Bregenzer Festspiele

Das unsichtbare Orchester: Wie lebt es sich in Bregenz im Verborgenen?

Seit achtzig Jahren kommen die Wiener Symphoniker im Sommer nach Bregenz an den Bodensee. Hier läuft ohne die Musizierenden nichts.
Das Orchester und der Dirigent im Festspielhaus sind mit den Darstellern auf der Seebühne via grossen Bildschirmen verbunden.
Bild: Eva Cerv/Festspeile

Ines Galler-Guggenberger war acht Monate alt, als sie mit ihren Eltern an den Bodensee reiste, wo ihr Vater als Solofagottist der Wiener Symphoniker an den Bregenzer Festspielen seiner Arbeit nachging. Seither, sagt die 39-jährige Musikerin, «habe ich keinen einzigen Sommer ausgelassen». Auch dieses Mal ist die Solo-Oboistin im Einsatz. Heute kommt sie von der ersten Probe für Leoš Janáčeks Oper «Die Ausflüge des Herrn Brouček». Premiere ist am 23. Juli. Einen Tag später steht Giuseppe Verdis «La Traviata» an, die grosse Produktion auf der Seebühne.

Das Orchester sitzt drinnen, die Sänger und Sängerinnen agieren draussen, das schafft komplexe, über Monitore und Lautsprecher zu lösende Abstimmungsprobleme. «Wir müssen den Sängern und Sängerinnen ein klein wenig voraus sein», sagt Matthias Honeck. Er ist der erste Stimmführer der zweiten Violinen und trifft sich mit Ines Galler-Guggenberger, dem Soloflötisten Stefan Tomaschitz und der Solofagottistin Johanna Bilgeri zu einem Gespräch.

«Wir müssen hinein in die Gesellschaft»

Die ersten Wochen werden anstrengend sein. Aufgeführt werden zwei Opernproduktionen, drei Orchesterkonzerte sowie mehrere Kammerkonzerte. Den Anfang macht «Tag der Wiener Symphoniker», an dem sich das Orchester in Freiluftkonzerten in der Innenstadt präsentiert.

Die Symphoniker wollen dem Publikum möglichst nah kommen, nicht nur in Bregenz, sondern auch in Wien. Davon erzählt Intendant Jan Nast am Telefon und verweist auf eine Reihe von Formaten: Das «Prater-Picknick», den «Wiener Advent», die «Beisl-Konzerte», Kammermusikkonzerte in Museen und eine intensive Kinder- und Jugendarbeit. «Wir müssen hinein in die Gesellschaft», meint Nast. Matthias Honeck beobachtet: «Die Identifikation der Wiener Stadtgesellschaft mit unserer Arbeit ist heute so gut, wie ich es bisher nicht erlebt habe.»

Die Vorarlberger sind stolz, was mit den Festspielen am See in achtzig Jahren geschaffen wurde. Und auch das Orchester reist positiv gestimmt an, oftmals mit der Familie im Schlepptau. «Wer den See und die Berge liebt, kommt gerne hierher», sagt Stefan Tomaschitz. «Auch wenn es nicht immer leicht ist, eine passende Unterkunft zu finden».

Geburt aus der Krise

Als sich die Festspiele und die Symphoniker im August 1946 finden und im Bregenzer Hafen auf einer provisorischen, von zwei Kieskähnen gehaltenen Bühne Mozarts Singspiel «Bastien und Bastienne» aufführen, steht Österreich noch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. Lange dominiert eine Wiederaufbau-Stimmung. Erst seit den späten 1980er-Jahren findet eine intensivere Beschäftigung mit der Rolle von Künstlerinnen und Künstlern in der NS-Zeit statt.

In Bregenz herrscht Operettenseligkeit, bevor sich dann das heutige Festspiel-Konzept herausschält. Schritt für Schritt wird die Infrastruktur geschaffen, die zusammen mit grosser technischer Raffinesse in Sachen Akustik, Bühnenbau und Bühnentechnik den heutigen Erfolg begründet.

Aus der Orchesterperspektive: Blick aus dem Festspielhaus auf die Bühne am See.
Bild: Bregenzer Festspiele

Unverwechselbarer Orchesterklang

Für die Wiener Symphoniker bleibt Bregenz ein Fixpunkt. «Jedes grosse Orchester braucht ein grosses Sommerfestival», sagt Intendant Jan Nast. «Zu Bregenz bestehen mittlerweile intensive menschliche Bindungen. Umgekehrt finden die Festspiele in uns einen Partner, der hohe künstlerische Qualität anzubieten hat.»

Für das Sinfonieorchester ist die Opern-Arbeit wichtig. «Man lernt ganz stark das Aufeinander-Hören», sagt Nast. «Wir müssen mit den Sängern mitgehen», meint Matthias Honeck, «das ist das Spannende.»

Das Orchester bringt seinen unverwechselbaren Klang ein, den Matthias Honeck als «rund und warm» bezeichnet, «und zwar durch alle Instrumente hindurch». Es sei ein «sinnlicher und singender Ton», sagt Stefan Tomaschitz, «stets muss etwas Weiches dabei sein».

Der unverwechselbare Klang ist das Resultat nicht nur intensiver Probenarbeit, sondern auch eines starken, auf Konzertreisen herangewachsenen inneren Zusammenhalts. «Die Wiener Symphoniker sind ein sehr herzliches Orchester», sagt Ines Galler-Guggenberger. Was Johanna Bilgeri mit ihren gerade mal anderthalb Jahren im Orchester bestätigt: «Ich erlebe eine grosse Offenheit, wir sind auf Augenhöhe miteinander.»

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