Fussball WM

Das grosse Rätsel Männerträne - Weinen Kerle nur auf gemähtem Rasen?

Das Schönste am Spiel ist nach dem Spiel:  Plötzlich macht Sport wieder Sinn.
Granit Xhaka und Breel Embolo nach dem alles entscheidenden 4:3 im Elfmeterschiessen gegen Kolumbien.
Bild: Toto Marti/Blick/freshfocus

Von Fussball habe ich keinen Schimmer. Abseitsfalle, Doppelpass, Fallrückzieher, Viererkette, alles Chinesisch. Ein Ball, zwei Tore, kann denn das so schwierig sein? Von mir aus soll  jeder Spieler gerne seinen eigenen Ball mitbringen, und sein eigenes Tor, falls es der persönlichen Zufriedenheit hilft.

Mir jedenfalls geht es so: Wenn sich auf einer gemähten Wiese 22 Männer wie junge Hunde benehmen, kann ich darin keinen Sinn erkennen. Typisch Frau? Aber sicher, wir sind das rationale Geschlecht.

Endlich kippen sie aus ihrer Heldenpose

Seit dem Achtelfinal aber, das die Schweizer für sich entschieden hat, ist mir klar: Fussball ist das Grösste! Als nach ewiglangem Warten endlich Schluss war mit dem öden Teil, dem sinnleeren Gerenne, Hin und Her und wieder zurück, hat es mich gepackt.

Die Schweizer, mürbe vom Willen zum Sieg, kippten nach dem Penaltyschiessen aus ihrer Heldenpose und zeigten sich mir zum ersten Mal glaubwürdig – aufgelöst in Tränen. Oder doch nahe daran.

Ich weiss nicht, ob auch das bezeichnend weiblich ist: Attraktiv ist für mich bloss etwas, was echt ist. Jenseits von Regel und Ordnung, von gesellschaftlicher Abmachung und sozialer Erwartung, wahr eben, reinen Herzens.

Verschmuste Männer braucht die Welt

Umgemünzt auf das Spiel gegen Kolumbien heisst das: Die Sportler nach dem Spiel als Gefühlschaoten zu erleben, verschmust und anhänglich, war für mich der überzeugendste und der erotischste Moment des ganzen Abends. So mag ich Fussball, und so verstehe ihn auch.

Was ich dennoch nicht verstehe: Was ist an der Männerträne das Problem, dass sie auf dem Spielfeld mit Gold aufgewogen wird, aber jenseits des Spielfelds Anlass ist, sich zu schämen? Wer eine kleine Ahnung von Geschichte hat, weiss, dass in alten Zeiten nur ein Held war, wer auch öffentlich weinen konnte. Tränen galten bis weit bis ins 18. Jahrhundert als maskulin.

Irgendwann scheint unsere Gesellschaft emotional militarisiert worden zu sein: «Ein Mann weint nicht» gilt seitdem. Oder er weint, wenn es sich gesellschaftlich lohnt, ist mein Verdacht.

Seis drum, meine Sympathie gilt den Weicheiern, den Schlaffis, den Warmduschern, allen Menschen, die sich ihrer Gefühle nicht schämen. Ich wünschte mir jeden Tag mehr davon. Viel mehr. Ob auf einer Wiese oder andernorts, und zwar in allen Lebenslagen. Immerhin trifft man sie am  Fernseher, erschöpfte Männer, die füsseln.

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