Im Februar zog Chef la Cheffe die Reissleine. Kurz vor der Veröffentlichung Ihres neuen Albums. Die 39-jährige Berner Musikerin litt an einer Erschöpfungsdepression mit Herzrasen und Schlaflosigkeit. Jetzt hat sie sich zurückgemeldet, veröffentlicht ihr Album «Stoff» nachträglich und will im Frühling auf Tour gehen.
Hat sich während Ihrer Auszeit der Blick auf das neue Album verändert?
Steff la Cheffe: Wir haben am Album selbst nichts verändert. Aber plötzlich bekommen gewisse Songs und Zeilen eine andere Tiefe. Es ist, als würden sie nachträglich in einem anderen Licht erscheinen. Auf dem Album gibt es Songs, in denen es um Unsicherheit und Fragilität geht. In «Madame Butterfly» sage ich zum Beispiel sinngemäss: Vielleicht brauche ich Hilfe. Und genau das war in dieser Zeit tatsächlich der Fall.
Haben Sie während Ihrer Auszeit viel Hilfe gebraucht?
Ja. Und ich habe gemerkt, wie viel Kraft und Überwindung es braucht, überhaupt um Hilfe zu bitten. Man muss seinen Stolz überwinden. Es kann mit Scham verbunden sein, zu merken: Ich schaffe das nicht aus eigener Kraft. Ich habe mir grosse Sorgen gemacht. Andere haben sich grosse Sorgen um mich gemacht – zu Recht.
Das neue Album
«I ha mi chli veränderet. Bi gar nüm Rapperin», singt Steff la Cheffe im Opener ihres neuen Albums «Stoff». Ganz verleugnen kann und will die 39-jährige Bernerin ihre Herkunft allerdings nicht. Das Rhythmische bleibt zentral, doch der Groove attackiert nicht mehr, er fliesst. Die aggressive Artikulation ihrer Anfangsjahre ist einem sanften, beinahe versöhnlichen Singsang gewichen.
Auf «Stoff» zeigt sich die Chefin von ihrer ruhigen und verletzlichen Seite. Melancholie durchzieht diese Musik, ohne sie zu beschweren; immer wieder scheint Zuversicht durch. Die Songs entfalten sich, lassen Raum und atmen. Dass Steff la Cheffe neben Ben Mühlethaler und Benjamin Noti auch mit dem Harfenisten Andreas Vollenweider gearbeitet hat, passt zu dieser neuen Offenheit. Instrumente und Klänge aus dem asiatischen und afrikanischen Raum erweitern die vertraute Klangwelt.
So ist ein atmosphärisches Album entstanden. Eine Musik, die etwas Beruhigendes, bisweilen fast Heilsames entwickelt. «Stoff» klingt nach Aufbruch, aber nicht nach radikalem Bruch: eher nach einer Steff la Cheffe, die sich häutet und dabei ganz bei sich ankommt.
Steff la Cheffe: Stoff (erscheint am 6. Nov).
Warum ist gerade das Musikbusiness ein Umfeld, in dem man Gefahr läuft, an seine Grenzen zu kommen?
Du bist selbstständig, stehst im Rampenlicht und möchtest deine Sache möglichst gut machen. Besonders schwierig wird es, wenn du perfektionistisch veranlagt und gewohnt bist, vieles selbst zu erledigen.
Hat sich die Situation im Musikbusiness verschärft?
Oh ja. Heute geht zum Beispiel nichts mehr ohne Social Media. Ich finde es völlig okay, meine Arbeit zu dokumentieren. Aber mich auch im Alltag inszenieren zu müssen, damit ich in der Masse nicht untergehe, empfinde ich als sehr nervenaufreibend.
Inzwischen arbeiten Sie wieder ausserhalb der Musik.
Ja, seit letztem November bin ich wieder angestellt. Ich arbeite in einem Betrieb, in dem Käse verarbeitet, geschnitten, verpackt und verschickt wird. Das hat mir nochmals sehr deutlich den Unterschied zwischen Selbstständigkeit und einer Anstellung gezeigt. Als Angestellte habe ich ein regelmässiges Einkommen. Alles ist berechenbar. Natürlich fehlt manchmal die Euphorie und Sinnhaftigkeit, die mir Musik im besten Fall geben kann. Aber es nimmt mir einen Teil des Stresses.
Was ist an der Musik so unberechenbar?
Du bist abhängig von Veranstaltern, Fans, Medien, Radios. Du kannst nicht einfach sagen: Ich stehe morgen eine Stunde früher auf, arbeite mehr und habe deshalb automatisch mehr Erfolg. Klar, ich kann mehr Social-Media-Content produzieren und versuchen, mehr Klicks zu generieren. Aber ob daraus tatsächlich verkaufte Konzerttickets werden, weiss ich nicht. Das ist frustrierend.
Was macht KI mit Ihnen?
Das beschäftigt mich stark. Vor fünf Jahren hiess es noch, KI werde nur repetitive Arbeiten übernehmen können, nicht Kreativität ersetzen. Heute wissen wir: Sie kann auch das ziemlich gut.
Was folgern Sie daraus?
Es führt für mich zu einer grundsätzlichen Frage: Was ist handgemachte Musik heute eigentlich noch wert? Macht es Sinn, ein, zwei Jahre an einem Album zu arbeiten, wenn KI in ein paar Minuten einen ansprechenden Song ausspucken kann? Wieso soll ich mit den besten Livemusikerinnen und Livemusikern sowie Produzenten zusammenarbeiten? Das kostet alles Geld und Zeit.
Und wieso machen Sie es trotzdem?
