Vor einigen Wochen staunte ich nicht schlecht. Als ich in Belgrad aus dem Haus komme, bin ich umzingelt von Schweizerfähnlein. An jeder Strassenlaterne steckt eins, auch auf Abschnitten der Strassenbahn wurden Fahnen montiert. Das Schweizerkreuz leuchtet sogar am Nachthimmel über der Save, projiziert auf den höchsten Turm der Stadt.
Der Anlass: Staatsbesuch von Bundespräsident Guy Parmelin, zur Feier von 110 Jahren diplomatischen Beziehungen.
Gespannt verfolge ich die Schweizer Medien und den Social-Media-Auftritt des Bundespräsidenten. Im Radio ein zahmes Interview mit dem serbischen Botschafter in Bern, dazu die üblichen Pressefotos. Händeschütteln, posieren vor Fahnen, abschreiten einer Militärparade. Natürlich auch der obligate Besuch einer Produktionsstätte, in diesem Fall eine Mayonnaisefabrik. Geht so ein Staatsbesuch bei einem Präsidenten wie Aleksandar Vučić?
Serbiens Demokratie ist beschädigt, Menschenrechtsorganisationen sprechen von einer beginnenden Autokratie. Seit 2024 kommt es regelmässig zu Massenprotesten. Eine breit abgestützte Studentenbewegung wehrt sich gegen Korruption und Machtmissbrauch. Die Proteste liefen lange friedlich, doch seit 2025 setzt die Regierung Schlägertrupps gegen Demonstrierende ein.
Seit über einem Jahr sperrt die Regierung den beliebten Park der Pioniere mitten in der Stadt. Gleich doppelt eingezäunt, die Zäune dick mit Karrenfett eingeschmiert. Die offizielle Begründung: Befürworter der Regierung, quasi Gegendemonstranten, hätten dort ihr Lager aufgeschlagen, das es zu schützen gelte. Tatsächlich halten sich ab und zu Männer im Park auf. Dass es Studenten sind, bezweifle ich. Breites Kreuz, dicker Nacken, Glatze, die Sorte Kerle, mit denen man keine Probleme will.
Dazu kommen faschistische Graffiti an prominentesten Stellen der Stadt. Ein riesiger Schriftzug ruft zur gewaltvollen Einnahme des Kosovo auf. Notabene an einem ehemaligen Regierungsgebäude. Es wäre ein Leichtes, dieses und andere Graffiti zu entfernen. Ganz offensichtlich werden sie geduldet.
Diese Beobachtungen legen sich über die Bilder des Staatsbesuchs. Mein Bundespräsident im freundlichen Handschlag mit dem Präsidenten, unter dessen Regierung Gewalt und Unterdrückung geschehen. Ein Spiegel, in den man nur ungern blickt. Ist das die offizielle Schweiz? Geht so Diplomatie?
Einige Wochen später habe ich Gelegenheit, eine Veranstaltung der Schweizer Botschaft zu besuchen. Es geht um Architektur und Baukultur mit Architektinnen und Städteplanern aus der Schweiz und Serbien. Eines der Überthemen: Wie umgehen mit baulichem Erbe? Besonders spannend ist der Vortrag eines serbischen Architekten.
Er spricht über das jugoslawische Verteidigungsministerium. 1999 wurde es von der Nato bombardiert. Seitdem ist es zerstört. Die Flanke ist aufgerissen und gibt den Blick frei auf die klaffenden Stockwerke. So steht es da, mitten in der Stadt, seit mehr als 25 Jahren.
Was tun mit einem solchen Gebäude? Abriss oder Mahnmal? Wie oft meint ein Mann mit viel Geld, eine Antwort zu haben. Jared Kushner, Schwiegersohn von Donald Trump, taucht als Investor auf. Anstelle des Verteidigungsministeriums will er den ersten Trump Tower Europas bauen.
Es formt sich Widerstand aus unüblichen Allianzen. Studentinnen und Architekten demonstrierten gemeinsam mit Kriegsveteranen gegen den Trump Tower. Mit Erfolg, im vergangenen Jahr zog Kushner seine Pläne zurück.
Wobei Erfolg relativ ist, schliesslich bleibt ungelöst, was mit dem Gebäude passieren soll. Es bleibt ein Ort der komplizierten Überlagerungen. Hier schlugen die Bomben der Nato ein. Ein Angriff, der bis heute völkerrechtlich umstritten ist. Es ist auch der Ort, von dem aus Generäle den Völkermord im Bosnienkrieg koordinierten und die Befehle gaben, Sarajevo zu belagern und zu bombardieren. Auch das ein schmerzhafter Spiegel.
Die Diskussionen, was mit diesem Ort geschehen soll, werden noch Jahre oder Jahrzehnte andauern. Wie oft entfaltet sich die Tragweite komplexer Zusammenhänge abseits der politischen Diskussionen. In den Künsten, der Architektur, Literatur, Alltagskultur und sozialen Bewegungen werden Themen erfahrbar.
Ich sehe darin den Spielraum diplomatischer Arbeit: Akteure vernetzen, Perspektiven entwickeln und über die gegenseitige und gemeinsame Geschichte lernen. Vermutlich ist das der eigentliche Wert interkultureller Vernetzung. Und dazu braucht es kein einziges Fähnlein.


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