Man kann sich jeden Tag über einen Donald ärgern, der eine Weltmacht wie sein Entenhausen verwaltet. Oder man liest die Geschichten des amerikanischen Superstars T.C. Boyle und münzt den alltäglichen Wahnsinn aus Washington um in ein ätzendes Lesevergnügen. Begleitet von einer Riesenmenge Spass: Boyle erklärt Europa mit schwarz grundierten Realsatiren ein verletztes und verstörtes Land namens USA.
Dabei vermeidet es der Autor tunlichst, das T-Wort zu benutzen. Doch er hat eine Sprache und einen Blick für die Schwächen des amerikanischen Traums und die gesellschaftlichen Veränderungen, die Donalds Aufstieg ermöglichten und die bis heute wirken.
Lustig rauscht die Welt durchs Klo
Amerika- und Gesellschaftskritiker Boyle, ein «Hollywood-Bastard» wie er sich selbst nennt, wird wegen seiner Themen in Europa mehr geschätzt als in den USA. Sein neuester Band mit Kurzgeschichten ist denn auch vor dem Original in Deutsch erschienen. «Das Ende ist nur ein Anfang» heisst er, und die Titelgeschichte spielt, untypisch, in Paris.
In der Stadt der eleganten, selbstbewussten Frauen steckt sich ein bedeutender, aber gelangweilter amerikanischer Schriftsteller – «ein Mann, der die Gedanken einer Frau wirklich kennt» - auf Solo-Besuch bei seinem Verlag mit Corona an. Die unentdeckte Infektion bringt er zurück nach Kalifornien, seine Frau stirbt daran, Lungenversagen. Der Clou: Beide lernten sich beim Schwimmen kennen. Dort fiel sie ihm auf, weil sie beim Tauchen mehr Luft besass als er.
Männlicher Individualismus und Egoismus sind Boyles Lieblingsthemen. Darüber hinaus schreibt er erhellend über Dunkles wie gesellschaftliche Ängste, die Einwanderung, Waffenkultur und den Klimawandel. Amerikas Befindlichkeiten und moralische Grauzonen.
Die USA gehört einem Multimillionär
Dem Klima widmet der Band mit zwölf Short Stories sogar drei Erzählungen. In «Kalter Sommer» liegt im kalifornischen Sommer Schnee. Es gibt weder Strom noch funktionierende Autos. Die Sonne scheint nicht mehr, weil der Multimillionär, dem die USA gehören, sich bei einem irren Experiment in der Stratosphäre verschätzt hat.
Auch wenn die Mehrheit der Geschichten in Kalifornien angesiedelt sind: In seinem literarischen Universum hat Boyles Heimat mit der heutigen, liberalen, nichts mehr zu tun. Die Story mit der schlichten Jahreszahl «2036» im Titel ist jene, mit der man den literarischen Road-Trip idealerweise beginnt. Die Geschichte liest sich wie eine Erzählung von Franz Kafka, die von George Orwell dystopisch weitergesponnen wurden. .
Politunterricht im Umerziehungslager
Es ist eine hirnrissige Zukunftsvision eines amerikanischen Überwachungsstaates, der Grönland längst annektiert hat. Ohne jede Logik sondert er Bürger und Bürgerinnen aus und steckt sie in Umerziehungslager.
Genau das widerfährt dem Ich-Erzähler, ein nicht mehr junger, noch längst nicht alter Angestellter namens Frazier James Cook, dessen Bruder den Präsidenten auf den sozialen Medien kritisch kommentiert haben soll.
Im Resozialisierungscamp soll er sämtliche Reden des Präsidenten auswendig lernen, es ist seine einzige Chance, jemals zurück ins frühere Leben entlassen zu werden. Zehn Bände «Gesammelte Wahlkampfreden 2014–2036», in der mündlichen Prüfung muss er sogar den Rhythmus und die Intonation des Präsidenten imitieren.
All das schafft Frazier ohne Widerspruch, er assimiliert sich vollständig. Der Preis der Selbstaufgabe ist Freiheit. Was diese überhaupt noch taugt, ist eine andere Sache.
T. C. Boyle: Das Ende ist nur ein Anfang. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, 240 Seiten.



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