Es ist noch nicht lange her, da schienen die starken Männer in Osteuropa unantastbar. Viktor Orbán organisierte von Budapest aus die Vernetzung der Rechtspopulisten mit einem jährlichen Kongress. In Serbien baute Aleksandar Vučić seinen Einfluss auf die Kontrolle der Institutionen immer weiter aus. Im Oktober dieses Jahres ist nun aber klar: Das ist alles vorbei.
Denn Osteuropas Jugend hat in zwei bemerkenswerten Wahlen die Politik in beiden Ländern auf den Kopf gestellt. Neue Kräfte ohne Regierungserfahrung erzeugten zwei gesellschaftliche Revolutionen, die sich gegen eine riesige staatliche Propaganda-Übermacht durchsetzen konnten. Geschafft haben die Bewegungen das unter anderem mit geschickten Social-Media-Kampagnen – und gezielt eingesetzter Musik.
Kirchenlied macht Millionen Klicks für Proteste
In Serbien nutzte die Studentenbewegung mehrere eigene Songs und alte Popschlager aus der Jugoslawienzeit, um ihre Videos von den Massenprotesten musikalisch zu untermalen.
Besonders populär wurde dabei das fast 40 Jahre alte Liebeslied «Lijte Kiše» der serbischen Sängerin Zorica Marković. Es erzählt von einer Frau, die mitansehen muss, wie der Mann, den sie liebt, eine andere heiratet und ihr damit für immer verloren geht. Im Refrain bittet sie selbst die Natur, seinen Abschied zu begleiten: «Bleib stehen, liebe Sonne, scheine heute nicht. Tu ihm diesen Gefallen nicht. Giess kaltes Wasser herab, oh Regen. Der Liebste geht, der Liebste geht.»
Heute geben die serbischen Studierenden diesen Zeilen eine neue, politische Bedeutung. Sie passten den bekannten Refrain an und machten aus dem Abschied des Geliebten eine «Vučić-Ode». Statt «Der Liebste geht, der Liebste geht» sang die Menge nun: «Vučić geht, Vučić geht.» So wurde aus einem Lied über eine schmerzhafte Trennung eine spöttische Botschaft an den serbischen Präsidenten – ein Abgesang auf Aleksandar Vučić.
Überraschenderweise griffen die Studierenden aber auch auf ein über hundert Jahre altes Kirchenlied zurück, das eigentlich nichts mit Tagespolitik zu tun hat. Der Text von «Pobedna pesma» («Siegeslied») wurde ursprünglich nämlich vom serbisch-orthodoxen Bischof Nikolaj Velimirović geschrieben. Es geht darin um die Wiederkunft Christi und das Jüngste Gericht.
Entsprechend würde man meinen, dass es sich kaum für Strassenproteste eignet. Doch das von einem Chor gesungene «Pobedna pesma» klingt so dramatisch, dass auch alle, die kein Serbisch sprechen, sofort verstehen, dass das Lied etwas Bedeutungsschweres ankündigt. Damit passt es eben doch zum Kampf einer neuen politischen Bewegung an der Wahlurne. Es gibt deshalb sogar schon eine Rap-Version davon.
Bekannt gemacht haben die Studenten das Lied allerdings nicht. Schon seit Jahren sorgt es in den sozialen Medien immer wieder für Millionen von Klicks. Das könnte denn auch eine Erklärung sein, weshalb viele Studenten genau dieses Lied für ihre Protestvideos verwendeten. Denn auf Tiktok werden Videos, die mit gerade beliebten Liedern untermalt sind, mehr angeklickt als solche, die x-beliebige Musik verwenden. Das illustriert, wie gross die Macht der sozialen Medien über politische und gesellschaftliche Bewegungen heute ist. Tiktok entscheidet nicht nur, ob Nutzer ein Video einer Protestbewegung sehen, sondern auch, welche Songs zu den vielgeklickten und prägenden Hymnen werden.
Das Lied, das seine Sängerin nie mehr singen wollte
Interessanterweise ist der politische Umbruch in Ungarn nach der Abwahl von Viktor Orbán ebenfalls eng mit Musik verbunden. Nicht nur, weil zwei Tage vor der Parlamentswahl im April mehr als 40 bekannte Musiker bei einem riesigen Konzert in Budapest für einen politischen Wandel warben. Sondern vor allem wegen der Geschichte der Roma-Sängerin Oláh Ibolya. Ihr deren Lied erklang nach dem Wahlsieg bei den Feierlichkeiten vor dem Parlament und verbreitetesich über die sozialen Medien.
Eigentlich wollte Oláh ihren Hit «Magyarország» («Ungarn») aus dem Jahr 2005 nämlich wegen ihrer Enttäuschung über die politische Lage unter der Orbán-Regierung nie mehr singen. In einem Interview erklärte sie 2022: «Früher habe ich sehr an dieses Lied geglaubt. Und auch an die Menschen. Heute glaube ich nicht mehr an die Menschen.»
Doch nach dem Triumph von Oppositionsführer Péter Magyar stand sie im Mai dann doch vor dem Parlament in Budapest und sang ihre Erfolgsnummer wieder vor den Massen. Die Aufnahmen gingen um die Welt und wurden zum Symbol für die neu gewonnene Freiheit der Ungaren - und vielleicht auch zum Zeichen dafür, was Musik immer noch bewirken kann.



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