlohnte feste Anstellung an der Uni erhalten will, muss sich einer Überprüfung durch die Religionswächter unterziehen.
Die jungen Menschen verlieren die Hoffnung
Eine befreundete Hochschuldozentin gesteht ihm: «Die Studierenden haben keine Hoffnung mehr. Ob Krieg oder kein Krieg – an ihrer Gefühlslage ändert das nichts.» Die «Teheran Tagebücher» versammeln viele Einzelstimmen wie diese. Sie dokumentieren, wie bedrückend die Atmosphäre geworden ist. Der Autor bezeichnet den Iran als «Gefängnis». Als Taxifahrer kommt er ins Gespräch mit einem Familienvater, der mit zwei Kindern eingestiegen ist. Nik-Andish fragt ihn, ob er Angst vor dem Krieg habe. Der Gast verneint und sagt: «Ich habe Angst, dass das Leben genauso weitergehen wird wie vorher.»
Was es bedeute, Iraner zu sein, entziehe sich einfachen Kategorien, schreibt der Autor. Das Verhältnis zum eigenen Land sei durchzogen von Widersprüchen. «Man ist gefangen zwischen dem Stolz auf eine reiche kulturelle Vergangenheit und der Scham über die politische Gegenwart, hin- und hergerissen zwischen dem Drang zu bleiben und dem Wunsch zu gehen.»
Mit einer Freundin, die kein Kopftuch trägt, besucht er eine Ausstellung von iranischen Künstlerinnen. Am Museumseingang stehen zwei Tschador tragende Sicherheitsbeamtinnen und fordern alle Frauen auf, die Haare zu bedecken. Die meisten fügen sich, legen ein Tuch oder Kleidungsstück um, nur um es drinnen wieder abzunehmen. Das zeige, wie gespalten das Leben vieler Iranerinnen sei, schreibt der Autor. Was im Privaten gesagt und getan werden könne, lasse sich im öffentlichen Raum nicht einfach wiederholen, weil sonst eine Strafe oder mitunter sogar der Tod drohe. Es gebe einen «alltäglichen Zweikampf zwischen staatlicher Autorität und zivilgesellschaftlichem Leben».
Bei den sich häufenden Trauerfeiern sind viele Anwesende nicht mehr traditionell in Schwarz gekleidet, sondern sie erscheinen in Weiss. Statt in Gebete und Klagelieder vertieft zu sein, klatschen und tanzen sie, so Raha Nik-Andish. «Heute ist das Tanzen auf Friedhöfen zum Zeichen des Widerstands geworden.»
Die «Teheran Tagebücher» sind ein wichtiges Korrektiv zu Medienberichten über den Krieg im Iran. Sie dokumentieren eindrucksvoll, wie die Zivilbevölkerung denkt und fühlt und wie ihr schwieriger Alltag aussieht.
Raha Nik-Andish: Teheran Tagebücher. Aus dem Englischen von Asal Dardan. Ullstein, 96 Seiten.



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