FIlmfestival Venedig

Venedig fragt: Wie tickt Elon Musk?

Der US-amerikanische Filmemacher und Oscar-Gewinner Alex Gibney geht in seinem Doku-Epos «Musk» der Frage nach, die sich viele stellen.

Einer der vielsagendsten Momente kommt kurz vor Schluss. Da verschlägt es Elon Musk plötzlich die Sprache, weil er in einem Podcast dem Moderator erklären soll, warum es so wichtig ist, dass sich die Menschen ausgerechnet auf seiner Social-Media-Plattform X (vormals Twitter) miteinander vernetzen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der er immer wieder neu zur Antwort ansetzt, flüchtet sich der Tech-Mogul schliesslich in die Verallgemeinerung. X würde dazu beitragen, unser Verständnis vom Universum zu erweitern.

Kleiner geht es bei Elon Musk nicht. Auch nicht genauer. Und schon gar nicht tiefgründiger. Der reichste Mann der Welt ist kein stiller Denker und politischer Strippenzieher wie sein Silicon-Valley-Kollege Peter Thiel. Das macht Alex Gibney in seinem monumentalen Dokumentarfilm deutlich, der am Dienstag in Venedig Weltpremiere feierte. Allerdings ohne Musk und grosses Tamtam. Der sonst wenig medienscheue Milliardär  wollte sich Gibneys kritischen Fragen vor der Kamera nicht stellen.

Der Regisseur umgeht das Problem im Film, indem er einen mittels KI und Computergrafik entwickelten digitalen Musk-Avatar auftreten lässt. der stets höflich antwortet. Alles, was der redselige Doppelgänger sagt, macht Gibney gleich zu Beginn klar, basiere auf einer umfassenden Datensammlung von Musks eigenen Aussagen, Tweets, Chatnachrichten und Interviews.

Daneben kommen zahlreiche reale Menschen zu Wort: Journalisten, Tech-Experten, ehemalige Geschäftspartner und Angestellte, Musks Ex-Frauen und Mütter seiner reichen Kinderschar sowie der eigene Vater. Von allen Befragten ist Errol Musk der Einzige, der zumindest einen kleinen Einblick in die frühe Kindheit seines erstgeborenen Sohnes zu geben vermag.

Jahrgang 1971 und aufgewachsen in Südafrika, sei Musk als Junge gemobbt und verprügelt worden. Aber jene traumatische Erfahrung in der Vergangenheit genügt kaum, um seine spätere Neigung zu Grössenwahn und Hybris zu erklären. Aus Mangel an weiterreichenden Erkenntnissen vergleicht Gibney seinen Protagonisten stattdessen mit dem Helden in der Verfilmung von H. G. Wells’ «The Man Who Could Work Miracles» aus dem Jahr 1936, in der Ausserirdische einem gewöhnlichen Erdbewohner übernatürliche Kräfte verleihen. Die Überschneidungen sind bisweilen verblüffend. Unangemessen wirken dagegen die Szenen, in denen der Regisseur die Entlassungswelle von Twitter-Mitarbeitern sowie Musks skrupellose Optimierung der US-Behörden als spassiges Ego-Shooter-Videospiel inszeniert.

Insgesamt erfährt man in «Musk» wenig Neues oder Erhellendes über den reichsten Mann der Welt. Gibney arbeitete sich allerdings akribisch ab an dessen Karriere und Persönlichkeitsprofil, vom Dotcom-Star der späten 1990er Jahre zum SpaceX-Gründer, Tesla- und Twitter-Eigentümer bis hin zu seiner Zeit als rechte Hand von Donald Trump. Und doch schwingt in der geballten Form, mit der die wesentlichen Eckpunkte von Musks Einfluss nachgezeichnet sind, ein zunehmend beklemmendes Unbehagen mit. «Elon ist wie eine Atombombe», gibt die ehemalige konservative «MAGA»-Influencerin und Musk-Verflossene Ashley St Clair zu verstehen. Gibneys Film erweist sich als weitaus weniger explosiv.

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