Gastbeitrag

Wie der Papst die künstliche Intelligenz entwaffnen will

Leo XIV. fordert globale Regeln im Umgang mit KI. Der Ethiker und Theologe Peter G. Kirchschläger findet, dass sich die Kirche als Ganzes mehr in die Thematik einbringen sollte.
Äussert sich auch zu den technologischen Fragen, die Christen in diesen Tagen bewegen: Papst Leo XIV.
Bild: Alessia Giuliani/Imago

Papst Leo XIV. hat geliefert! Mit seiner ersten Enzyklika «Magnifica Humanitas» ist es ihm gelungen, moralische Chancen und Risiken von sogenannter «KI» präzis zu identifizieren. Darüber hinaus benennt der Pontifex auch konkrete Handlungsschritte, wie die moralischen Sonnenseiten von «KI» gefördert und die Schattenseiten vermieden werden können.

Auf der Grundlage meiner Forschung würde ich vorschlagen, den Begriff «KI» zu vermeiden, weil sie keine Intelligenz umfasst, und passender von «datenbasierten Systemen (DS)» zu sprechen.

Peter G. Kirchschläger ist Ordinarius für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Universität Luzern und Gastprofessor an der ETH Zürich.
Bild: zvg

Bemerkenswerterweise kommt in «Magnifica Humanitas» der gesamte Lebenszyklus von DS in den Blick: Die Ausbeutung von Menschen und Natur bei der Schürfung der für DS notwendigen Rohstoffe, beim menschenrechtsverletzenden und umweltzerstörerischen Design, bei der menschenrechtsverletzenden und umweltzerstörerischen Herstellung von DS an Billigproduktionsstandorten sowie der Nutzung von DS werden scharf kritisiert. «Es reicht nicht aus, sich auf Effizienz zu berufen oder die Vorteile der Innovation zu preisen, wenn diese auf einer Ausbeutungskette beruhen, die bewusst verborgen bleibt. Wenn eine Technologie Emanzipation verspricht, aber weltweit neue Formen der Unterordnung hervorbringt, dann widerspricht sie dem Grundprinzip der Menschenwürde.»

Drei zentrale Botschaften von «Magnifica Humanitas» stechen hervor: Erstens betont Leo XIV. immer wieder die Notwendigkeit globaler Regulierung von DS und unabhängiger sowie effektiver Aufsicht. «Es reicht nicht aus, sich allgemein auf die Ethik zu berufen: Es bedarf angemessener rechtlicher Rahmenbedingungen, unabhängiger Aufsicht, Aufklärung der Nutzer und einer Politik, die sich nicht ihrer Aufgabe entzieht.»

Damit setzt er den Weg von Papst Franziskus fort, der zwei konkrete Handlungsvorschläge aus meiner Forschung – menschenrechtsbasierte DS und die Schaffung einer Internationalen Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) bei der UNO zur Durchsetzung der globalen Regulierung für DS – unterstützt hat. (CH Media hat damals darüber berichtet.)

Zweitens müssen DS «entwaffnet» werden, «befreit von Logiken, die sie in ein Instrument der Herrschaft, des Ausschlusses oder des Todes verwandeln.» Diese Forderung stellte Leo XIV. bei der offiziellen Vorstellung der Enzyklika. In die Kritik kommt hier eine bestimmte Art des technologischen Fortschritts, die nur wenigen multinationalen Technologiekonzernen dient.

Drittens betont das Rundschreiben, dass nur Menschen – und nicht DS – Verantwortung tragen und ethische Entscheidungen treffen können.

Die moralische Reflexion von Leo XIV. wird zu drängenden Fragen konkret sowie praxisnah und nimmt auch digitale Geräte und «Social Media» in den Blick, die meiner Forschung zufolge eher als «asoziale Medien» zu bezeichnen sind, da sie von Anfang an als Suchtprodukte konzipiert worden sind: «Es bedarf weitsichtiger politischer Entscheidungen, um den unmittelbaren Interessen der Plattformen – die in wenigen Händen konzentriert sind – entgegenzuwirken, wenn diese im Widerspruch zum Wohl der Minderjährigen stehen. In dieser Hinsicht sind gesetzgeberische Massnahmen angebracht, um Altersgrenzen festzulegen, um Dienstleister in die Verantwortung nehmen (…) Zugleich ist es nötig, Kinder, Jugendliche und junge Menschen so zu schulen, dass sie lernen, Manipulationen zu erkennen und auch in digitalen Umgebungen ihre eigene Würde zu verteidigen und die Würde anderer zu achten.»

«Magnifica Humanitas» zeigt: Die katholische Kirche kann offensichtlich moralische Expertise anbieten, wie die Menschheit ihrer Verantwortung für DS gerecht werden kann. Es ist zu hoffen, dass «Magnifica Humanitas» diesbezüglich nur ein Anfang ist. Die Kirche sollte sich – global und lokal – aktiv mit ihren Prinzipien und Werten in die Gestaltung und Regelung von DS einbringen. Und als Kirche vor Ort Gefässe, Raum und Zeit für den Dialog über brennende Fragen rund um DS schaffen, welche die Menschen gegenwärtig beschäftigen – wie z. B. die Zukunft von menschlicher Arbeit.

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