Weil ich es liebe! Und ich überzeugt bin, dass gute Ideen entstehen, wenn Leute physisch zusammenkommen und sich austauschen und proben. Das Zusammenspiel ist das Lustvolle an der Musik. Aber die Wirtschaftlichkeit sagt mir: Ihr habt zwei oder drei Tage Zeit, dann muss die Show stehen. Dieser Druck, in möglichst wenig Zeit etwas hineinpressen zu müssen, schmerzt mich.
Wie gehen Sie mit dem Druck um?
Ich merke, dass ein paar Symptome wieder aufgetaucht sind, seit die ganze Maschinerie mit Album, Promo und Konzerten wieder angelaufen ist. Im Sommer ging es mir wieder richtig gut. Jetzt kommt der Stress zurück und mein Nervensystem reagiert. Ich kann mich heute besser regulieren und wieder herunterfahren. Ich finde zusammen mit meinem Team gerade einen gangbaren Weg, sodass ich einerseits dem ganzen Projekt und allen Beteiligten gerecht werden kann und dabei gesund bleibe.
Wie stark hat Ihr Perfektionismus zu dieser Situation beigetragen?
Stark. Aber den bringe ich nicht einfach weg, er ist ein Teil von mir. Ich bin grosszügiger mit mir geworden. Wenn ich merke, dass es nervlich zu knirschen beginnt, muss ich loslassen. Dann geht ein Foto oder Video halt raus, obwohl es mir nicht perfekt gefällt.
Sie sind eine bekannte Schweizer Musikerin und haben einiges erreicht. Trotzdem kommen Sie finanziell kaum über die Runden.
Im Moment befinde ich mich in einer Phase, in der ich primär investieren muss. Natürlich hoffe ich, dass wir Schwung hineinbekommen, eine gute Tour spielen, Festivals machen und weitere Konzerte bekommen. Das ist aber nur Hoffnung. Früher brachte ein Album noch Geld ein, heute lohnt sich das kaum noch. Ein Album generiert vor allem Kosten.
Ist das ein persönliches Problem oder eines der ganzen Branche?
Es betrifft viele. Auch Acts, die touren und vor Hunderten von Leuten spielen. Der Aufwand kann trotzdem so gross sein, dass am Ende praktisch kein Lohn übrig bleibt. Das ist verrückt. Ich glaube, dass gerade die Mittelschicht in der Musik wegbricht. Entweder bist du gerade extrem erfolgreich oder du hast dir über Jahrzehnte ein Standing aufgebaut und kannst davon leben. Dazwischen wird es schwierig.
Was müsste sich ändern?
Zuerst müsste man die Streamingplattformen stärker in die Pflicht nehmen. Dann müsste man stärker in die Strukturen investieren. Musikclubs beispielsweise haben selbst enorme Schwierigkeiten. Man müsste sie als Teil der kulturellen Infrastruktur eines Landes behandeln, ähnlich wie Theater, Museen oder Bibliotheken. Dann könnten sich auch bessere Gagen bezahlen.
Werden Sie staatlich gefördert?
Ich habe selbst Förderbeiträge erhalten und bin dafür sehr dankbar. Ohne diese Unterstützung wäre vieles gar nicht möglich gewesen. Aber ich habe mir davon keinen Lohn ausbezahlt. Das Geld ging in die Produktion und an Musikerinnen und Musiker.
Wie steht es mit Merchandise?
Diese Möglichkeit besteht. Aber ich bin Musikerin und keine Kleiderfirma. Vielleicht könnte ich als Influencerin Geld verdienen oder meinen Namen für Werbung hergeben. Aber genau das will ich eben nicht.
Haben Sie sich auch gefragt, ob Sie unter diesen Bedingungen überhaupt noch Musikerin sein möchten?
Natürlich. Ich habe mich gefragt: Welche Talente und Interessen habe ich sonst noch? Wenn nicht von der Musik – wovon könnte ich leben? Doch ich komme immer wieder zurück zur Musik. Es ist das, was ich gut kann und was mir Freude macht. Und offenbar löst meine Musik auch bei anderen Menschen etwas aus. Deshalb bin ich trotz allem zuversichtlich.
Was würden Sie heute der 20-jährigen Steff sagen?
Du musst nicht alles allein machen und selbst tragen. Du darfst dir Hilfe holen, und es muss nicht immer alles perfekt sein. Ich würde ihr nicht raten, einen anderen Weg einzuschlagen. Das Musikerleben hat mir so viel gegeben und so viele Türen geöffnet.
Was hat Ihnen dieses Musikerleben trotz allem gegeben?
Ja. Auch wenn ich mich momentan teilweise in einer Zwickmühle fühle, hatte ich schöne Zeiten, in denen ich unglaublich frei war. Ich konnte meine Zeit selbst einteilen, reisen, andere Länder und Lebensrealitäten kennenlernen und mich mit den unterschiedlichsten Menschen austauschen. Das ist ein riesiges Privileg. Vielleicht ist die schwierige Situation heute der Preis für diese Freiheit.
Ihr Album klingt denn auch sehr positiv und hoffnungsvoll.
Genau das will ich vermitteln. Auf diesem Album möchte ich nicht primär Probleme thematisieren. Viel lieber möchte ich wie ein Zauberer die Hörerschaft mit Tricks und Illusionen verzaubern und ihr eine schöne Zeit bereiten.
Worauf freuen Sie sich, das nichts mit Musik zu tun hat?
Auf den nächsten Frühling. Ich habe seit Jahren mit Freunden einen Schrebergarten. Dort kann ich auftanken und Kraft sammeln. Dieser Garten tut mir sehr gut. Ich kann mit den Händen arbeiten, Feuer machen, kochen und in der Natur sein. Gerade bei all dem Wahnsinn, der auf der Welt passiert, merke ich: Die Natur gibt Frieden.

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