«Oh weh, o weh, o weh, dachte Frank Lehmann.» So fängt der neue Roman von Sven Regener an. Temporeich und mit viel Dialogwitz folgt man den Figuren einen irrwitzigen Tag lang vor Heiligabend und erlebt eine chaotische, brüderliche Hetzjagd durch das Westberlin der 80er Jahre. Grund genug, mit dem Schriftsteller («Herr Lehmann») und Musiker (Element of Crime) über Bruderliebe und die 80er Jahre, über das Verhältnis von Literatur und Politik, über Jugendsünden und über die AfD zu sprechen. Wenn man so weit interpretieren will, kann man den Roman auch als Analogie auf die neuere innerdeutsche Geschichte sehen.
Sven Regener, warum kommen Sie nicht los von diesem Frank Lehmann-Kosmos?
Sven Regener Ist das ein Kosmos? Ich habe einfach viel Spass an diesen Figuren, zu denen mir Geschichten einfallen, die ich gerne erzählen möchte. Im neuen Roman ist es ja so: Frank holt seinen älteren Bruder ab, der an einem Medikamentenversuch teilgenommen hat und mit einem Kunststipendium für ein Jahr nach New York gehen will. Es sind zwei Brüder, die eine lange gemeinsame Kindheit gehabt haben und sich nach mehreren Jahren in Berlin wieder treffen. Nun jagen sie einen Tag lang einer Tasche mit Flugticket, Pass und Visum hinterher.
Kannten Sie Leute, die damals an Medikamentenversuchen teilgenommen haben?
Ja. In West-Berlin der 80er Jahre war das durchaus eine gebräuchliche Sache. Je gefährlicher die Nebenwirkungen waren, desto mehr Geld bekam man. Wenn man mal wirklich viel Geld brauchte, und viel Geld war alles über tausend Mark, dann testeten die Leuten auch Psychopharmaka – so wie Freddie in meinem neuen Roman.
Was hat Sie an dieser Bruderliebe interessiert?
Meine Romane handeln eigentlich immer von Leuten, die an einem Wendepunkt in ihrem Leben sind. Zwischen 20 und 30 entscheiden sich ja viele Dinge, Türen gehen zu, andere auf. Man muss Entscheidungen fällen. Frank wird aus dem alten Leben rausgeschleudert in ein völlig anderes Umfeld. Damit muss er klarkommen, und dann das mit dem Bruder, mit ihrer beider Erwachsenenwerdung und damit Ablösung vom Elternhaus, die Erwartungen aneinander, die Verbundenheit, der Neid, der Streit, die Enttäuschungen, so Sachen halt – und die Melancholie, dass jetzt eine Verbindung zu Ende geht.
Die zwei machen sich ständig Vorwürfe…
Das gehört dazu, gehört zur Ablösung, klar. «Du bist immer so ein Angeber gewesen», sagt Frank zu seinem Bruder. Mich interessiert bei Romanen, wie die Menschen so geworden sind, durch das, was sie erlebt haben und was sie geprägt hat. Frankie und Freddie haben aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit Erwartungen aneinander, und an diesem einen Tag kommt das alles zusammen. Und drum herum kann man auch jede Menge andere Dinge verhandeln, Liebesgeschichten, Künstlerexistenz – das spielt alles auch eine Rolle im Roman.
Sie selbst haben zwei ältere Geschwister…
Ja, einen Bruder und eine Schwester. Die sind aber ganz anders. Aber grundsätzlich weiss ich schon, wovon ich rede. Ganz zu schweigen davon, dass auch das Verhältnis zum Beispiel von Musikern in einer Band so was Geschwisterhaftes hat. Die Leute denken immer, Musikerinnen und Musiker in Bands seien wie Freunde. Aber das stimmt eigentlich nicht. Sie sind eher wie Geschwister. Es sind Gemeinschaften, aus denen man sich nur sehr schwer befreien kann.
Mit seinem neuen Roman «Frankie und Freddie» schreibt Sven Regener die Geschichten seiner Lieblingsfiguren weiter, die einem seit 25 Jahren und dem Debüt «Herr Lehmann» vertraut und ans Herz gewachsen sind. Frank Lehmann ist seinem älteren Bruder ins chaotische wie kreative Westberlin der 1980er Jahre gefolgt und arbeitet bereits im Café Einfall, sein Künstlerfreund Karl Schmidt fährt ein Schneeräumfahrzeug, Mutter Lehmann ruft genervt von Bremen aus an, Franks Bruder Freddie kommt gerade von einem Medikamentenversuch zurück und will mit einem Kunststipendium nach New York – und da ist auch noch die WG-Kollegin Chrissie, in die der scheue Frank verliebt ist. Es schneit wie verrückt, Franks Auto liegt ab, Freddies Flugticket geht verloren. «Frankie und Freddie» ist ein grosses Vergnügen, ein Roman über grosse Bruderfreundschaft mit den typischen, ruppig-charmanten Regener-Dialogen. (hak)
Könnten Ihre Romane mit ihrem ruppig-freundschaftlichen Witz und ihrer menschenfreundlichen Verbundenheit ein Rezept für Deutschland sein, das gerade mit der Wahl der AfD in einer unversöhnlichen Art auseinanderzubrechen droht?
