Interview

Mit Berndeutsch zum WM-Titel in Südafrika: Dieser Schweizer ist der beste Slam-Poet der Welt

Ausgerechnet der beste Slam-Poet der Welt liebt das Scheitern. Valerio Moser über die Eigenheiten der Schweizer Slam-Szene und die Frage, weshalb man anderswo weniger lustig ist.

Als er im Finale der World Poetry Slam Championship im südafrikanischen Durban zum Sieger ernannt wird, schlägt Valerio Moser, 37, auf der Bühne spontan einen Purzelbaum. Wenige Stunden nach seiner Rückkehr in die Schweiz muss sich der frisch gebackene Weltmeister den unvermeidlichen Reporterfragen stellen, die sonst nur Fussballer ertragen müssen. Schliesslich beruht das Literaturformat Poetry Slam auf den Prinzipien des Sports: Dichter treten in einem Wettbewerb mit mündlich vorgetragenen Texten gegeneinander an – das Publikum entscheidet über den Sieger.

Valerio Moser, wie fühlt man sich als Weltmeister?

Valerio Moser: Überwältigt, ich komme gerade vom Flughafen, war vier Tage nervös, und als sich diese Nervosität nach dem Sieg entladen hat, war ich zwei Tage am Durchfeiern. Jetzt muss ich das erst mal sortieren. Ich kann noch nicht fassen, was es bedeutet, in jener Disziplin, die ich seit bald zwanzig Jahren mache, offiziell der Beste zu sein. Nach all den grossartigen Texten, die ich in Südafrika gehört habe, ist das ein bisschen absurd, aber auch schön.

Und was hat Ihnen Ihr innerer Trainer vor dem Finale mit auf den Weg gegeben?

Mit meinem Bühnenpartner Manuel Diener bin ich als Duo InterroBang zweimal deutschsprachiger und dreimal Schweizer Meister geworden. Kurz vor unseren Auftritten flüsterte mir Manuel jeweils ins Ohr: «Wir gehen jetzt raus mit Feuer, mit viel Energie und Freude an dem, was wir machen.» Diese Stimme hatte ich auch in Südafrika im Ohr.

Obwohl Manuel nicht dabei war.

Dafür haben die deutsche, österreichische und Schweizer Slam-Szene mitgefiebert. In all unseren Chatgruppen haben mir die Leute Glück gewünscht und Energie geschickt. Das hat mir enorm viel Kraft gegeben.

Sie sind in Südafrika mit Mundarttexten angetreten, obwohl viele internationale Poeten ihre Texte auf Englisch vortrugen. Warum?

Was meine Qualität ausmacht, könnte ich auf Englisch nie hervorheben: die kleinen Wortspielereien, die Reimketten, der Flow, das Sprachgefühl. Jede Sprache hat klanglich ihre Eigenheiten. Mit dem Klang der Mundart kann ich auch Leute erreichen, die nicht alles verstehen. Es geht um Stimmung, Rhythmik, Energie. Ich bin schon mehrmals international aufgetreten und wusste, worauf es ankommt.

Die meisten Slampoeten wechseln irgendwann zum Fernsehen oder in die Comedy: Sie stehen seit fast 20 Jahren ununterbrochen auf Slam-Bühnen und haben international mehrere Titel gewonnen. Haben Sie die Erfolgsformel gefunden?

Ganz im Gegenteil! Ich bin gerade deshalb so gerne auf Slam-Bühnen, weil diese Wettbewerbe Orte sind, an denen man scheitern kann. Welches Kulturformat lässt das heute noch zu? Ich bekomme fünf Minuten Zeit, um mich neu zu erfinden und etwas völlig Neues auszuprobieren. Wenn ich scheitere, bin ich eine Nummer unter vielen. Das Publikum wird trotzdem einen guten Abend haben.

Was unterscheidet die deutschsprachige Szene vom Rest der Welt?

Wir haben eine der grössten und professionellsten Szenen überhaupt. Ich habe vom Schauspielhaus bis zur Kneipe mit fünf Betrunkenen alles bespielt. Das ist international nicht selbstverständlich.

Auffällig viele politische und sozialkritische Texte waren an den Weltmeisterschaften vertreten. Bei uns dominieren komische Texte. Weshalb?

Ich habe drei Vermutungen: Erstens haben wir Poeten im deutschsprachigen Raum für unsere Texte doppelt so viel Zeit wie im Rest der Welt, nämlich sechs Minuten, was eine grössere stilistische Vielfalt ermöglicht. Zweitens gab es hierzulande lange keine lebendige Stand-up-Comedy-Szene. Wer 2010 in der Schweiz lustig sein wollte, landete oft beim Slam. In den USA ist Stand-up seit Jahrzehnten riesig.

Und drittens?

Poetry Slam will Menschen eine Stimme geben, die sonst vielleicht keine Bühne bekämen: den Introvertierten, Eigenwilligen, Marginalisierten. Andere Länder haben andere Ausgangslagen. Leute aus Puerto Rico erzählten mir, wie schwierig es wegen politischer Hürden sei, überhaupt Kulturveranstaltungen durchzuführen. Da merkt man, wie privilegiert unsere Kulturlandschaft ist.

Wir Schweizer können es uns leisten lustig zu sein ...

Ich habe ja auch meine Dringlichkeiten. Mein Finaltext über die Selbstoptimierung ist ja durchaus kapitalismuskritisch. Aber ich will nichts herausschreien, das ich gar nicht empfinde. Neben der Dringlichkeit ist Authentizität wichtig auf der Bühne. Und meine ist eben manchmal quirlig und absurd.

Der Titel dürfte Ihnen internationale Türen öffnen.

Das ist eine einmalige Chance, klar. Aber ich habe keine Ambition, ein globaler Poet zu werden. Am meisten Spass macht es mir immer noch, vor einem Publikum aufzutreten, das meine Texte versteht. Und ich liebe es, an der Schweizer Mundart herumzubasteln. Ich freue mich also darauf, bald wieder beim kleinen Kneipenslam im hintersten Chrachen im Äntlibuech in der ersten Runde gegen einen lokalen Slammer bei seinem zweiten Auftritt hochkant aus dem Wettbewerb zu fliegen und trotzdem einen grossartigen Abend zu haben.

Valerio Mosers neues Programm «Mannomann» hat am 22.10. Premiere im Stadttheater Langenthal.  Weitere Termine: 23.10., Kleintheater Luzern.

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