250 Jahre USA

Amerika begeistert: «Warum ich dieses Land immer noch liebe»

Trump, ICE, Grönland und Iran – die Vereinigten Staaten waren schon mal beliebter. Weil das Land und seine Leute aber nach wie vor eine unerschöpfliche Vielfalt an Überraschungen und Schönheit bergen, liebt unser Autor Amerika.
USA-Fans vor dem Spiel gegen Paraguay in Inglewood, bei Los Angeles.
Bild: Jae C. Hong / AP

Die Vereinigten Staaten von Amerika feiern dieser Tage ihr 250-jähriges Bestehen. Nicht ohne Grund, sind sie doch das beste Land der Welt. Bekanntlich haben die USA die Demokratie erfunden, die Sklaverei abgeschafft, zwei Weltkriege gewonnen und viele Länder vom Joch brutaler Diktaturen befreit. «‘Murica» ist nach wie vor die wirtschaftlich, militärisch, politisch, technologisch, kulturell und sportlich unangefochtene Führungsmacht des Planeten. Und dank der besten Verfassung der Welt sind amerikanische Bürger die Freiesten und Glücklichsten der Erde. Nicht umsonst fragt der heimatliebende Amerikaner anlässlich des Semi-Quincentennials: «What’s not to love about it?».

Ich bin kein Amerikaner, sondern lebe nur dort. Und über jeden der oben genannten Punkte, die Amerika-Hasser wohl bereits die Wände hochgehen lassen, kann man natürlich streiten. Und doch habe ich das Land nach wie vor sehr lieb – wenn auch aus anderen Gründen als die oben genannten Gemeinplätze.

Kennen Sie zum Beispiel «Eastern Shore»?

Kennen Sie zum Beispiel «Eastern Shore»? Das ist die Gegend am östlichen Ufer der Chesapeake Bay, einer in den Atlantik mündenden Bucht mit einer Fläche von 12'000 Quadratkilometern (der Kanton Aargau würde neunmal reinpassen). Dort verbrachte meine Familie unlängst ein paar warme Tage.

Auf einem hölzernen Pier in den letzten Strahlen der Abendsonne über herrgottsverlassenen Marschlandschaften, aus denen Stämme und Stümpfe von Loblolly-Föhren gespenstisch gen Himmel ragten, beschied mir unsere AirBnB-Gastgeberin Lisa, dass sie in der Bucht vor ihrem Häuschen eigenhändig ihren Mann über den Bootsrand ins Seegrab gestossen hatte. Dazu fuchtelte die 76-Jährige mit einem Jagdmesser herum, das sie bei sich trug – angeblich zum Töten der Fische, die wir angelten. Während die Dunkelheit sich über uns senkte, kicherte:

Der Blick von Bear Rocks, gelegen in der Dolly Sods Wilderness
Bild: Brett Maurer / Getty

Uns in einem Horrorfilm à la Jordan Peeles «Get Out» wähnend, stellten wir unsere Koffer von innen an die Schlafzimmertür, damit wir nicht in tiefer Nacht von der messerschwingenden Seniorin gemeuchelt würden.

Tabasco für die frischen Austern

Frühmorgens strahlte die Sonne wieder. Und derweil wir zum Frühstück auf dem Steg frische, selbstgeerntete Austern mit dem Jagdmesser vom Vorabend auslösten, kam Lisa mit Zitronensaft und Tabasco in der Hand herbeigeeilt: «Das macht sie noch besser», rief sie fröhlich. Sogleich entschuldigte sie sich für ihre Geschwätzigkeit vom Vorabend: «Ihr dachtet sicher, ich sei crazy!» Wir verbrachten drei angenehme Tage bei ihr.