Wer in der Schweiz von der AfD spricht, sollte dann aber von der SVP nicht schweigen. Ansonsten glaube ich, dass man schon etwas lernen kann in der Erinnerung an die Zeit in Westberlin. Der Pragmatismus, die Gelassenheit und die Widerstandsfähigkeit, mit der die so verschiedenen Leute damals in dieser eingeschlossenen Stadt zusammengelebt haben, sind bemerkenswert.
Und das hiesse für heute?
In Deutschland gibt es viele Probleme, aber vieles ist auch sehr gut. Und ich glaube nicht, dass man die Probleme in einem Roman abschliessend beleuchten kann oder das auch nur versuchen sollte. An einem Roman interessiert mich, das Leben der Menschen in seiner Tiefe und Schwere auszuloten. Da sind dann die politischen Bedingungen drum herum nur ein kleiner Teil davon. Mir geht es um die grossen Fragen der Existenz. Wer sind wir? Was wollen wir? Wie kommen wir damit klar, dass das Leben endlich ist? Dafür ist die Kunst da. Und ich habe überhaupt gar keine Lust, sowas wie die Knalltüten der AfD in meine Romane hineinzulassen, da haben sie nichts zu suchen.
Warum trennen Sie das Politische und das Literarische so stark?
Die Probleme, die moderne Demokratien heutzutage haben, weil grössere Teile der Bevölkerung darauf gar keinen Wert mehr legen, die sind in den westeuropäischen Ländern inklusive der Schweiz weit verbreitet. Und das ist sehr bedenklich und beängstigend. Aber dafür hat die Literatur doch kein Patentrezept.
In Ihren Romanen findet man immer wieder ein chaotisches Aushandeln von Zusammengehörigkeit und ein grundlegendes Vertrauen in andere Menschen. Ist das nicht auch schon politisch?
Mag sein. Ich behandle meine Figuren ja nicht als soziologische Beobachtungsobjekte oder als politische Verfügungsmasse. Mich interessieren konkrete individuelle Lebewesen, bei denen sich das, wenn man näher hinschaut, alles auch wieder anders darstellt. Dafür ist ja die Romanliteratur da. Die Kunst hat viel mit Gefühlen zu tun, in der Politik halte ich es lieber mit der Vernunft. Alles andere ist Populismus.
Sven Regener glaubt an das Gute im Menschen?
Ja, das muss ich wohl. Weil letztlich könnte eine komplexe, freie, liberale Gesellschaft nicht funktionieren, wenn man dieses Vertrauen nicht hat. Der kategorische Imperativ von Kant ist viel präsenter als man denkt, dass also jeder sozusagen sein Tun danach bemisst, was allgemeingültig funktionieren sollte. Wenn das im Roman so rüberkommt, dass man das Gefühl hat, ja okay, die Leute sind wahrscheinlich besser als man denkt, dann würde ich sagen, ja, dem kann ich zustimmen.
Als Jugendlicher waren Sie selbst ziemlich extrem unterwegs, in einer kommunistischen Partei...
Das war in den 70er Jahren in Bremen. Daran gibt es nichts zu idealisieren oder zu beschönigen. Aber auch nichts zu dämonisieren. Peter Sloterdjik meinte mal, da habe man die 1920-Jahre nachgespielt, nicht mehr als Tragödie, sondern als Farce. Er hat wohl recht. Manche Leute sind ja stolz, dass sie ihre Meinung nie geändert haben. Das kann ich nicht nachvollziehen.
Nun sind Sie seit langem Mitglied der Grünen?
Alle demokratischen Parteien sind ja okay. Ich bin eingetreten, weil wir mit dem Klimaschutz böse Fehlentwicklungen haben und weil es in unseren westlichen Gesellschaften einfacher sein sollte, zu einem Konsens zu finden. Ich finde es wichtig, nicht immer nur die ganze Zeit abseits zu stehen. Aber das Entscheidende ist, dass das mit der Kunst direkt nichts zu tun hat. Dass Günter Grass und andere Intellektuelle in den 70er Jahren Kampagnen für die SPD gemacht haben, ist wohl ehrenwert. Ich würde das nicht machen. Die Vermischung von Politik und Kunst finde ich problematisch, weil es zu schlechter Politik und zu schlechter Kunst führt.
Reden wir über Gefühle. Frank Lehmann beginnt auf dem Weihnachtsmarkt wegen eines Liedes zu weinen, das ihn an seine Kindheit erinnert. Hatten Sie Spass an dieser Sentimentalität?
Ich hatte zumindest Spass daran, meine Figuren durch ein Wechselbad der Gefühle zu schicken, das sich aber ganz von selber ergibt.
Auch im neuen Roman ist die Liebesgeschichte frisch, zart, charmant, bleibt aber wie in Ihren anderen Romanen in den Anfängen stecken und ist vergänglich. Schreiben Sie auch mal einen Roman über eine lange Ehe?
Nicht jeder Autor ist für alles gut. Wann schreibe ich mal einen Science-Fiction-Roman oder einen Horror-Roman? Ich glaube nie. Obwohl… – Science Fiction, wer weiss...?! Jeder Künstler hat seine Stärken und Schwächen. Und ich versuche, Romane zu schreiben, die ich auch selber gerne lesen würde. Das hat viel mit dem Alter meiner Protagonisten zu tun, weil da unglaublich interessante Geschichten drin stecken.
Sven Regener: Frankie und Freddie. Roman. Galiani, 275 S.

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