
Steve Merson, Sie haben als Ort für unser Treffen das Zürcher Luxushotel «Dolder» vorgeschlagen. Weshalb?
Steve Merson: Ich finde es einen wunderbaren Ort mit Diskretion und einem tollen Spirit.
Ich hätte vermutet, Sie haben es vorgeschlagen, um zu vermeiden, dass man Sie erkennt. Wenn Sie in der Nähe vieler Jugendlicher sind beginnen alle zu kreischen.
Das ist sicher auch ein Grund. Aber primär fühle ich mich hier sehr wohl. Ich bin oft im «Dolder».
Sie sind Influencer, laut Ihrem LinkedIn-Profil gar «der relevanteste Influencer der Schweiz». Wie würden Sie Ihren Job jemandem beschreiben, der Ihre Arbeit nicht kennt?
Mein Team und ich kreieren Social-Media-Content. Damit unterhalten wir die Menschen, nehmen sie mit und supporten sie emotional. Mein Job ist sehr anstrengend, es braucht viel Verantwortung und es macht sehr viel Spass.
Bekannt geworden sind Sie mit Tiktok-Videos, in denen Sie verschiedene Döner testen.
Ja.
Aber Ihre Followerzahlen sind noch einmal mehr explodiert, seit Sie angefangen haben, Waren auf der Strasse zu verschenken.
Roller, Scooter, Autos und sogar Lehrstellen.
Wie kommt man auf solche Ideen?
Ich habe ein tolles Team, in dem wir ständig brainstormen: Wir schauen, was die Jugendlichen fühlen, was sie cool finden. Da sah ich beispielsweise, dass Jugendliche gern Roller fahren.
Und woher kam die Idee, Roller und andere Dinge zu verschenken?
Ich war schon als Jugendlicher ein Mensch, der anderen geholfen hat, der versucht hat, Gutes zu tun. Das war immer mein Charakter.
Was haben Sie denn als Jugendlicher Gutes getan?
Ich hatte zum Beispiel mit 16 eine eigene Wohnung. Und Enrico, das war damals ein guter Freund von mir, wurde zu Hause rausgeworfen. Ich nahm ihn auf. Er wohnte bei mir, musste aber nichts bezahlen.
Im letzten Jahr haben Sie Ware im Wert von einer Viertelmillion Franken verschenkt.
Genau.
Das ist sehr viel Geld.
Ja.
Wie finanzieren Sie das?
Durch Kooperationen. Vor allem mit grossen Firmen wie Coca-Cola und McDonald’s, aber auch mit meinem eigenen Döner, den ich mit «mit&ohne» auf den Markt brachte. Da kommt das Geld rein.
Wie viel Lohn zahlen Sie sich selbst aus?
Nicht so viel.
In Zahlen?
1500 Franken.
Pro Monat?
Ja.
Sie schwindeln doch!
Nein, mir reicht das zum Leben. Den Rest erledigt meine Buchhaltung. Praktisch alles, was ich verdiene, investiere ich in meine Community.
Trotzdem sitzen Sie hier vor mir mit Rolex-Uhr und Louis-Vuitton-Sonnenbrille.
Ich spare halt.
Da mussten Sie aber lang sparen.
Sehr lange, ja.
Wenn Sie all diese Waren verschenken und die Clips davon auf Social Media stellen: Dann geht es Ihnen doch gar nicht um die beschenkten Menschen – sondern nur um die Show.
Nein, primär geht es um die Leute. Und das merken die auch. Sonst wäre ich nicht so erfolgreich. Es gibt auch viele andere Influencer, die mich imitieren, die jetzt auch Sachen auf Social Media verschenken. Aber die sind nicht da, wo ich bin; die sind nicht so wie Steve Merson.
Sie sagen, es geht Ihnen um die Leute. Trotzdem beschenken Sie fast ausschliesslich Personen, die Ihnen schon auf Social Media folgen.
Ich habe auch schon Videos gemacht, in denen ich armen oder alten Leuten Sachen verschenke.
Das stimmt, aber meistens ist die Bedingung, um von Ihnen beschenkt zu werden, dass man Ihnen auch folgt. Die Wohltat ist Ihr Business-Modell. Sie mehren Ihre Reichweite mit dem vagen Versprechen, dass man vielleicht irgendwann einen E-Roller gratis kriegt, wenn man Ihnen folgt. Ist das nicht zynisch?
Andere Stiftungen wie das Rote Kreuz haben auch Business-Modelle, um den Leuten zu helfen.
Aber solche Stiftungen sind keine One-Man-Shows, die Roller verschenken.
Deswegen polarisiere ich auch. Ich habe etwas in der Schweiz gemacht, was es vorher nicht gab. Bei einer Stiftung hilft die Stiftung. Und bei Steve Merson ist es halt Steve Merson, der den Leuten hilft.