Little Havana ist das pulsierende kubanische Herz Miamis, geprägt von lateinamerikanischen Kunstgalerien und belebten Restaurants. Cafés mit Strassenverkaufstheken bieten zigarrenrauchenden Gästen kubanischen Kaffee an.
Bild: Ruaridh Stewart / Imago

An der «Eastern Shore» habe ich Amerika lieb. Da ist das Unbekannte, Andere: Autochthone Flora und Fauna auf sandigen Kalkböden am Brackwasser zwischen Festland und Ozean. Dann eine Kulturlandschaft nur drei Autostunden von Washington entfernt, die anders als die Hauptstadtregion nicht sein könnte. Ackerland und Sümpfe wechseln sich ab. Alte Plantagen und verfallende Landgüter zwischen den atlantischen Nadelwäldern, durch die Harriet Tubman entflohene Sklaven auf der «Underground Railroad» in Richtung Nordstern in die Freiheit lotste, verweisen auf die beschämende Zeit der Sklaverei.

Diese überraschende Vielfalt in der Einfachheit ist es, was die Grossartigkeit der USA auch heute noch ausmacht. Mehr als die Touristendestinationen wie New York City oder die Postkartenmotive von den Rocky Mountains bis zu den Everglades-Sümpfen Floridas. Geschenkt, dass Jazz, Coca-Cola, Atomkraft, Computer, Fernsehen, Crypto, Künstliche Intelligenz, Comedy, selbst MAGA und die Woken immer aus den USA die Welt erobern. Erhabene Naturschönheit und urbanen Kitzel, funktionierende Verfassungen und Hochkultur gibt es auch anderswo. Viel wichtiger ist für mich, auch nach einem Vierteljahrhundert in den Staaten, die Andersartigkeit dieses Landes, das ständig Anlass zu Staunen und Neugier gibt.

Das stimmt nicht nur an der Chesapeake Bay mit ihren Austern und Blaukrabben. In Albuquerque, New Mexico, beeindruckten mich die lokalen Chilischoten (und ihre Zubereitung) mindestens so sehr wie die Optik von «Breaking Bad» und «Better Call Saul». In West Virginia, ungefähr auf dem Breitengrad Siziliens, gibt es bergige, kanadische Mikroklimas, in denen Bachsaiblinge ebenso gedeihen wie Steinpilze. In den regenwäldlerischen Bergen Puerto Ricos dagegen (ein Territorium der USA) locken tropische Pflanzen und knusprige Spanferkel, Essbananen und Tubern, eine Stunde von karibischen Stränden und Salsaklängen entfernt.

Auf dem Lake Apopka Wildlife Drive in Zentralflorida: Dabei handelt es sich um eine rund 18 Kilometer lange Fahrt durch ein Naturschutzgebiet, wo man auch auf Alligatoren stösst.
Bild: Elizabeth W. Kearley / Getty

In Pennsylvania wiederum trifft man auf schweizerische Bauernhäuser aus dem 18. Jahrhundert – weil amische und mennonitische Auswanderer (wie z.B. der erste Bischof Hans Heer aus Zürich) sich hier niederliessen. Das «Pennsylvania Dutch», wie man die Sprache der Amischen nennt, ist im Übrigen nicht niederländisch, sondern leitet sich vom schweizerischen «Dütsch» ab (bei einem Besuch verstand ich nicht nur, was die Bevölkerungsgruppe sprach, man liess mich als Schweizer gar historische Mundarttexte übersetzen!).

Von Alligatoren und ihren schmackhaften Knuschperli am Golf von Mexico bis zu Schwarzbären in den Naturparks Ohios, von afroamerikanischen Welten wie in der «Chocolate City» Washington, über Little Habana in Miami, aus dem Chicano-Mainstream an der Westküste oder dem vietnamesischen Einkaufszentrum in Virginia könnte ich Anekdote um Anekdote nachreichen und würde doch nur an der Oberfläche kratzen. Amerika bietet eine schier unerschöpfliche Vielfalt an verschiedensten Lebensweisen und -arten – in sich einfach, zusammen genommen unendlich gut für immer neue Entdeckungen und Überraschungen.

