Unfähige Musikjournalisten, endlose Gespräche über Penisgrössen und Groupies so weit das müde Auge reicht: Mit «200»Motels zeichnete Frank Zappa 1971 kein glamouröses Bild vom Tour-Alltag einer Band. Der wahre Skandal war jedoch, dass der US-amerikanische Rockmusiker dazu einen orchestralen Soundtrack geschaffen hat, an dem sich seither Musiker wie Fans die Zähne ausbeissen.
Ab Freitag ist die grenzüberschreitende Oper in Genf zu sehen. In einer Produktion, die selbst die Erwartungen des 1993 verstorbenen Komponisten übertreffen dürfte. Das zumindest sagt Mike Keneally, der es als 27-Jähriger in Zappas Band schaffte und einer der grössten Kenner des üppigen Werkes sein dürfte. In Genf wird er als Gitarrist zu erleben sein.
Würden Sie jemandem, der sich noch nicht an das Universum von Frank Zappa herangewagt, «200 Motels» als Einstiegspforte empfehlen?
Mike Keneally: Nein! Zumindest den Rockorientierten nicht. Wer hingegen eine grosse Genre-Neugierde und ein offenes Kulturverständnis mitbringt, für die oder den ist das Werk die personifizierte Perfektion. Aber ich erinnere mich noch an die Verwirrung, die ich verspürte, als ich als 13-Jähriger «200 Motels» hörte. Die orchestralen Parts wirken auf mich so ausserordentlich atonal und unfassbar. Gleichzeitig übte das Werk eine Faszination auf mich aus. Mit der Zeit habe ich mich fest verliebt.
Sie sind ein profunder Kenner von Zappa. Wo ordnen Sie diese Rock-Oper in seinem Gesamtwerk ein?
«200 Motels» ist in meinen Ohren einzigartig. Zappa hat sonst nichts komponiert, das dermassen viele gegensätzliche Ideen und Konzepte vereint. Alleine schon die Herangehensweise an das Orchester ist enorm vielschichtig. Dazu kommen die Rockband-Parts, die Dialoge, und der Plot, respektive dessen partielles Fehlen. Natürlich findet man all diese Elemente für sich genommen auch sonst bei Zappa, aber nirgends mit dieser Dichte. Man merkt, dass Frank über einen Zeitraum von vier Jahren an «200 Motels» gearbeitet hat – in Hotels, auf Flughäfen, in Umkleideräumen.
Alles keine Orte für konzentriertes Komponieren.
Umsomehr hört man dem Stück an, welche unbändige Freude der Komponist gehabt hat, die Noten zu Papier zu bringen und den Musikern so viel abzuverlangen. Spätere orchestrale Stücke Zappas waren auch berauschend. Aber die letzten paar Probewochen hier in Genf haben meine Meinung zementiert: «200 Motels» ist mein liebstes Orchesterwerk von Zappa.
Sie haben den eher losen Plot angesprochen. Grob zusammengefasst zeigt es den zermürbenden Touralltag. Wie sehr deckt sich das mit Ihren Erlebnissen in Zappas Band?
Ich stiess 1988 als 27-Jähriger zu Zappa und erlebte da meine erste Tour überhaupt. Ich hatte glänzende Augen, alles war neu für mich. Während die Bandmitglieder in «200 Motels» an der Monotonie zerbrechen, war für mich absolut alles faszinierend: «Wow, eine Hotellloby! Wow, ein Umkleideraum! Wow, ein Publikum!»
Wie viele Hotels waren es denn in Ihrem Fall?
Bis die Band auf halber Tour wegen Zerwürfnissen unter den Musikern auseinanderbrach, waren es 88 Shows. Zufällig passend zur Jahreszahl. Da wir besonders in den USA zwei oder drei Konzerte an einem Ort spielten, waren es bloss 63 Hotels. Viel zu wenig.
Zentrale Themen in «200 Motels» sind Sex und Groupies. Wie stark aus der Zeit gefallen ist das Werk?
Es ist alles andere als woke! Und ich bewundere, wie unbeeindruckt und furchtlos diese Genfer Produktion damit umgeht. Zappas Dialoge und Lyrics sind abgesehen von ein paar Kürzungen oder Erweiterungen aus dramaturgischer Logik originalbelassen. Da ist keinerlei Zensur im Spiel. Gleichzeitig setzt das Stück den Plot in einen neuen Kontext. Das ist unverfroren provokativ in jedem Sinn.
Wäre Zappa, ein notorischer Perfektionist und Pedant, zufrieden?
Ich würde sogar sagen, dass diese Produktion ein gutes Stück weitergeht, als sich der Komponist selber je erträumt hätte. Hier werden hohe Forderungen gestellt an das Empfindungsvermögen des Publikums. Diese Show ist nicht zimperlich.
Hat sich Zappa mit den absurden Szenen und der sexualisierten Sprache keinen Bärendienst erwiesen? Er wollte ja als Komponist ernst genommen werden.
Für mich funktioniert das prächtig. Frank hat früh in seiner Karriere klargestellt, dass er keine hierarchische Unterscheidung macht zwischen künstlerischen und, sagen wir, drüsengesteuerten Angelegenheiten. Für ihn waren das gleichwertige und koexistierende Elemente des menschlichen Wesens. Ich persönlich ergötze mich immer wieder daran, wie diese fast göttliche Musik auf das schäbige Geschehen auf der Bühne prallt.
Sie waren nun drei Wochen Teil der Proben. Was können Sie verraten?
Mir wurde schnell klar, dass hier schon sehr viel länger gearbeitet wurde. Musikalisch, aber vor allem auch, was Ausstattung und Bühnenbild angeht. Es hat eine Zillion beweglicher Bühnenelemente. Das Publikum darf sich auf einen erquickenden Abend freuen.
Zum Schluss müssen wir noch auf Ihre Anfänge in Zappas Band zu sprechen kommen. Sie haben ins Blaue hinaus bei ihm angerufen und behauptet, alle seine Songs spielen zu können.
Ich stelle dieses urbane Märchen an dieser Stelle gerne richtig: Ich war bei meiner Wortwahl sehr überlegt. Ich sagte, ich kenne alle seine Songs.
Alleine damit hätten Sie es aber noch nicht in Zappas Band geschafft. Er lud Sie ein und Sie spielten seine hochkomplexen Songs auf Abruf.
Ich habe eine Zappa-Jukebox im Kopf. Ich kann auf Knopfdruck alle Songs starten und spontan dazu mitspielen. Mit dieser Methode kann ich mir vom gesamten Repertoire relativ schnell eine passable Version erarbeiten. Hätte Frank bei meinem Vorspiel etwas aus «200 Motels» verlangt, hätte ich aber aus dem Stegreif sicherlich keine bis ins Detail korrekte Darbietung geboten.
Zumal Sie ja kein Orchester sind.
Wenn Sie mir am Dienstag sagen, Sie hätten gerne beispielsweise das orchestrale «Dance of the Just Plain Folks» als Reduktion für Solo-Gitarre, dann kann ich Ihnen das am Donnerstag abliefern. Dazu brauche ich weder Noten noch Aufnahmen, denn die sind in meinem Kopf eingebrannt von Jahren des obsessiven Anhörens. Jetzt, wo ich es mir überlege, wünschte ich mir, dass Frank mir damals genau diese Aufgabe gegeben hätte.
Grand Théâtre, Genf. 18. bis 28. Juni. www.gtg.ch






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