«Wir entsprechen überhaupt nicht dem Bild der typischen Frau. Es gibt so die Vorstellung, dass die Frau ruhig, lieb und brav ist – dementsprechend erwarten die Leute von uns denn auch schöne, feine, harmlose Musik. Bei uns ist es das Gegenteil. Wir spielen schnell und aggressiv», schrieb Marlene Marder, Gitarristin von Kleenex, in ihrem später als Buch veröffentlichten Tagebuch.
1977 hatte das Punk-Fieber Zürich erfasst. Marder hatte sich gerade von der Frauenbewegung und deren musikalischem Umfeld gelöst. Dass die Musik dort «nicht laut und hart» sein durfte, empfand sie selbst als Einschränkung. «Ich fühlte mich unterdrückt durch die Forderung, welche Musik ich zu hören und zu spielen hätte», schreibt sie.
Marder suchte ein neues musikalisches Wirkungsfeld – und fand Klaudia Schifferle an Bass und Gesang, Schlagzeugerin Lislot Ha und Regula Sing am Leadgesang. Sie waren blutige Anfängerinnen. Doch das gehörte zum Punk. Nur wenige Wochen später und mit gerade einmal vier Songs wagten sie sich auf die Bühne: am 29. März 1978 im Zürcher Club «Hey».
«Die Leute sind begeistert. Etwas Grosses ist am Entstehen», schrieb das Fanzine «No Fun». Entscheidend für den rasanten Aufstieg der Band wurde John Peel. Der einflussreiche englische Radio-DJ war begeistert von der schrillen Frauenband aus Zürich. Bald wurde auch die britische Musikpresse aufmerksam. «Sounds» kürte ihr Debüt zur «Single der Woche»: «Dies ist eine der feinsten Platten dieses Jahres. Kleenex haben Humor, Phantasie und Charme.»
Stücke wie «Hedi’s Head» wirkten wie hingeworfene Skizzen – und genau darin lag ihre Kraft. Statt technischer Perfektion setzte Kleenex auf eine unkonventionelle Spielweise. Die Stimmen klangen brüchig, verspielt, manchmal ironisch. Englisch, Deutsch, Fantasiesprache – erlaubt war, was funktionierte.
Kleenex stand plötzlich im internationalen Rampenlicht und fand später Bewunderer wie Kurt Cobain und Dave Grohl. Der Erfolg blieb auch dem amerikanischen Konzern hinter den Kleenex-Taschentüchern nicht verborgen: Die Band musste ihren Namen ändern. Aus Kleenex wurde Liliput.
Davon liessen sich die Musikerinnen nicht bremsen. Auch musikalisch entfernten sie sich immer weiter vom wütenden Drei-Akkorde-Punk. Das Seemannslied «Die Matrosen» mit seinem fröhlich gepfiffenen Thema oder «When The Cats Away», eine eigenwillige Mischung aus Schweizer Volkslied und Punk, zeigten eine Band, die sich nicht festlegen liess.
Die Kritiker waren begeistert. Der amerikanische Musikkritiker Greil Marcus bezeichnete Liliput als «die derzeit vitalste und eindrücklichste Stimme im zeitgenössischen Rock’n’Roll» und zog eine Verbindung zum Zürcher Dadaismus: «Kleenex/Liliput spielten mit den Möglichkeiten der Freiheit; sie übten Freiheit als Spiel aus.»
Tatsächlich gingen Liliput mit dem Forschergeist kreativer Dilettantinnen ans Werk. Ohne Vorbildung und Ehrfurcht vor musikalischen Regeln probierten sie aus, verwarfen und entdeckten. Gerade das brachte eigenwillige Ergebnisse jenseits von Perfektion und Virtuosität hervor. Selbst sprachliche Unsicherheiten wurden zum Stilmittel: Klaudia Schifferles begrenzte Englischkenntnisse führten, so Marcus, zu originellen Wortspielen und Fantasiesprachen.
Trotz internationaler Anerkennung blieb der kommerzielle Erfolg bescheiden. 1983 löste sich Liliput auf. Zurück blieb ein Werk, dessen Bedeutung sich erst über die Jahre vollständig erschloss. Peel strich dabei besonders die Haltung der Band heraus, die sich gegen die gängigen Geschlechterrollen stellte und die eine klare feministische Botschaft transportierte. Sie machten nicht die «schöne, feine, harmlose Musik», die man von ihnen erwartete, sondern beanspruchten ganz selbstverständlich einen Raum, der Frauen in der Rockmusik kaum zugedacht war. Sie warteten nicht auf Erlaubnis. Sie nahmen sich die Freiheit einfach. Im besten Sinne von Punk.


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