Wandmalereien in Little Havanas Calle Ocho in Miami.
Bild: Imago

Ähnliches ereignet sich beim gelegentlichen Eintauchen ins literarische Amerika und seine jahrhundertealte Tradition. Naturgemäss sprengt auch hier nur eine Aufzählung der Granden von Tocqueville und Twain zu Faulkner und Fitzgerald, Hemingway und Harper Lee, Baldwin, Kerouac bis hin zu Roth oder Junot Díaz den Rahmen. Weil der Kanon der US-Belletristik so gewaltig ist, birgt er stets Neuigkeiten und Überraschungen.

Letztes Jahr entdeckte ich zum Beispiel die Kurzgeschichten von Flannery O’Connor (1925-1964), dieser dunklen Zauberin einer mir bis anhin unbekannten Südstaaten-Gothik, deren Härte sie als christlichen Realismus bezeichnete. Die romantische Schreibe der irischstämmigen Katholikin, die dennoch einen progressiv-kritischen Blick auf das Ende der Jim-Crow-Ära in den Südstaaten der USA hält, ist nur in Amerika möglich. Einen anderen Heureka-Moment genoss ich während der von Jeffrey Epstein angeregten Lektüre von Nabokovs «Lolita.» Die Banalität des bösen Epstein zu (v)erklären vermochte Nabokovs Meisterwerk natürlich nicht. Dafür wurde mir auf diesem Gewaltsritt durch die englische Sprache und Literatur auf einmal sonnenklar, dass «Lolita» auch ein klassischer Road Movie in Buchform ist. Dr. Humbert und seine Adoptivtochter fahren bekanntlich während drei Jahren 27 000 Meilen durch halb Amerika und malen dabei ein feines Landschafts- und Sittengemälde der USA der 1950er Jahre. Eine derart dichte, vielfältige, so grotesk wie grandiose Leseerfahrung mache ich «only in America.»

Die Tiefe der Oberflächlichkeit

Das vielleicht Schönste an dieser Tiefe der Oberflächlichkeit ist ihr gemeinsamer Nenner: die Menschen in Amerika. Für einmal stimmt sogar das Klischee: So viele grundsätzlich offene, herzliche und warme Leute habe ich in keinem anderen Land getroffen. Dahinter steht ein Gemeinschaftssinn, der sich aus der Mitwirkung an unendlich vielen sozialen Anlässen, Tätigkeiten und Organisationen nährt.

Nördlich von Tucumcari, New Mexico, erstreckt sich eine einsame Fernstraße bis hinter den Horizont.
Bild: Justin A. Morris / Getty

Von der aktiven Elterngruppe in der Schule, über den Gesangs- oder Sportverein, religiöse oder gemeinnützige Vereinigungen, zum Strassen- oder Quartierfest oder Golfklub ist fast jeder Amerikaner irgendwo gemeinschaftlich eingebettet. Diese Sozialkompetenz endet nicht beim allgegenwärtigen «how are you?», der Frage nach der eigenen Befindlichkeit in jedwelcher Lebenssituation. Sondern reicht zum herzhaften «Baby», «Daaahrling», «Sweetie» oder «Mi Amor», mit dem selbst ein weisser, mittelalterlicher Mann von allen Bevölkerungsgruppen gleichermassen liebenswert adressiert wird, bevor das eigentliche Gespräch losgeht. Wer darauf eingeht, wird sozial eingebettet. Was für die Selbstorganisation der ersten Einwanderer in Amerika überlebenswichtig war, spielt auch heute noch.

Szene im Rahmen der Veranstaltung «DC's Chocolate City Experience» rund um die Black Lives Matter Plaza in Washington D.C.
Bild: The Washington Post / Getty

Amerikanern wird diese Offenheit oft als Oberflächlichkeit ausgelegt. Für mich ist sie der Schlüssel zur immer wieder neuen, überraschenden Vielfalt von Landschaften, Kulturen, Küchen und Künsten, an deren Entdeckung mich das Land in seiner ganzen Grösse und Tiefe teilhaben lässt. Das ist der Grund, warum ich dieses Land liebe. Happy Birthday, USA!

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