Schweizer Rock

Züri West erhält ein Denkmal – und einen neuen Ort

Seit Kuno Lauener nicht mehr auftreten kann, ist es still um die Berner Band geworden. Nun wird ihre Bildwelt im Holenacker Teil des öffentlichen Raums.

Seit bei Kuno Lauener im Sommer 2017 Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert wurde, ist Züri West nicht mehr aufgetreten. Es gehe ihm gut, heisst es aus dem näheren Umfeld des Sängers und Texters, die Krankheit sei mehr oder weniger stabil. Aber an eine Rückkehr auf die Bühne ist nicht zu denken, ist nicht realistisch.

Doch ganz verschwunden ist Züri West nicht. Nachdem die Band ihre Geschichte vor zwei Jahren in zwei umfangreichen Büchern festgehalten hat, erhält sie nun sogar eine dauerhafte Präsenz im öffentlichen Raum – es ist eine Art Denkmal. Im Berner Quartier Holenacker wird ihre Kunst Teil des öffentlichen Raums. Ein Kunst-und-Bau-Projekt des Berner Künstlers, Raumgestalters und Möbeldesigners Christian Grogg übersetzt die Bildwelt der Berner Mundartrocker in Sterne, Skulpturen und poetische Zeichen.

Die markanten Hochäuser des Holenacker aus den frühen 1980er-Jahren sind wie etwa die Telli in Aarau ein Wahrzeichen moderner Schweizer Grosssiedlungen. In den rund 2000 Wohnungen für etwa 6000 Einwohner leben Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen. Und genau hier erhält die Berner Mundart-Band Züri West, die seit Jahrzehnten den Soundtrack zum Berner Alltag liefert, einen dauerhaften Ort in ihrer Heimatstadt.

Kein illustriertes Züri West-Museum

Auf dem Dach glänzt ein überdimensionaler Stern. Zwischen den Wohnblöcken ragen Betonskulpturen und eine goldschimmernde «Teppichstange». Es sind keine Bilder der Band oder von Kuno Lauener zu sehen. Christian Grogg nimmt vielmehr Motive aus der Welt der Band auf. Dabei entsteht kein illustriertes Züri-West-Museum, sondern ein begehbares Denkmal, das Musik, Architektur und Alltag miteinander verbindet.

«Die Songs leben von Bildern, die im Kopf weitergehen: von Orten, Erinnerungen und Figuren, die jede und jeder auf eigene Weise kennt», sagt Stefan Mischler, Manager von Züri West, «es entsteht keine Illustration von Züri West, sondern Kunst, die den Ort ernst nimmt und Raum für neue Geschichten lässt». Genau darin liegt die Stärke des Projekts: Die Lieder werden nicht bloss zitiert, sondern in neue Zusammenhänge gestellt. Wer durch den Holenacker spaziert, erkennt Bekanntes und entwickelt zugleich eigene Bilder und Erinnerungen.

Worte und Zeilen aus Züri West-Songs

Im Zentrum stehen die Sterne. Sie begleiten Züri West seit den Anfängen auf Plakaten und Plattencovern und werden im Holenacker zu Skulpturen, Orientierungspunkten und Erlebnisorten. Für Christian Grogg ist der Stern ein universelles Zeichen: «Wie die Songs von Kuno Lauener lässt auch der Stern Raum für eigene Bilder und Deutungen: direkt, alltagsnah, poetisch und für alle zugänglich», sagt Grogg.

Später folgt die goldschimmernde «Teppichstange», eine skulpturale Anspielung auf den Züri-West-Song «1968». Worte, Buchstaben und Zeichen tauchen an verschiedenen Stellen im Quartier auf. Sie laden die Wege durch den Holenacker mit poetischen Bildern auf. Im Park sind zudem ein Quitten- und ein Kirschbaum Teil des Projekts. Blüten, Früchte und Begegnungen verändern die Arbeit im Lauf der Jahreszeiten.

In einer späteren Phase soll die Kunst ins Entrée des Hochhauses Holenacker 85 einziehen. Die Eingangshalle soll zu einem wandelbaren Ausstellungs- und Begegnungsort werden, inspiriert von Laueners Bildwelten und der Geschichte der Band. Das Projekt bleibt damit bewusst offen – und kann mit den Geschichten der Quartierbewohnerinnen und -bewohner weiterwachsen.

Die Lieder bleiben lebendig

Dass Züri West nun einen festen Platz im Holenacker erhält, ist auch vor dem Hintergrund der gesundheitlichen Situation von Kuno Lauener von besonderer Bedeutung. Die Band erhält hier einen Ort, an dem ihre Kunst im Alltag erfahrbar bleibt. Ein Denkmal aus Beton, Metall, Bäumen und Worten: nicht als Schlussstrich unter eine Bandgeschichte, sondern als Zeichen dafür, dass Lieder weiterwirken, selbst wenn ihre Urheber nicht mehr regelmässig auf der Bühne stehen können.

So wird der Holenacker zum Ort einer besonderen Form von Musikgeschichte. Züri West erhält hier kein Denkmal, das man bloss betrachtet. Die Band bekommt einen Raum, den man durchquert, in dem Kinder spielen, Bäume Früchte tragen und Menschen einander begegnen. Gerade weil Züri West nicht mehr auf Tour gehen kann, erhält die Band nun einen festen Ort. Die Bühne verschwindet – das Quartier wird zur neuen Heimat ihrer Lieder.

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