Jedenfalls gibt es viele Leute, die Ihre Arbeit interessiert. Seit Kurzem folgen Ihnen plattformübergreifend mehr als eine Million Accounts.
Deutschschweizer Accounts.
Ja. Was bedeutet Ihnen das?
Sehr viel. Ich habe aus diesem Anlass auch ein Video gemacht. Dabei ging es mir in erster Linie nicht um die Million Follower, sondern darum, meine Geschichte zu erzählen. Ich habe lange gelitten, lange nichts gehabt und musste unten durch. Ich will den Menschen zeigen: Wenn ihr kämpft und dranbleibt, ist alles möglich.
In diesem Video nennen Sie sich «Hoffnungsträger einer ganzen Generation». Hoffnungsträger wofür und für welche Generation?
Das sind Worte, die mir Leute aus der Community sagen. Sie sagen, dass sie mich als Vorbild sehen, weil ich aus nicht einfachen Verhältnissen komme und es trotzdem geschafft habe. Und die Jugendlichen, die mir folgen, wollen genau das: Sie wollen erfolgreich werden, sie wollen sich selbst verwirklichen, und dafür bin ich ein Vorbild.
Das führt uns zum neuen Kinofilm «First Swiss Rockstar», in dem Sie einen Cameo-Auftritt haben. Darin stellen Sie die interessante These auf, dass Rockstars «die früheren Influencer» gewesen seien, und Influencer «die neuen Rockstars» sind. Können Sie das konkretisieren?
Elvis Presley war der erste grosse Weltstar, die Leute haben gekreischt. Aber er hat auch polarisiert mit seinem Hüftschwung, viele meinten: «Oh mein Gott, was soll das?» Und ich war der Erste in der Schweiz, der Sachen verschenkt hat, und da meinten auch viele: «Oh mein Gott, er verschenkt Sachen, wieso nur?» Immer, wenn etwas Neues kommt, was die Leute noch nicht kennen, sind sie erst skeptisch und polarisieren – bis das, was sie machen, Mainstream wird. Und deswegen finde ich, dass die heutigen Influencer die alten Rockstars sind.
Was ist mit aktuellen Rockstars?
Sagen Sie mir einen.
Bad Bunny.
Das ist kein Rockstar, das ist ein Popstar. Rockstar-Legenden wie Freddie Mercury, AC/DC oder Kurt Cobain gibt es heute nicht mehr.
Aber Sie selbst sehen sich als neuen Rockstar?
Ich bin eine Person, die Einfluss hat und bewegt, deswegen sage ich ja. Aber ich bin eher ein Popstar, kein Rockstar.
Ist nicht der grosse Unterschied zwischen Rockstars oder Popstars, also zwischen Musikern und Influencern, dass die Musiker ihr Geld mit Kunst verdienen und die Influencer ihr Geld mit Werbung?
Viele Musiker machen auch Werbedeals.
Ja, aber erst in einem zweiten Schritt, nachdem sie durch Kunst bekannt wurden.
Ich sehe meinen Content auch als Kunst.
Inwiefern?
Kunst bewegt die Leute, und mein Content bewegt die Leute auch.
Werbung bewegt die Leute auch.
Ja, aber sie promotet. Ich bewege die Leute mit echten Emotionen. Damit war ich in der Schweiz ein Pionier und deswegen finde ich, es ist eine Art der Kunst.
Trotzdem haben Sie Werbedeals mit Unternehmen, deren Produkte Sie verschenken.
Die Dyson-Haarföhne und PlayStations, die ich verschenkt habe, habe ich selbst gekauft, ohne Kooperation.
Aber Sie bezahlen die Föhne mit Geld, das Sie durch andere Werbekooperationen einnahmen.
Ja, wir nehmen das Geld und verteilen es zurück an die Leute.
Ursprünglich wollten Sie selbst Musiker werden. Ihr Künstlername Merson setzt sich aus den Namen Ihrer Idole Freddie Mercury und Michael Jackson zusammen. Stimmt es Sie nicht traurig, dass Sie «nur» Influencer statt Rockstar beziehungsweise Popstar sind?
Nein. Ich bewege die Leute, ich löse Emotionen aus. Ob ich jetzt auf einer Bühne stehe und singe oder jemandem mit Content eine Freude mache, ist für mich irrelevant.
Wenn wir uns heute wegen «Bohemian Rhapsody» an Mercury oder wegen «Billie Jean» an Jackson erinnern – weswegen wird man sich in 40 Jahren an Steve Merson erinnern?
In 40 Jahren hoffe ich, dass man sagen wird: Steve Merson ist ein Typ, der das Land bewegt und die Jugendlichen motiviert hat. Und vielleicht kommen von Steve Merson bald auch noch andere Sachen…
Doch noch ein Album?
Wer weiss, wer weiss.
Der Kinofilm «First Swiss Rockstar», in dem Merson einen kleinen Cameo-Auftritt hat, kommt am 18. Juni ins Kino.
Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.