Kommentar

Warum diese Sonnenfinsternis ziemlich langweilig – und trotzdem grossartig war

Was bedeutet es, wenn die Sonne plötzlich verdunkelt? Philosophen und Kunstschaffende denken dabei ganz schön weit.
Das Beste an der Sonnenfinsternis? Das Gemeinschaftserlebnis.
Bild: EPA/Martin Divisek

«Was machen wir, wenn die Sonne für immer verschwindet?» Die Frage des kleinen Mädchens am Mittwochabend brachte ihre Schwester nicht aus der Ruhe: «Dann haben wir ja immer noch unsere Wärmepumpe.» Ich will jetzt nicht behaupten, dass die partielle Sonnenfinsternis gleich auch noch unser Denken verdüstert hat. Dieser Gefahr müssen wir uns ohnehin ständig stellen.

Und der kurze, kindliche Wortwechsel war wirklich herzig. Zumindest den alten griechischen Meisterphilosophen Platon hätte diese Bemerkung ins Grübeln gebracht. Für ihn stand die Sonne nämlich gleichnishaft für die Vernunft: Als Quelle von Wärme und Helligkeit sei die Sonne ein Sinnbild für das Gute als Quelle von Wahrheit und Wissen.

Schön gesagt und wie alles allzu Idealistische auch ein wenig weltfremd. Aber die Franzosen des 18. Jahrhunderts nahmen das Bild gerne auf, als sie Licht und Vernunft mit ihrem «siècle des lumières», also dem Jahrhundert des Lichts, neudeutsch Zeitalter der Aufklärung, im Begriff vereint haben. Der Mond hingegen behält das Zwielichtige: Schliesslich zeigt er uns nur seine lächelnde Vorderseite und versteckt seine dunkle Rückseite vor uns. Ein verschlagener, unheimlicher Kerl also.

Dass der Mond für die Romantiker des 19. Jahrhunderts allererste Inspiration für ihre Sehnsucht nach Traum und Realitätsflucht sowie dem zartbitteren Erschauern vor psychischen Abgründen war, liegt auf der Hand. Ich bin allerdings froh, hat der Stille Has Endo Anaconda in seinem Song «All Has» der Romantik eine Ohrfeige verpasst, indem er den Mond als eine «schwarze Warze» bezeichnet.

Die Sonne sah für einmal wie ein abnehmender Halbmond aus.
Bild: Katja Schmidlin

Als rein ästhetisches Phänomen war diese Sonnenfinsternis eine arge Enttäuschung: eine weisse Scheibe, die von einer dunklen Scheibe langsam überdeckt wird. Null Tempo, null Dramatik. Das erinnert ein wenig an die Anfänge der abstrakten Malerei. Aber man will nun gar nicht zum missmutigen Spötter werden.

Denn am Ende zählt ganz einfach der soziale Moment – mit lustigen Kurzdialogen, Staunen, Schwärmen und schlauem bis lächerlichem astronomischem Halbwissen. Alle reden darüber, so wie über den Kinohit «Die Odyssee». Gut so. Solche Lagerfeuermomente sind wohltuend. Und dann kann man die philosophischen Fragen gut und gerne wieder beiseitelegen, weil man erkennt, dass das Gute eigentlich nicht in Platons Gleichnis, sondern im ganz konkret Gemeinschaftlichen zu finden ist.

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